Abflug

Es ist Montag, der letzte Tag vor der Abreise. Heute ist das Packen meines Koffers, andere organisatorische Dinge klären und ein schöner Abend am Deich geplant.
Beginne ich damit, dass mein Wecker erst gegen 10 Uhr klingelte, da ich gerne noch einmal im eigenen Bett ausschlafen wollte. Gemächlich frühstückte ich und genoss meine vorletzte Dusche in Deutschland. Um 12 Uhr sollte der online Check-in starten. Das bedeutet, ich saß seit 11:30 Uhr an meinem Handy und aktualisierte die KLM-App minütlich. Leider nur war vorerst kein Check-in möglich und so vergeudete ich einen Teil meiner Zeit. Während des Wartens rief ich noch ein letztes Mal bei meinem Lungenarzt an, um sicherzugehen, dass mit meinem Asthma und den Kortison Tabletten für den Flug alles in Ordnung sei. Danach war auch noch Zeit für einen Anruf bei meiner Bank, denn ich wollte mir online Geld auf meine Kreditkarte überweisen, um dies vor Ort nutzen zu können. Schade nur, dass dies nicht möglich war und ich jetzt auf einen Code warte, der mit der Post geschickt werden muss. Somit kann ich die erste Woche auf den Philippinen kein online-banking oder meine Kreditkarte nutzen und bin darauf angewiesen, dass meine Mutter mir den Brief inklusive Code abfotografiert. Blöd gelaufen.


Um zirka 12:40 Uhr begann der online check-in. Über die App klappte aber leider gar nichts und deswegen musste die Internetseite her. Kurz: Es hat funktioniert und wir haben die Plätze bekommen, die wir gerne wollten.

Gemeinsam mit meiner Familie aßen wir am Deich zu Abend. Es gab Krabben-Brötchen und eine gratis Aussicht auf das Wattenmeer samt Sonnenuntergang.
Dann ging es so langsam um die Königsdisziplin – das Koffer Packen. Wochenlang hatte ich bereits eine Kiste in meinem Zimmer stehen, in der alle Besorgungen landeten, die mit sollten. Auch die Packliste stand bereits, aber ob diese vollständig war? Das wird sich wohl erst herausstellen, sollte ich etwas vor Ort vermissen.
Leider hat aber nicht alles in einen Koffer gepasst und es waren außerdem mehr als 23kg. Also beschloss ich, zwei Koffer mitzunehmen. Mit dem Risiko, dass ich so beim Inlandsflug Probleme haben könnte, bin ich letztendlich schlafen gegangen.

Nun ist es soweit: Dienstag, der 13.08.2019. Um 7 Uhr begann mein Tag mit einer ausgiebigen Dusche. Dann frühstückten wir gemeinsam mit meiner Oma und letztendlich standen meine kleine Schwester, Mutter und ich am Bahnhof. Der Ticketautomat war selbstverständlich kaputt, klar. Dafür gab es aber nur 10 Minuten Verspätung des Zuges, die wir im Laufe der Fahrt nach Hamburg sogar noch aufholen konnten. Am Airport kamen wir um 13:10 Uhr an und der Flug ging um 18:35 Uhr. Also war noch mehr als genug Zeit für ein Mittagessen und das Genießen der Aussicht auf die startenden und landenden Flugzeuge.
Gegen 15 Uhr war dann auch Lone samt Familie am Airport. Um 18 Uhr sind wir durch die Sicherheitskontrolle und mussten uns somit endgültig für 11 Monate von unseren Liebsten verabschieden. Das hat erstaunlicherweise ganz ohne Tränen geklappt und verlief reibungsloser als gedacht.
Da absolut nichts Spannendes auf dem Weg nach Amsterdam passiert ist, überspringe ich den Teil und es geht direkt ins Flugzeug Richtung Manila mit einem Zwischenstopp in Taipeh.
33a. Auf diesem Sitzplatz würde ich also die nächsten 15 Stunden sitzen. Es war ein Fensterplatz, da habe ich beim Einchecken extra drauf geachtet. Gespannt beobachtete ich den Start und erfreute mich mit den Kreislaufproblemen und genereller Flugangst  am Sonnenuntergang. Dann kam das erste Tief: Um uns herum saßen vier Kleinkinder, die motiviert waren, volle 15 Stunden laut zu sein. Beginnend damit, dass ein Spiel auf dem Bildschirm hinter mir wohl so spannend und aufregend war, dass dort mit Kraft herumgedrückt werden musste. Nachdem dann noch ein paar Mal an meinen Haaren gezogen wurde, gaben alle Ruhe. Vielleicht lag es daran, dass die Eltern sich einfach mit Kopfhörern einen Film ansahen und die Kinder bemerkten, dass sie somit nur wenig Aufmerksamkeit erhalten würden – egal, wie laut sie denn nun seien. Allerdings muss man den Kindern eines lassen: Sie sprachen sehr gutes Englisch. Mit einem britischen Akzent unterhielten sich die kleinen Geschwister über alltägliches, wie zum Beispiel: „You are not allowed to eat sweets. Only the good children.“ Somit wurde das zirka 4 Jahre alte Kind beim Essen der Bonbons außen vor gelassen. Unverständlich meiner Meinung nach – als mir mein Kissen dem Kind vor die Füße gefallen ist und alle um ihn herum schliefen, da hat er seine ganze Kraft aufgewendet und mir mein Kissen zurück gegeben. Fast vom Sitz gefallen ist der arme Junge. Von mir hätte er einen Bonbon bekommen – ich hatte nur leider keinen.


Eigentlich wäre es ziemlich praktisch gewesen, dass so ein Kleinkind hinter mir saß, denn somit würde ich ihm keine Beinfreiheit wegnehmen, sollte ich den Sitz nach hinten stellen. Hätte ich doch nur gewusst, wie man dieses Wunder vollbringt. Leider bin ich noch nie wirklich geflogen und die Suche nach einem Knopf oder Ähnlichem war vergeblich. Gerne hätte ich Lone gefragt, aber als mir einfiel, den Sitz nach hinten zu machen, schlief sie bereits und nach 8 Stunden zu fragen, wie der Sitz zu verstellen ist, war mir dann doch etwas unangenhem.


Nun saß ich da: Kerzengerade und mit Rückenschmerzen, aber überglücklich. Glücklich über die Aussicht mit dem Fensterplatz, den Film den ich sah und die Decke, die alles bequemer machte. Nur schlafen konnte ich nicht. Denn, wie soll das gehen, mit einem Kaugummi im Mund? Druck auf den Ohren wollte ich nicht riskieren, aber müde war ich trotzdem. Das sind die Probleme, an die ich als Erst-Flieger nicht gedacht hätte.


Langsam wurde es spät und ich freute mich schon auf die Aussicht über der Gobi-Wüste. Dann der Schock: Da es draußen hell war, aber in Deutschland allmählich Schlafenszeit, mussten die Fensterrollos geschlossen werden. Damit wurde meine Hoffnung also zerstört.


Also gut, mittlerweile schläft fast ausschließlich das gesamte Flugzeug, außer mir. Schade nur, dass ich langsam mal hätte zur Toilette müssen. Nun saß ich also auf meinem Sitz 33a: Kerzengerade, müde, ohne Aussicht und keine Möglichkeit, aufzustehen. Einen wirklich tollen Fensterplatz hatte ich da.
Um mir die Zeit etwas zu vertreiben, hörte ich Musik. Langsam realisierte ich, was nun bald auf mich zukommen würde. 11 Monate lang weg von der Familie, weg von meinen Freunden, weg von der Nordsee. Still und heimlich kullerten mir einige Tränen übers Gesicht. Ob es Trauer- oder Freudentränen waren weiß ich nicht. Ein Stewardess verteilte etwas an die wenigen Betroffenen, die nicht schlafen konnten. Ich hoffte, es sei Wasser, denn meins war mittlerweile leer. Er drückte mir etwas kaltes in die Hand und da verstand ich, dass es kein Wasser war. Es war ein Eis. Wer hat beschlossen, dass Menschen um 2 Uhr nachts gerne ein Milchspeiseeis essen würden? Bevor ich mein Eis zurückgeben konnte, war der Stewardess schon weg. Na toll. Total verheult saß ich da mit meinem Eis, das ich wohl oder Übel essen musste, sonst würde es schmelzen. Im Endeffekt hat mich dieses Eis wirklich sehr erfreut, gerade wenn man traurig ist, dann passt es einfach. Aber was die anderen Passagiere mit einem Eis um 2 Uhr morgens wollten, das frage ich mich immernoch.
Da weinen so müde macht, habe ich es doch geschafft, zika 1,5 Stunden zu schlafen.

Um 3:30 Uhr wachte ich auf und wir waren genau über der Gobi-Wüste. Orangene Sonnenstrahlen kamen durch den Spalt am Fenster. Wie gerne hätte ich es aufgerissen und die Aussicht genossen. Also wagte ich ein Experiment: Ich gehe mit dem Kopf unter die Decke und öffne dann den Fensterschutz. Nur einen kleinen Spalt. Die Sonnenstrahlen würden von der Decke aufgehalten und somit kein Fahrgast gestört werden. Gesagt getan: Mein Kopf verschwand unter der Decke, ich lehnte mich zum Fenster und öffnete voller Freude den Schutz. – Zack! Für einen Moment dachte ich, ich sei erblindet. Von der Wüste war nichts zu sehen. Nur schneeweiße Wolken, die meine gesamte Sitzreihe erhellten. Somit war die Annahme, dass die Decke auch nur ein wenig Sonnenstrahlen aufhalten würde, grundlegend falsch.

Völlig blind und enttäuscht lehnte ich mich wieder in meinen Sitz zurück (auch wenn „zurücklehnen“ bei meinem 90° Sitz wohl durchaus übertrieben ist). Das war wohl nichts.
In Taipeh mussten wir einmal aussteigen und neu boarden, auch wenn es das gleiche Flugzeug geblieben war und keine neuen Passagiere dazu kamen. Mehr als die Hälfte hatte allerdings ihr Ziel mit Taipeh erreicht.

Nach zirka 2 Stunden Flug landeten wir ein wenig zu früh in Manila. Mit dem Visum für Touristen, das einen Monat anhält, hat alles schnell geklappt. Einige Fragen wurden gestellt und dann bekamen wir unseren Stempel im Reisepass.
Dann ging es für uns zum Meeting-Point des Flughafens, wo wir abgeholt werden sollten. Zirka 10 Minuten standen wir dort und suchten nach einem Schild oder Ähnlichem. Das WLAN funktionierte nur mit einer philippinischen Handynummer, somit konnten wir nicht einmal jemanden erreichen.
Nun stand ich da zusammen mit Lone und wartete, bis mein Abenteuer beginnt, in dem ich mich schon längst befand.


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