Argentinien: unbegreiflich? – Unbegreiflich schön!

„Wenn Sie, verehrte Leserin und verehrte Leser, verwundert feststellen, dass

  • Sie an der Uni 12 Semester Spanisch gelernt haben und jetzt einen Übersetzer brauchen, um ein Busticket zu kaufen;
  • Die Menschen um Sie herum mit einer Thermoskanne unter dem Ellenbogen und einem Matebecher in der Hand auf die Welt gekommen zu sein scheinen;
  • Einheimische, die Ihnen bis vor fünf Minuten unbekannt waren, Sie als hermano („Bruder“) oder amigo („mein Freund“) oder querido („mein Lieber“) anreden;
  • Der Straßenverkehr Ihnen vorkommt wie Bürgerkrieg auf vier Rädern;
  • Sie vor einem Grillrost stehen, auf dem eine halbe tote Kuh geröstet wird, und der Gastgeber sagt: „Ich weiß nicht, ob das für uns beide reicht“; (…)
  • Das ganze Land einer Gruppe von Inseln hinterherzutrauern scheint, die knapp vor dem Südpol liegen und außer Schafscheiße nicht viel zu bieten haben;
  • Morgens, mittags, abends, im Joghurt, auf dem Brot, im Kuchen, im Marmeladenglas dulce de leche serviert wird;
  • In der gesprochenen Rede auf jedes normale Wort dreimal dale („auf geht’s!), viermal che („ey“) und sechzehnmal boludo („Schwachkopf“) kommen;
  • Ein einheimischer Bekannter Ihnen am Handy mitteilt: „Ich bin nur fünf Straßenblöcke von dir entfernt“- und Sie nach anderthalb Stunden immer noch warten;
  • Die Menschen um Sie herum nicht bei Ihren Vornamen, sondern nur „Dicke“, „Dünne“, „Zwergin“, „Glatzkopf“ gerufen werden;
  • Sie bei Einheimischen zum Abendessen eingeladen sind und um Mitternacht die Vorspeise abgeräumt und so langsam der Hauptgang aufgetragen wird; (…)
  • Die Einheimischen Sie entgeistert anschauen, sobald Sie sagen, wie gut es Ihnen doch in Lateinamerika gefalle, dann sind Sie, verehrte Leserinnen und Leser, in Argentinien.

Das ist nicht schlimm, kein Grund zur Panik, das ist schon vielen vor Ihnen passiert und wird anderen nach Ihnen passieren. Was Sie in solchen Fällen tun können und vor allem warum das alles so ist – das wissen Sie hoffentlich nach Lektüre dieses Buches.
Wenn Sie dieses Land allerdings ausgiebig bereist haben, wenn sie Freundschaften oder gar Liebschaften mit Einheimischen geschlossen haben, wenn sie Bücher über Argentinien gelesen und Filme gesehen haben, wenn Sie also kurzum das Gefühl haben, das Land gut zu kennen, aber Sie gleichzeitig das Gefühl haben, je mehr Sie über Argentinien wissen, desto weniger begreifen Sie das Land – dann, aber auch wirklich erst dann haben Sie Argentinien verstanden.
Dann allerdings sollten sie die Finger von diesem Buch lassen. Es wird Ihnen auch nicht weiterhelfen.“
Diese Zeilen küren das Vorwort in dem Buch „Gebrauchsanweisung für Argentinien“ und lassen mich jedes Mal aufs Neue schmunzeln. Einige von euch werden wahrscheinlich nicht viel mit dem Gefasel dieser Worte anfangen können, wobei auch zu ergänzen ist, dass Manches etwas übertrieben dargestellt ist. Dennoch haben mich diese Stichpunkte von Anfang an gefesselt und mir meiner aktuellen Lage bewusst gemacht. Meine Gedanken dazu wollte ich daher gerne mit euch teilen. Nach meinen nun 4 Monaten in Südamerika bin ich jedem einzelnen oben genannten Szenarien schon mindestens einmal begegnet und es war, als würde jemand meine aktuelle Vorstellung von Argentinien zu Papier gebracht haben. Einfach auf den Punkt gebracht. Besonders der tägliche Gebrauch von dulce de leche und Mate ist mir mittlerweile ein Ritual und unvergesslich worden. Dulce de Leche, zu vergleichen mit Nutella, aber deutlich karamelliger wird hier zu wirklich allem serviert. Doch man muss selber entscheiden, ob man es liebt oder hasst. Ich habe mich glaube ich einfach dran gewöhnt und könnte mir keinen Nachmittagssnack mehr im Kindergarten ohne dieses furchtbar süße Zubehör vorstellen. Mag sein, dass sich auch langsam eine Sucht ausgebildet hat, was natürlich unvorteilhaft für den bevorstehenden Sommerurlaub ist. Aber nun gut. Suchtgefahr bildet sich auch beim Mategenuss aus. Das traditionelle, heiße Getränk, welches aus einem Matebecher mit bombilla („Strohhalm“) getrunken wird, ist ein Muss beim Frühstückstisch und auch sonst bei jeder Tageszeit. Da kann es auch schonmal passieren, dass große Hektik in Küche des Kindergartens ausbricht, wenn kein Yerba mehr vorhanden ist. Und nein, nicht jeder hat sein eigenes Becherchen, hier wird, egal wie groß die Runde ist, aus einem Matebecher getrunken, was ein Gefühl von Gemeinschaft hervorrufen lässt. Eine Tradition, die ich definitiv mit nach Deutschland nehmen werde, zumal Wachheit ein netter Nebeneffekt des Getränks ist.
Doch auch wenn ich meine, einiges schon sicher von Argentiniens Kultur zu wissen, bringt es das Buch gut auf den Punkt, dass trotz all dem immer noch Momente auftreten, wo man einfach nicht versteht, was gerade passiert. Doch dazu zählen eben auch die Momente, die zwar überraschend aber sonst einfach bloß schön und überwältigend gastfreundlich sind. Die Male, wo ich im Bus angesprochen werde und in ein nettes Gespräch gewickelt werde oder mir gesagt wird, dass ich auf mich aufpassen solle, als würde sich jemand Fremdes um mich Sorgen machen. Die Male, wo wir auf der Zugfahrt nach Capital plötzlich mitten bei einem Lifekonzert, einer Zumbastunde oder einer Magiershow dabei sind. Die Male, wo uns unser freundlicher Obsthändler noch zusätzlich ein paar Früchte gratis unterjubelt, wo der Einkauf doch eh umgerechnet bloß 1,50 € kostet. Oder eben dieses Mal, wo wir von einer uns eigentlich noch gar nicht so bekannten Familie aus unserer Gemeinde zum Weihnachtsessen an Heiligabend eingeladen wurden. Eine gastfreundliche Geste, die mich zu tiefst berührt hat und mir dann doch ein wenig Heimwehstimmung entraubt hat. Denn die packte mich die letzten Wochen doch ein bisschen. Zu wissen, dass so langsam alle Zuhause eintrudeln, gemeinsam Plätzchen backen, auf den Weihnachtsmarkt gehen und redselige Abende verbringen, lies mich etwas grübeln und nachdenklich werden. Dennoch kam ich zu dem Entschluss, dass ich einerseits gerne mit meiner Familie an Heiligabend zusammensitzen würde. Andererseits aber bin ich glücklich, die Chance zu haben, einmal in meinem Leben ein kulturell anderes, spiegelverkehrtes Weihnachten erleben zu dürfen. Und bevor ich noch nicht herausgefunden habe, wie es ist ohne das gewohnte Umfeld drum herum Weihnachten zu feiern, darf ich auch noch nicht darüber urteilen. Mag ja sein, dass es ein unvergessliches Fest sein wird. Nein, es wird so sein. Allein die Tatsache, dass ich es in Argentinien bei einer brühenden Hitze mit wunderbaren Menschen, die ich hier kennenlernen durfte, verbringen werden, bestätigt dies.
Und auch wenn mich die Weihnachtsstimmung dieses Jahr noch nicht so wirklich gepackt hat, machen wir Freiwillige hier das Beste draus. Ein kleiner dekorierter Plastikbaum und ein selbstgemachter Adventskalender schmücken zurzeit unsere Wohnung und es dauert nicht mehr lange, bis wir unseren Vorweihnachts – Trip nach Tigre antreten. Dort werden wir uns ein wenig `mental´ auf unsere eigentliche, große Reise vorbereiten.
Denn die startet am 28. Dezember. Drei Wochen Reisen durch ein Land, das ich vielleicht ein wenig zu verstehen meine, durch verschiedenste Städte mit verschiedensten Temperaturgraden. Durch ein Land, das immer offen für Überraschungen ist und mir mittlerweile ans Herz gewachsen ist. Das Abendteuer beginnt im Norden von Argentinien, Mendoza, führt über zahlreiche Orte in Patagonien und endet mit einem Stopp in El Calafate, bekannt für seinen überwältigenden Pertio Moreno Gletscher. Vorfreude auf das Erkunden neuer Orte und das Sammeln neuer Erfahrungen strömen momentan durch meinen Körper, doch auch die Bedenken, wie bloß all meine Klamotten und Dinge für 3 Wochen in einen Reiserucksack passen sollen und, ob mein iPhone Speicher für so viele Fotos reichen wird, durchkreuzen einige dieser Funken voller Eifer.
Aber naja, irgendwie werden wir das schon meistern, dieses vielseitige und vielleicht auch unbegreifbare Land zu erobern.
Und natürlich werde ich mich nach meiner Reise sofort melden, damit ihr erfahrt, ob alles in meinen Rucksack gepasst hat…
Un beso muyyy grande
Eure Eva

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