Ausnahmezustand

Früher als gedacht befinde ich mich nun wieder in Deutschland, der Grund dafür sollte mittlerweile jeder kennen, ohne dass ich ihn schreibe. Ich tue es trotzdem: Corona. Viele Menschen weltweit sind von dem Virus auf unterschiedlichste Weise beeinflusst, so auch meine Mitfreiwillige Leonie und ich. Während wir noch dachten, wir befänden uns in Sicherheit und gesagt haben „Ach hier ist alles prima, ihr braucht euch keine Sorgen machen“ erhielten wir eine E-Mail, die verkündete, unser Freiwilligendienst in Indien sei beendet. Mittlerweile bin ich froh und dankbar in Deutschland zu sein.

Unerwarteter Abschied

Nach der E-Mail folgte ein Anruf, welcher verkündete, wir würden innerhalb von drei Tagen das Land verlassen. Sofort haben wir unsere Freunde alarmiert und Treffen vereinbart, wir wollten jeden noch einmal persönlichen sehen! Ebenso sind wir direkt los gestratzt, um Kleinigkeiten für Familie und Freunde in Deutschland zu besorgen. Nach und nach haben wir dann auch unsere Koffer gepackt und die Wohnung gesäubert. Es ging schnell vorbei, war stressig und mental auch belastend. Dennoch, wir sind glücklich, denn obwohl alles sehr schnell ging, hatten wir die Chance uns von fast all denen zu verabschieden, die wir ins Herz geschlossen haben. Bis auf ein paar Ausnahmen: unsere Gastfamilie saß in ihrem Heimatdorf fest und unser Chef, Kasta Dip, ironischer weise in Deutschland, da er zuvor auf Berufsreise war. Für mich steht so oder so schon fest, dass es kein Abschied für immer ist, sondern ein Aufwiedersehen. Nach hektischen, emotional und auch irgendwie schönen letzten Tagen haben wir unsere Rückreise angetreten.

Das Abenteuer

Wenn ganz viele Leute alle gleichzeitig in ihr Heimatland zurückwollen, während eines Ausnahmezustandes, ist das ein bisschen wie Rubbellos. Wer schafft es bis zum Ziel, wer bleibt auf halber Strecke liegen und wer kommt gar nicht erst weg. Ich würde mal behaupten, wir haben das Rubbellos mit 50 Cent anstatt 1 € ergattert. Nach einigen Komplikationen haben wir es bis nach Delhi geschafft, wo wir enttäuschend feststellen mussten, dass unser Anschlussflug gestrichen wurde. Auch die folgenden Nachrichten, dass wir bis auf weiters in Delhi festsitzen, da alle Flüge nach Deutschland ausgebucht sind und in zwei Tage eine international Flugsperre verhängt wird, hat nicht sonderlich viel zum Aufschwung der Laune beigetragen. Weiter ging die Reihe der guten Nachrichten mit der Information, das sämtliche Hotels uns nicht aufnehmen wollten, aber bevor es zu dramatisch wird, erlöse ich euch: Alles gut, wir haben ein Hotel gefunden. In dem Wissen, das die deutsche Botschaft Rückholaktionen starten wird, haben wir fünf Tage lang in Hotels verweilt und die täglichen Updates des Botschafters Lindner verfolgt. An dieser Stelle möchte ich auch nochmal meinen ganz persönlichen Dank der Deutschen Botschaft aussprechen, die wirklich eine super Arbeit geleistet hat! Vielen lieben Dank! Wieso? Das erfahrt ihr jetzt. Nach Tag fünf wurden wir freundlicher Weise aus dem Hotel geworfen, aber Glück im Unglück, es hat sich um den Tag unserer Abreise gehandelt. Da in Indien ein Versammlungsverbot aufgrund von Corona galt, sind um die 500 Deutsche mit Bussen zum Garten des Botschafters gebracht worden. Dort haben wir mehrere Stunden verweilt, bis wir nachts die Reise zum Flughafen und letztendlich die Heimreise angetreten haben. Die Deutsche Botschaft kümmert sich um mehrere tausend Gestrandete, veröffentlicht täglich auf mehreren Medienkanälen Videos und Informationen zur aktuellen Lage, passt sich kurzfristig an (wenn auf einmal 500 Deutsche auf der Straße sitzen) und schafft es in diesem ganzen Trubel, die Stimmung unten und entspannt zu halten, keine Panik , kein Aufbrausen. Hier natürlich auch nochmal Danke ans ZMÖ, vor allem Nadja, die sich jeden Tag mehrmals gemeldet hat, um zu hören wie es uns geht und unsere Seelsorge war.

Bin ich hier richtig?

Der Abschied von Indien war vom Gefühl her, der Moment, in dem wir Nagpur verlassen haben. Die fünf Tage in Delhi, waren wir bereits nur von Deutschen umgeben und haben in Hotels mit westlichen Standards gelebt, sodass ich viele Dinge, von denen ich dachte, ich würde sie das erste Mal wieder in Deutschland machen, schon dort getan habe: die warme Dusche zum Beispiel. Außerdem hatten Leonie und ich keine Geheimsprache (Deutsch) mehr, da jeder um uns rum, alles verstand, von dem was wir sprachen. Komisch ist das Wort, die diese Zeit am besten beschreibt.

Zuhause angekommen ging es leider komisch weiter. Nach 7 – 8 Monaten das erste Mal seine Familie wieder zu sehen und sie nicht zu umarmen, ist komisch (Zuhause haben wir uns dann doch umarmt, hab natürlich vorher Hände gewaschen;) ). Seine Freunde nicht zu sehen, keinen Alltag zu haben und bei der Tagesschau zu sehen, es wurde die Kategorie „Was sonst so passiert“ eröffnet, das alles ist komisch. Es ist komisch, in seine Heimat zurück zu kommen, aber alles was du mit Heimat verbindest, liegt flach. Ich wusste zwar nicht so ganz wie ich mich fühlen sollte, aber es war sicherlich neben komisch eine Mischung aus Wut, Trauer, Freude… Ein bisschen von jedem. Man schwimmt einfach mit und tut das, was alle tun: sich beschäftigt halten und nicht in einen Trott verfallen.

Während den letzten 3 Wochen verfolge ich auch noch aktiv die Lage in Indien. Mittlerweile ist ein kompletter Shutdown ausgerufen worden, da versucht wird die Ausbreitung des Virus zu verhindern. In einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, großen Städten mit hoher Bevölkerungsdichte, ist Social Distancing jedoch schwer und der Virus bahnt sich seinen Weg. Die Menschen haben Angst, verständlich. Jedoch nicht nur vor dem Virus, sondern vor Ausländern. Noch während ich in Indien war, wurde uns Corona hinterhergerufen, Kinder von uns weggezogen oder direkt kehrt gemacht, wenn man uns erblickt hat. Ich kann es keinem verübeln, der Virus kam von außen und keiner weiß, dass wir schon 7 Monate in Indien sind. Wenn man dann jedoch Geschichten hört, wo andere Touristen mit Steinen beworfen worden, ist man mehr als froh, sich wieder in Deutschland zu befinden.

Während dieser Zeit, dieser komischen Zeit, ist mir eines noch einmal besonders bewusst geworden:  was ein Privileg es ist, Deutsche zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, dass deine Regierung dich zurückholt, wenn du gestrandet bist. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass du in Zeiten von Corona, die Wahl hast, was du mit deiner Zeit machst, es ist ein Privileg, dass ich mich im Moment damit beschäftigen kann, ein Bilderbuch zu machen. Andere haben mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Und ich mich bin mir darüber sehr bewusst.

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