222 Tage, tausende Erinnerungen

Im Folgenden gebe ich einen geringen Teil des Alltags meines Freiwilligendienstes auf den Philippinen wieder, von dem ich innerhalb der letzten 4 Monate viel zu wenig berichtet habe.

Insgesamt bin ich 222 Tage auf Reisen gewesen. Geplant wäre ich noch 104 Tage länger geblieben. Das war natürlich ein großer Schock. Nun aber zu einem Blogeintrag, in dem es um die Zeit vor dieser grausigen Botschaft gehen soll.

09.03.2020, Aussicht von unserem Balkon aus, Valladolid
Wenn ich an mein Zuhause denke, dann kommt mir neben meiner aktuellen Wohnsituation natürlich auch gleichzeitig das Haus in den Sinn, in dem ich mehr als 7 Monate verbracht habe. In diesem Haus lebten meine Mitfreiwillige Lone und ich zusammen mit unserer Nanay (=Mutter; Gastoma) und einer anderen älteren Dame zusammen. Neben einem großen Haus gab es ebenfalls noch einen riesigen Garten mit allen möglichen Früchten (Mangos, Kokosnüsse, Bananen, Ananas, Sternfrucht, Jackfruit,…) und auch einen Balkon. Auf diesem Balkon saß ich gerne zum Lesen, beobachten der Straße und selbstverständlich auch dem Lauschen der Karaoke-begeisterten Nachbar/innen. Gegen 17 Uhr konnte man den Sonnenuntergang bestaunen und ab 20 Uhr meist schon Sterne und den Mond beobachten. Dies gehörte zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, insofern mal Zeit für sich selbst anstand.

24.02.2020, Tricycle-Fahrt mit Paul, Alfredo und mir durch Valladolid
Tito (=Onkel) Alfredo hat Lone und mich täglich mit dem Tricycle zur Schule gefahren und selbstverständlich auch wieder abgeholt. Er hat uns begleitet, wenn wir mal direkt nach der Schule zum Markt einkaufen mussten und auch in der Kirche war er immer da. Selbst am Wochenende wollte er einen immer begeistern, doch noch ein kleines Glas Whisky zu trinken. Tito Alfredo war stets an meiner Seite und hat sich tatsächlich wie ein Onkel liebevoll um uns gekümmert. Auf diesem Bild machen Tito Alfredo und ich zusammen mit Paul eine Tour durch unser Dorf, um ihm einen besseren Einblick zu geben.

30.12.2019, eine Überraschungsfeier der Schule zu meinem 20. Geburtstag
Da mein Geburtstag auch gleichzeitig nationaler Feiertag auf den Philippinen (Rizal-day) ist, bekam ich rasch den Spitznamen „Rizalina“. An eben diesem Tag bekam ich 2 große Torten. Einen nachts auf der Pyjama-Party mit den Jugendlichen in der Kirche und eine tagsüber auf dem Schulfest. Beides waren Überraschungsfeiern mit reichlich vielen Geburtstagsliedern. Anscheinend ist es üblich, dass man zirka 2 Wochen vor dem eigentlichen Geburtstag bereits gratuliert und Lieder singt. So kommt es, dass ich vor meinem Geburtstag bereits 14 mal freudig, aber auch peinlich berührt, zu diesen Liedern klatschte. Am Tag selbst waren es dann „nur“ 6 Lieder.

Ich bin meiner Kirchengemeinde und den Lehrer/innen sehr dankbar, dass sie meinen Geburtstag dort unvergesslich machten.

17.03.2020, ein Laden auf unserem Markt im Dorf
Diese Fotos entstanden beide am Tag nachdem ich erfuhr, dass wir ziemlich bald abreisen werden. Tatsächlich war es auch mein letzter Marktbesuch. Zuvor bin ich dort zirka 4-5 mal die Woche gewesen. Und das nicht nur, da ich am liebsten das frische Gemüse hatte, sondern auch, weil es jedes Mal wie ein kleiner Ausflug und viel mehr eine Ausrede war, um durch das Dorf zu schlendern. Von unserem Haus waren es nur wenige Meter zu Fuß. Einmal über die Straße, dann über den Plaza, ein paar mal anhalten um den „Miss Maddie“ zurufenden Schüler „kumusta ka?“ zu sagen, vielleicht mit diesen zusammen noch ein Selfie machen und dann durch den eigentlichen Markt, bis hin zu meinen gewohnten Ständen. Nach dem Gemüsekauf ging es dann in den Laden, der sich ebenfalls im Markt befand. Durch die schmalen Gänge musste man sich hindurch tänzeln und unter den tief hängenden Waren ducken. Ich habe es geliebt, wie man nach und nach eine eigene Taktik entwickelte und plötzlich jeder Handgriff sitzt, man sich nicht mehr nach heruntergefallenen Dingen bücken musste. Jedoch war das Meiste in Portionsgrößen verpackt und um Plastik zu sparen, musste man meistens ins nächste Dorf mit dem Bus fahren. Dies tat ich zirka alle 2 Wochen und war ein richtiger Ausflug, bei dem man besonders seine Sprach-Kenntnisse zeigen konnte.

In diesem Raum verbrachte ich seit Anfang diesen Jahres meinen gesamten Vormittag in der Woche. Es ist eine Art „Vorschule“ für 2-5 jährige Kinder. Ab 5 Jahren kommen diese dann in den Kindergarten und mit 6 oder 7 Jahren in die Grundschule. Meine Aufgabe bestand darin, morgens den Raum vorzubereiten, dann aufgereiht mit den Kindern zur Flaggenzeremonie auf den Pausenhof zu gehen, etwas gemeinsam singen und tanzen, dann ein Tafelbild zu malen und während die eigentliche Lehrerin dann unterrichtet, malte ich die Tafelbilder mit Aufgaben auf das Papier der Kinder (wieso kann ich eigentlich eine Rose, aber keinen Ring malen?). Diese Aufgaben erledigten wir danach gemeinsam in Einzelarbeit mit den Kleinen. Nun gab es eine Frühstückspause. Dazu wurde gebetet und die Kinder holten sich ihr Essen und Trinken aus ihren Taschen oder die Mütter bzw. Väter, die vor der Tür warteten, brachten ihnen etwas. Meistens setzte ich mich zu einem Jungen namens „Jeric“. Er war besonders klein und brauchte häufiger Unterstützung beim Öffnen der Verpackungen: „Open please“, hieß es dann. Nach dem „Thank you ma’am Maddie“ wurde der Müll dann fleißig zum Mülleimer gebracht und weitergessen. Wenn was übrig blieb, wurde mir etwas angeboten mit den Worten: „Gutom ka?“ (=Bist du hungrig?“) und ich antwortete mit: „Salamat, pero busok ko.“ (Danke, aber ich bin satt). Wenn das Essen wieder in den Taschen verstaut und alles zur Ruhe gekehrt war, wurde noch etwas in Aufgabenbücher bearbeitet und die Kinder mussten mehr oder weniger selbstständig lesen und schreiben. Dazu setzte ich mich immer zu unterschiedlichen Schüler/innen. „Tapos na ko.“ hieß es immer freudig, wenn die Aufgaben erledigt waren und endlich wieder Zeit zum Singen war. Ganz am Ende wurden ganz aufgeregt alle Stühle selbstständig zurück gestapelt und gebetet. Nun war Zeit für die Verabschiedung. Dazu diente ein Bild auf Augenhöhe der Kinder an der Wand. Aufgereiht durften die Kinder einzeln nach vorne kommen und auf das Bild drücken, was sie gerne tun wollten. Die einzelnen Kinder entschieden sich jeden Tag für dasselbe und jedes Mal freute ich mich, wie der freche und aufgedrehte Jeric am Ende des Tages am liebsten eine Umarmung hatte, der schüchterne und ruhige Gabin jedoch den Handschlag mit der Faust am coolsten fand.

Nachdem alle der Raum verlassen hatten, musste ich fast immer noch mit einem vergessenen Aufgabenheft heraus rennen und es der jeweiligen Mutter bzw dem Vater in die Hand drücken. Da ohne etwas Smalltalk wieder weglaufen zu können war zum Glück nicht möglich.

22.12.2019, Beschriftung einer Kirchenbank
Morgens um 04:50 Uhr tapste ich wie gewohnt zur Weihnachtszeit in die Kirche, in der ich vorher noch nie gewesen war. Gerne hätte ich mich auf eine der hinteren Bänke gesetzt, jedoch stand dort ein Schild auf der Kirchenbank mit der Aufschrift „Basura Mo, Ibulsa Mo“. „Na gut“, dachte ich, „diese Bank ist wohl reserviert für Herrn Basura und Frau Ibulsa.“. Nachdem ich aber sah, dass die Bank davor dieselbe Aufschrift hatte, wurde ich stutzig. „Mensch, das ist wohl eine Großfamilie mit dem Nachnamen Mo.“. Jedoch war auch die nächste Bank ebenso beschriftet und durch einen Blick auf die anderen Bänke wurde mir bewusst, dass diese wohl keine Sitzplatzreservierung war. „Bestimmt hat die Familie Mo diese gesponsert“, knobelte ich, nachdem ich mich endlich alleine auf eine der Sitzgelegenheiten niederließ. Nach dem Gottesdienst fragte ich die Frau des Bischofs, wer denn Basura und Ibulsa Mo seien. Sie schaute mich verwirrt an und erklärte, dass „Basura Mo, Ibulsa Mo“ so viel wie „Dein Müll, du nimmst ihn mit“ heißt. Selten habe ich um diese frühe Zeit so viel gelacht.

Ja ja, Missverständnisse im Ausland gibt es viele und vor allem im Thema Sprache habe ich so Einige erlebt. Beispielsweise brachte mir ein Freund aus einer anderen Region bei, dass „Basin“ „vielleicht“ bedeutet. Stolz wendete ich also dieses neu erlernte Wort in meinem Umfeld und über den Facebook Messenger an. Mich wunderte zwar, dass keine Resonanz kam, wie bei vorherigem neuen Vokabular, aber warum das so ist, habe ich mich nicht gefragt. Nach zirka 2 Wochen klärte mich meine beste Freundin sichtlich verwundert auf, dass „basin“ in unserem Dialekt gar nicht „vielleicht“ bedeutete, sondern „Toilettenschüssel“. Das war im ersten Moment extrem lustig, im zweiten Moment eher peinlich, wenn ich überlege, zu wie vielen ich ganz trocken „basin“ sagte. Zum Beispiel: „Kommst du später mit uns den Sonnenuntergang anschauen?“ – „Toilettenschüssel.“. Hm, naja mittlerweile finde ich es nur noch unterhaltsam und schaue mir immer noch gerne Chatverläufe an, wo auf mein „basin“ einfach keine Antwort mehr kam.

17.03.2020, Waschecke in unserem Garten
Meine Wäsche musste ich grundsätzlich mit den Händen waschen und dafür vorher etwas Wasser pumpen. Nach den ersten Malen bekam ich schnell Schmerzen in den Fingern und Armen, bis ich meine Technik mit der Zeit perfektionierte. Zudem wechselt man auch weniger die Klamotten, insofern es bei Oberteilen oder Hosen eben einfach noch nicht nötig ist. Eine der schlimmsten Sachen zu waschen waren immer Socken, da man richtig schrubben musste und es so viele gab. Außerdem sind Jeans-Hosen wortwörtlich ziemlich schwer, wenn sie sich erst einmal mit Wasser vollgesogen haben. Somit war meine Schlussfolgerung, so häufig wie möglich Flipflops zu tragen, um auf Socken verzichten zu können und lieber Stoffhosen zu tragen (oder Kleider, dann braucht man nicht einmal ein Oberteil zu waschen – Zwei Fliegen, eine Klappe!).

Das Waschen hat mich irgendwie immer ziemlich entspannt. Man setzt sich einfach mit seinen Sachen in den Garten, pumpt ein wenig und beginnt dann, sitzend auf einer Kiste, zu schrubben. Das Waschmittel riecht wie gewohnt frisch und die Vögel zwitschern, während laute Motorräder auf den Straßen zu hören sind. Mit etwas Glück hat auch der Gekko in unserem Garten sein lautes „ä-ÖÖ“ von sich gegeben. Mit Spaß verbinde ich es zwar nicht direkt, aber beruhigend war es allemal und jedes Mal wenn dann die gute Stunde bis anderthalb vorbei waren und endlich die ganzen Klamotten an der Leine hingen, war ich sehr froh, dass das Spektakel wieder für 1 bis 2 Wochen vorerst vorüber war.


23.02.2020, Jeepney in Bacolod
Für Fernbusreisen, spezielle Einkäufe oder als Ausflug konnte man in die Stadt Bacolod mit dem Bus fahren. Das dauerte so zirka 50 Minuten und nahm eigentlich zeitlich immer einen ganzen Tag ein. Anfangs kam ich überhaupt nicht mit dem Chaos der Stadt klar. Überall auf den Straßen waren Busse, Tricycles und vor allem Jeepneys. Einen offiziellen Fahrplan gibt es dabei nur für die Busse. Tricycles fahren nach individuellem Wunsch und die Jeepneys haben eigentlich immer den eigenen Fahrplan auf die Außenseite geschrieben. Somit muss man immer schauen, was das Ziel eines einzelnen Jeepneys ist. Für mich war das einfachste, mich herum zu fragen und vor allem, immer noch einmal beim Mitfahrenden nachzufragen. Dann setzt man sich einfach auf die Bank dazu (häufig hieß es hier eher „quetschen“) und reicht 8 Peso, wie in Bacolod üblich, an den Sitznachbarn, der es dann weiterreicht, bis das Geld den Fahrer erreicht. Insofern du aussteigen möchtest, musst du irgendwie auf dich aufmerksam machen. Einige klopfen mit der Hand oder einem Ring dazu an die Innenseite des Fahrzeuges oder man kann auch einfach rufen. Ich für meinen Teil habe anfangs noch immer auf google maps verfolgt, wann ich aussteigen muss und dann ganz freundlich meinen Sitznachbarn gefragt, ob dieser Bescheid geben könne. Gegen Ende jedoch wusste ich selbst, wo ich wann aussteigen und auf mich aufmerksam machen konnte. Es ist erstaunlich, wie schnell ich mich an die, mir anfänglich chaotisch vorkommenden, Verkehrsmittel gewöhnt habe. Mittlerweile vermisse ich es total. Denn, wenn ich in Bacolod auf den Busbahnhof gelaufen kam, dann wussten die Ticketkontrolleure der einzelnen Busse häufig, wohin ich muss und so hielten gerade abfahrende Busse manchmal noch für mich an, ohne dass ich etwas sagen musste.Was ein Service. Da mein Dorf aber sowieso ein Ort ist, durch den fast jeder Bus muss, war warten eigentlich nie das Problem und ich konnte fast in jeden Bus steigen.

So, nun hoffe ich, dass ihr einen kleinen Überblick über meine Zeit gewinnen konntet. Bleibt gesund und passt auf euch auf!

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