¡Bienvenidxs a Argentina!

Voller Vorfreude und gleichzeitig mit Tränen in den Augen winke ich meinen Eltern aus der Sicherheitskontrolle am Hamburger Flughafen ein letztes Mal zu, und blicke nun neugierig und vielleicht auch etwas unsicher auf den bevorstehenden Freiwilligendienst, auf all das, was mich in Buenos Aires, in Argentinien, auf diesem fremden Kontinent, erwarten sollte. Jetzt sitze ich hier in meinem WG-Zimmer und selbstverständlich mit meinem Mate, mitten im Zentrum von Buenos Aires, und plötzlich wird mir bewusst, es sind schon zweieinhalb Monate vergangen, die Zeit vergeht so unfassbar schnell… Zeit für meinen ersten Blogeintrag!

Aber spulen wir nochmal etwas zurück an den Anfang:
Am Flughafen in Buenos Aires angekommen wurden wir, die anderen Argentinien-, Paraguay- und Uruguayfreiwilligen und ich, herzlich empfangen von der Partnerorganisation Iglesia Evangélica del Río de la Plata, kurz IERP.
Während der Fahrt vom Flughafen in unsere erste Unterkunft ist mir als erstes ein großer Kontrast in Bezug auf die Wohnhäuser und Gebäude, die Landschaft aufgefallen, die ganze Stadt ist in Cuadras aufgebaut, es hat sich so schnell verändert, um die Extreme zu benennen, auf der einen Seite riesige luxuriöse Gebäude (im Zentrum vor allem in europäischem Baustil), auf der anderen ganz eng an- und übereinandergebaute Häuser, einfache Betonbauten, teilweise ohne eingebaute Fenster – das sind jetzt wirklich die Extreme!! – ganz anders als das, was man in Deutschland in Bezug auf die Landschaft gewohnt ist. Dieser Kontrast zieht sich durch die ganze Stadt – eine riesige Stadt, wobei die ganze Provinz Bs.As. der Fläche Deutschlands gleicht – ich war mir dessen zwar irgendwo bewusst, das dachte ich zumindest, aber diese neue Umgebung dann in Echt zu sehen, war doch überwältigend.

Das Einführungsseminar – die Capacitación

Die ersten beiden Wochen Seminar, Capacitación genannt, mit den bis zu 60 anderen Freiwilligen aus den verschiedensten Organisationen waren ziemlich aufregend und anstrengend. Untergebracht war ich in der Esmeralda, einem evangelischen Gemeindehaus direkt im Zentrum von Buenos Aires, insgesamt waren wir 18 Freiwillige und mit sechs habe ich mir das Zimmer geteilt. Das war richtig cool und echt chaotisch, aber vor allem eine super Gelegenheit, meine Mitfreiwilligen besser kennenzulernen und erste neue Freundschaften zu knüpfen.
Während des Seminars haben wir uns mit vielen wichtigen Themen bezüglich des Freiwilligendienstes auseinandergesetzt und sehr viel Input bekommen, eine Einführung ins argentinische Castellano, aber auch gemeinsam gekocht, Folklore getanzt, Macramé (Knüpftechnik Armbänder) gemacht und viele schöne Ausflüge unternommen.
Abgerundet haben wir alles mit einem argentinischen Grillfest, Asado genannt – insgesamt war die Capacitación eine schöne Zeit, vor allem, weil so viele verschiedene Leute aus ganz Deutschland nun auf einem Haufen waren, und es konnten erste neue Freundschaften geschlossen werden.
Geschafft! Die Capacitación ist beendet, jetzt heißt es erstmal Abschiednehmen, teils sogar bis zum Zwischenseminar, denn jetzt begeben sich alle auf die Reise in ihre Einsatzorte, ziehen in ihre ersten richtigen Wohnungen – nur wir drei, meine MitbewohnerInnen und ich, hatten für die ersten zweieinhalb Monate immer noch keine Wohnung für danach – und so bleiben wir für die erste Zeit noch hier in der Esmeralda, mitten im Zentrum, Capital. Zugegeben, am Anfang tat ich mich damit schwer, einfach weil man nicht weiß, wie lange man bleibt und es schwierig ist, mit vorher zwölf und jetzt noch neun anfangs fremden, so unterschiedlichen Menschen zusammenzuleben, keiner seinen Kram wegräumen oder Geschirr spülen will, und sich dann gleichzeitig zu Hause zu fühlen… Und ich will nicht lügen, es war und ist nicht immer einfach. Aber, wie das ZMÖ immer so schön sagt: nur sprechenden Menschen kann geholfen werden! Und nach einigen langen WG-Sitzungen pendelt sich alles immer besser ein und man freut sich, abends von der Arbeit im Projekt (da gehe ich gleich drauf ein) nach Hause zu kommen, denn es gibt immer jemanden, der fragt, wie der Arbeitstag war, und dann werden bis spät in die Nacht die alltäglichen Geschichten geteilt und manchmal sogar noch die Kartenspiele rausgeholt…

Das Leben in Capital Federal

In Capital ist immer was los, viel Verkehr, viele Menschen, Großstadtleben halt, ein riesen Kontrast zu meinem kleinen Flensburg. Mittlerweile gewöhne ich mich immer mehr daran und beginne fast, es zu mögen. Kulturell und historisch gesehen ist es eine super interessante Stadt und hier zu wohnen eine große Chance, mehr darüber zu erfahren. Und gerade weil hier immer was los ist, kann man auch an Vielem teilnehmen. Es gibt zahlreiche Events und Feste, letzten Monat bspw. die große Asado-Grillmeisterschaft vor dem Obelisco, der weniger als fünf Minuten von meiner jetzigen Wohnung entfernt ist, dann ein kostenloses Mozartkonzert, das Festival de Colectividades, an dem mehr als 50 verschiedene Kulturen anwesend waren auf der Avenida de Mayo bis hin zur Plaza de Mayo (dort wo das Regierungsgebäude des Präsidenten= Casa Rosada steht, und die große Catedral Metropolitana, in der vorher Papst Franziskus tätig war), oder das Festival Mundial de Tango. Auf jeden Fall erlebe ich hier ordentlich was!
Gerade weil ich so zentral gelegen bin, komme ich von hier aus überall hin mit Bus und U-Bahn, der Subte. Für mich als privilegierte deutsche Freiwillige, anders als für die Menschen hier, im Vergleich zu Deutschland billig, eine Fahrt kostete anfangs 30, jetzt nach gerade mal einem Monat 42 Pesos, das sind umgerechnet mit dem guten Kurs ca. 14 Cent – ich will nicht abschweifen, aber um es trotzdem einmal anzuschneiden: die Preise steigen, die Inflation von jetzt über wahnsinnigen 80 Prozent schießt weiter in die Höhe und wird bis Ende des Jahres auf 100 Prozent geschätzt… das war nur ein Beispiel, auch beim Einkaufen im Supermarkt fällt es auf bei alltäglichen Produkten wie bspw. Milch oder Eiern. Für mich als privilegierte Deutsche macht es keinen gravierenden Unterschied – für die Menschen, die hier Leben und arbeiten, sind die instabile Wirtschaft und damit auch argentinischer Peso ein großes Problem, denn auch, wenn die Preise im Supermarkt und auch überall sonst steigen, heißt das nicht, dass das Gehalt sich anpasst.

Mein Projekt – La Casona

Natürlich bin ich nicht nur zum Sightseeing und Urlaub hier. Direkt nach dem Seminar habe ich mein Projekt kennengelernt, und es war super schön! Am ersten Tag haben die Kinder für uns gesungen und auch die KollegInnen waren und sind super herzlich zu mir und meiner Mitfreiwilligen. Aber was genau ist mein Projekt?
Mein Projekt nennt sich La Casona und liegt im einkommensschwächeren Stadtteil Florencio Varela, im Süden der Provinz Buenos Aires. Grob gefasst fungiert das evangelische Gemeinde- und Tageszentrum als Tagesbetreuung und bietet die verschiedensten Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche an.
Um die Einrichtung von Außen besser zu beschreiben, die Wände hier sind alle bunt bemalt, dabei steht jedes Bild für etwas Bestimmtes oder erzählt seine ganz eigene Geschichte. Es gibt so viele verschiedene Aktivitäten und talleres = Workshops, an denen die verschiedenen Altersgruppen, die Kinder, die Jugendlichen und auch eine Erwachsenengruppe, tagsüber teilnehmen.


Zum einen hat die Casona eine sehr moderne Bäckerei, in der der taller de pana = Bäckerei-Workshop stattfindet. Hier werden die verschiedensten Sachen gebacken und ausprobiert, Kekse, Chipá, Tortillas… für meine KollegInnen hat der Workshop eine besondere Bedeutung: die Kinder und Jugendlichen lernen, selbst etwas zu schaffen, gerade, weil sie teils aus auch sozial sehr schwierigen Verhältnissen kommen, und die Eltern nicht immer die unterstützende stärkende Rolle übernehmen – ein Brot mit ihren eigenen Händen zu schaffen, so lernen sie auf diese wunderbare Art und Weise, dass sie durchaus fähig sind, selbst etwas zu schaffen und ihren eigenen Wert zu erkennen. Im Anschluss dürfen sich die TeilnhmerInnen dann auch immer etwas davon nach Hause mitnehmen, und manchmal bleibt auch etwas für meine KollegInnen und mich übrig ;).


Ein weiteres Angebot für die Jugendlichen ist der Taller de cine= Kino- bzw. Filmworkshop, bei dem die TeilnehmerInnen an den verschiedensten Themen arbeiten und anschließend selbstständig Kurzfilme produzieren. Aktuell arbeitet die Gruppe beispielsweise an einem Kurzfilm über die Militärdiktatur zw. 1976 u. 1983. Bis heute spielt diese Zeit für die Gesellschaft hier eine große Rolle, eine Zeit, in der viele Menschen, auch Kinder, verschwunden und teils nie wieder aufgetaucht sind, bis heute geht die Suche weiter, und die 1977 während der Diktatur entstandene Bewegung „Madres de Plaza de Mayo“, übersetzt „Mütter der Plaza de Mayo“ existiert bis heute und jeden Donnerstag versammelten und versammeln sich Mütter bzw. die abuelas = Omas auf der Plaza de Mayo.


Die Casona ist zudem eine Institution der IERP = Iglesia Evangélica del Río de La Plata und besitzt auch eine “Multifunktionskirche”, diese wird für die verschiedensten Dinge wie zum Beispiel auch für die Workshops genutzt und es gibt auch eine sehr herzliche und supercoole Pastorin, die einige Aktivitäten begleitet und so kommen die Kinder auf eine spielerische Art und Weise in Berührung mit dem christlichen Glauben.

Der taller de huerta = Beet-/Gartenworkshop ist das neuste Projekt der Einrichtung und mein persönliches Highlight im Projekt ;). Hier lernen die Kinder und Jugendlichen nicht nur, ähnlich wie beim Bäckereiworkshop, dass sie mit ihren Händen selber etwas schaffen können, sondern auch, wie wichtig die Erde, die Natur für uns alle ist, dass wir mit ihr im ständigen Einklang stehen und auch eine neue Wahrnehmung dieser, einen aufmerksameren Umgang. Wir haben gemeinsam einen Kompost gebaut und diesen bemalt, es wird fleißig geschaufelt, gemeinsam geplanzt und stetig begossen. Es ist richtig schön immer wieder zu sehen, wie sehr es den Kindern Spaß macht und wie sehr sie, vor allem bei den kleinen Aufgaben aufgehen! Ich persönlich finde genau dieses Angebot super, gerade, weil für mich die Natur um mich herum immer sehr wichtig war und ist, dieser Workshop gibt mir die Möglichkeit, trotz dem anfangs fordernden Großstadtleben etwas heraus zu kommen und wieder innere Ruhe zu finden – die Casona ist wirklich ein besonderer Ort.

Mein Arbeitstag

Jeden Tag kommen verschiedene Gruppen zu verschiedenen Zeiten, von 10-12 Uhr morgens die erste Gruppe mit Kindern im Alter von sechs bis elf Jahren, das nennt sich turno manana, das sind die Kinder, die nachmittags die Schule besuchen. In dieser Zeit bereiten meine KollegInnen beziehungsweise ich ein kleines Frühstück für die Kinder vor, das sind dann meistens Kekse, Brotstücke oder das, was die TeilnehmerInnen vorher in der Bäckerei gebacken haben und was gerade so da ist. Dazu gibt es dann zum Trinken eine Auswahl zwischen einer Tasse Tee, chocolatada = Kakao oder mate cocido = Mate im Teebeutel – hierzu möchte ich sagen, dass es mich am Anfang wirklich sehr schockiert hat, wie viel Zucker jeweils in die Getränke reinkommen und generell wie viel Zucker die Kinder im Projekt konsumieren. Für sie ist es hier normal, mehrere Löffel Zucker in die Tasse Tee und sogar in die Chocolatada zu fügen, und mittlerweile habe ich mich auch daran gewöhnt, aber zu Beginn war für mich alles schon ziemlich süß. Aber zurück zum Ablauf: Vor dem Essen wird immer gesungen, entweder „Badabadam“ oder der „rap de la bendición“, um das gemeinsame Essen zu segnen und dafür zu danken – das finde ich immer besonders schön. Jetzt fassen wir uns alle an die Hände und sagen “¡Buen pro-ve-cho!“ = Guten Apetit!
Nach dem gemeinsamen Fühstück kommen entweder talleristas, die mit den Kindern verschiedene Aktivitäten durchführen wie zum Beispiel Malen, Tanzen, Basteln und noch viel mehr, oder die BetreuerInnen und ich denken uns spontan etwas aus und im Anschluss bleibt immer genug Zeit zum Spielen, drinnen und draußen.
Nun folgen zwei Stunden Pause, in dieser Zeit gehe ich meistens einkaufen oder esse etwas gemeinsam mit meinen KollegInnen. Pause vorbei, jetzt beginnt für mich der turno tarde von 14-17 Uhr, da kommen dann die Kinder, die morgens in der Schule sind, das kann man hier in Argentinien nämlich frei entscheiden. Im Prinzip sind der turno manana und turno tarde relativ gleich aufgebaut, nur, dass letzteres eine Stunde länger geht und andere KollegInnen und Talleristas vorbeikommen. Parallel zur Kindergruppe kommen an manchen Tagen in dieser Zeit auch Jugendliche im Alter von 12 bis 16 bzw. 16 bis aufwärts, diese nehmen dann auch an Workshops teil.
Nach diesen beiden Gruppen endet für mich der Arbeitstag. Meine Mitfreiwillige, die in Adolescentes, also bei den Jugendlichen, eingeteilt ist, bleibt an wenigen Tagen länger und begleitet noch einen letzten Workshop mit entweder älteren Jugendlichen, oder jeden Dienstag Abend mit einer bunt gemischten Gruppe mit jüngeren Erwachsenen.
Am wichtigsten ist es allerdings, nochmal zu erwähnen, was für tolle und liebe Menschen es hier im Projekt gibt!! Von Anfang an geben sich wirklich alle MitarbeiterInnen mit meiner Mitfreiwilligen und mir sehr viel Mühe und versuchen, uns an allem teilhaben zu lassen und ich fühle mich richtig wohl und gut aufgehoben. Es gibt immer ein offenes Ohr und das Umfeld ist sehr familiär und der Umgang miteinander super herzlich – ich weiß jetzt schon, wie sehr mir die Herzlichkeit zurück in Deutschland fehlen wird. Die Casona ist, einfach durch die Menschen, ein so besonderer Ort, es ist eine kleine Familie, und ich bin dankbar, ein Teil davon sein zu dürfen. Dankeschön.

😉
Meine neue argentinische Familie und meine argentinischen hermanas – die Schwestern, nach denen ich immer gesucht habe ≤3

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