Ausnahmezustand

Früher als gedacht befinde ich mich nun wieder in Deutschland, der Grund dafür sollte mittlerweile jeder kennen, ohne dass ich ihn schreibe. Ich tue es trotzdem: Corona. Viele Menschen weltweit sind von dem Virus auf unterschiedlichste Weise beeinflusst, so auch meine Mitfreiwillige Leonie und ich. Während wir noch dachten, wir befänden uns in Sicherheit und gesagt haben „Ach hier ist alles prima, ihr braucht euch keine Sorgen machen“ erhielten wir eine E-Mail, die verkündete, unser Freiwilligendienst in Indien sei beendet. Mittlerweile bin ich froh und dankbar in Deutschland zu sein.

Unerwarteter Abschied

Nach der E-Mail folgte ein Anruf, welcher verkündete, wir würden innerhalb von drei Tagen das Land verlassen. Sofort haben wir unsere Freunde alarmiert und Treffen vereinbart, wir wollten jeden noch einmal persönlichen sehen! Ebenso sind wir direkt los gestratzt, um Kleinigkeiten für Familie und Freunde in Deutschland zu besorgen. Nach und nach haben wir dann auch unsere Koffer gepackt und die Wohnung gesäubert. Es ging schnell vorbei, war stressig und mental auch belastend. Dennoch, wir sind glücklich, denn obwohl alles sehr schnell ging, hatten wir die Chance uns von fast all denen zu verabschieden, die wir ins Herz geschlossen haben. Bis auf ein paar Ausnahmen: unsere Gastfamilie saß in ihrem Heimatdorf fest und unser Chef, Kasta Dip, ironischer weise in Deutschland, da er zuvor auf Berufsreise war. Für mich steht so oder so schon fest, dass es kein Abschied für immer ist, sondern ein Aufwiedersehen. Nach hektischen, emotional und auch irgendwie schönen letzten Tagen haben wir unsere Rückreise angetreten.

Das Abenteuer

Wenn ganz viele Leute alle gleichzeitig in ihr Heimatland zurückwollen, während eines Ausnahmezustandes, ist das ein bisschen wie Rubbellos. Wer schafft es bis zum Ziel, wer bleibt auf halber Strecke liegen und wer kommt gar nicht erst weg. Ich würde mal behaupten, wir haben das Rubbellos mit 50 Cent anstatt 1 € ergattert. Nach einigen Komplikationen haben wir es bis nach Delhi geschafft, wo wir enttäuschend feststellen mussten, dass unser Anschlussflug gestrichen wurde. Auch die folgenden Nachrichten, dass wir bis auf weiters in Delhi festsitzen, da alle Flüge nach Deutschland ausgebucht sind und in zwei Tage eine international Flugsperre verhängt wird, hat nicht sonderlich viel zum Aufschwung der Laune beigetragen. Weiter ging die Reihe der guten Nachrichten mit der Information, das sämtliche Hotels uns nicht aufnehmen wollten, aber bevor es zu dramatisch wird, erlöse ich euch: Alles gut, wir haben ein Hotel gefunden. In dem Wissen, das die deutsche Botschaft Rückholaktionen starten wird, haben wir fünf Tage lang in Hotels verweilt und die täglichen Updates des Botschafters Lindner verfolgt. An dieser Stelle möchte ich auch nochmal meinen ganz persönlichen Dank der Deutschen Botschaft aussprechen, die wirklich eine super Arbeit geleistet hat! Vielen lieben Dank! Wieso? Das erfahrt ihr jetzt. Nach Tag fünf wurden wir freundlicher Weise aus dem Hotel geworfen, aber Glück im Unglück, es hat sich um den Tag unserer Abreise gehandelt. Da in Indien ein Versammlungsverbot aufgrund von Corona galt, sind um die 500 Deutsche mit Bussen zum Garten des Botschafters gebracht worden. Dort haben wir mehrere Stunden verweilt, bis wir nachts die Reise zum Flughafen und letztendlich die Heimreise angetreten haben. Die Deutsche Botschaft kümmert sich um mehrere tausend Gestrandete, veröffentlicht täglich auf mehreren Medienkanälen Videos und Informationen zur aktuellen Lage, passt sich kurzfristig an (wenn auf einmal 500 Deutsche auf der Straße sitzen) und schafft es in diesem ganzen Trubel, die Stimmung unten und entspannt zu halten, keine Panik , kein Aufbrausen. Hier natürlich auch nochmal Danke ans ZMÖ, vor allem Nadja, die sich jeden Tag mehrmals gemeldet hat, um zu hören wie es uns geht und unsere Seelsorge war.

Bin ich hier richtig?

Der Abschied von Indien war vom Gefühl her, der Moment, in dem wir Nagpur verlassen haben. Die fünf Tage in Delhi, waren wir bereits nur von Deutschen umgeben und haben in Hotels mit westlichen Standards gelebt, sodass ich viele Dinge, von denen ich dachte, ich würde sie das erste Mal wieder in Deutschland machen, schon dort getan habe: die warme Dusche zum Beispiel. Außerdem hatten Leonie und ich keine Geheimsprache (Deutsch) mehr, da jeder um uns rum, alles verstand, von dem was wir sprachen. Komisch ist das Wort, die diese Zeit am besten beschreibt.

Zuhause angekommen ging es leider komisch weiter. Nach 7 – 8 Monaten das erste Mal seine Familie wieder zu sehen und sie nicht zu umarmen, ist komisch (Zuhause haben wir uns dann doch umarmt, hab natürlich vorher Hände gewaschen;) ). Seine Freunde nicht zu sehen, keinen Alltag zu haben und bei der Tagesschau zu sehen, es wurde die Kategorie „Was sonst so passiert“ eröffnet, das alles ist komisch. Es ist komisch, in seine Heimat zurück zu kommen, aber alles was du mit Heimat verbindest, liegt flach. Ich wusste zwar nicht so ganz wie ich mich fühlen sollte, aber es war sicherlich neben komisch eine Mischung aus Wut, Trauer, Freude… Ein bisschen von jedem. Man schwimmt einfach mit und tut das, was alle tun: sich beschäftigt halten und nicht in einen Trott verfallen.

Während den letzten 3 Wochen verfolge ich auch noch aktiv die Lage in Indien. Mittlerweile ist ein kompletter Shutdown ausgerufen worden, da versucht wird die Ausbreitung des Virus zu verhindern. In einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, großen Städten mit hoher Bevölkerungsdichte, ist Social Distancing jedoch schwer und der Virus bahnt sich seinen Weg. Die Menschen haben Angst, verständlich. Jedoch nicht nur vor dem Virus, sondern vor Ausländern. Noch während ich in Indien war, wurde uns Corona hinterhergerufen, Kinder von uns weggezogen oder direkt kehrt gemacht, wenn man uns erblickt hat. Ich kann es keinem verübeln, der Virus kam von außen und keiner weiß, dass wir schon 7 Monate in Indien sind. Wenn man dann jedoch Geschichten hört, wo andere Touristen mit Steinen beworfen worden, ist man mehr als froh, sich wieder in Deutschland zu befinden.

Während dieser Zeit, dieser komischen Zeit, ist mir eines noch einmal besonders bewusst geworden:  was ein Privileg es ist, Deutsche zu sein. Es ist nicht selbstverständlich, dass deine Regierung dich zurückholt, wenn du gestrandet bist. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass du in Zeiten von Corona, die Wahl hast, was du mit deiner Zeit machst, es ist ein Privileg, dass ich mich im Moment damit beschäftigen kann, ein Bilderbuch zu machen. Andere haben mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen. Und ich mich bin mir darüber sehr bewusst.

Das India Peace Centre – unsere kleine grüne Insel

Die letzten 7 bis 8 Monate habe ich in Nagpur verbracht. Wo das sein soll? Ja das habe ich mich auch gefragt, als ich das erste Mal diesen Namen gehört habe. Nagpur ist eine 2,4 Millionen Einwohnerstadt, liegt im Herzen Indiens und ist wortwörtlich das geografische Zentrum. Hier liegt das India Peace Centre, ein interreligiöses Zentrum, welches für die letzten Monate mein Wohn- und Arbeitsplatz war.

Das India Peace Centre (IPC) liegt im Zentrum der Stadt und entgegen seiner eher lauten und unruhigen Umgebung, ist das IPC ein harmonischer und ruhiger Ort. Der Campus ist groß und eine grüne Oase, eine große Wiese, viele Bäume sowie Blumen und andere Pflanzen sind vorzufinden. Es ist wie eine kleine grüne Insel inmitten der Stadt, wo man die Ruhe und Zeit findet seinen Alltag zu entschleunigen. Der perfekte Ort für ein Zentrum, welches für Frieden und Gerechtigkeit kämpft.

Leonie, meine Mitfreiwillige, und ich hatten das große Glück nicht nur dort unseren Arbeitsplatz zu haben, sondern auf demselben Gelände, nur ein Haus weiter, eine Wohnung für uns zwei. Wir waren also nicht nur Mitfreiwillige, sondern auch Mitbewohnerinnen und vor allem aber gute Freundinnen!

So nun stellen sich vielleicht einige die Frage: „Und was genau hast du da so gemacht?“. Darauf gebe ich euch gerne eine Antwort! Um einen Schritt in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu gehen, zählt es zur Arbeit des IPC regelmäßig Programme zu verschieden Themen zu veranstalten. Anlässe wie „Earth Day“, „International Day of Peace“ oder der Geburtstag von Gandhi werden genutzt, Aktionen sowie Diskussionen in der Gesellschaft zu platzieren. Dafür werden Gäste aller Religion und Herkunft eingeladen, um in den Austausch zu kommen, zu lernen und Erfahrungen zu teilen… Meine Aufgabe war es genau, diese Programme auf die Beine zu stellen. Sprich: Sprecher sowie Gäste einladen, Poster und Banner designen, Zeitungsartikel schreiben, sowie die Social Media Seiten zu verwalten. Von Organisationarbeit bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit war also immer was dabei. Flexibilität ist dabei das A und O! Je mehr Zeit verging, desto mehr Verantwortung durften wir übernehmen, sodass wir mit der Zeit mehr und mehr den Inhalt der Programme mitgestaltet haben und aktiv bei deren Durchführung beteiligt waren. Letztlich haben wir einen Workshop zum Thema „Gender Justice and Peace“ komplett eigenständig, ohne Anweisungen, gestalten, vorbereiten und durchführen dürfen.

Das IPC hat ein festes Team. Geleitet wird es vom Direktor Kasta Dip, unser Chef sowie Mentor. Das Büro haben wir uns mit unseren Kollegen Swati sowie Moreshwar geteilt. Gautam und Sanju haben sich zwischenzeitlich um den Garten und das Anwesen gekümmert. Es ist wie eine kleine Familie, hat einer/eine Geburtstag, feiert das ganze Team zusammen, heiratet einer/eine wird das ganze Team eingeladen, tanzt einer/eine, tanzen alle 🙂

An dieser Stelle möchte ich euch Sanju, ein guter Freund und Nachbar, genauer vorstellen. Sanju ist der offizielle Hausmeister des IPC und bis auf Mittwochs in 24 Stunden Bereitschaft hat. Mit seiner Frau Geeta hat er zwei Kinder, Aschwini und Ashwin. Wenn Sanju Stühle umstellt, fegt oder Bilder aufhängt, hat er immer ein kleines Radio dabei. Denn Sanju liebt es zu tanzen, immer und überall. Im Oktober letzten Jahres hat eine Straßenhündin Welpen im Schuppen des IPCs geworfen. Bis auf eines hat leider Keins überlebt und dieses eine wurde Tommy getauft und von Sanju adoptiert. Sanju liebt es, Leute auf den Arm zu nehmen, vor allem Swati, er liebt es zu lachen und mit Moreshwar und Gautam Karten zu spielen. Wenn ich sage, Sanju ist die Sonne in Person, dann meine ich das auch so. Sanju ist der, der tanzt und alle tanzen mit. Schlechte Laune- unmöglich.

Selbst wenn die Uhr halb fünf schlägt, die Arbeit offiziell erledigt ist und sich die kleine IPC Familie auf den Weg Nachhause macht, ist der Tag noch nicht gelaufen! Ebenfalls auf dem Campus wohnt Familie Dip (unsere Gastfamilie bestehend aus Sangeeta und Kasta sowie deren Kinder Anushka und Anubhav). Die Tür stand immer für uns offen, sodass wir gerne Zeit zusammen verbracht haben. Andernfalls haben wir uns mit Freunden getroffen, sind aus gegangen, haben Spiele gespielt und haben getan, was man halt sonst so macht in unserem Alter in Indien: Tanzparty im Wohnzimmer 🙂

Mein Leben im IPC ist, wie das Leben auf einer kleinen grünen Insel. Man kann von dort aus perfekt überall hinschwimmen und den weiten Ozean Indien erkunden.

Schlossfensterblick

“Indien ist ein riesiges Schloss und ihr schaut gerade von Außen in eines dieser Fenster. Und wahrscheinlich steht noch etwas vor dem Fenster, was Euch die Sicht versperrt. Vielleicht schaut ihr in den Ballraum oder in die Abstellkammer. Vielleicht denkt ihr auch, ihr würdet in den Ballsaal schauen und schaut eigentlich in die Abstellkammer oder anders herum.  Im Endeffekt bekommt ihr einen Eindruck. Einen kleinen Eindruck. Diesen zu verwenden, um Aussagen über das gesamte Schloss zu treffen, wäre fatal.” 

Diesen Satz schnappte ich beim Zwischenseminar in Chennai auf und seitdem ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Selten habe ich ein Beispiel gefunden, das die Perspektive, in der ich mich im Kontext meines Lerndienstes befand.

Nun befand ich mich knapp 8 Monate in Nagpur und wenn ich zählen müsste, wie oft ich dachte, Antworten auf meine einfachen, sowie komplexen Fragen im Kontext „Indien“ gefunden zu haben, um diese nach einem Erlebnis in einem anderen indischen Kontext sofort wieder revidieren zu müssen, ginge diese Zahl schier gegen unendlich. Eine Sache ist mir aber mit der verstrichenen Zeit mehr und mehr klar geworden: Ein Aufenthalt, sei er denn für einen Monat oder ein Jahr;  auch ein Job in Indien oder indische Freund*innen machen mich weder zur Indienexpertin, noch geben diese mir das Recht, generelle Aussagen über Indien zu treffen. Ich kann von dem kleinen Fenster, aus dem ich schaue, nicht das ganze Schloss begreifen.

Ich kam in Indien mit dem Wunsch an, Antworten zu finden über dieses Land, seine Kultur und die Vorurteile, die ich mit diesem Land verbinde. Außerdem trieb mich die Frage, nach der Authentizität der westlichen Berichterstattung über den global Süden an. Ich kam mit der Hoffnung an, sagen zu können “das stimmt” und “das stimmt nicht” und finde mich nun in einem Meer aus Fragen wieder und somit weiter entfernt davon einen Satz mit “In Indien ist…” zu formulieren denn je. Ich erlebe mein Indien. Und an einem anderen Ort erlebt jemand sein Indien. Mein Chef erlebt sein Indien, Leona, meine Mitfreiwillige erlebt ihr Indien und würde wahrscheinlich ganz anders über ihre Erfahrungen Bericht erstatten, als ich es täte. Wahrscheinlich würden wir beide auf die Frage “ Wie ist das denn mit den Frauenrechten in Indien?”  anfänglich gleichartige Antworten geben: Wir würden vermutlich erklären, dass es schwierig sei, eine pauschale Antwort auf so eine allumfassende Frage zu geben, dass es auf den Ort in Indien, auf die Kaste, die Sozialisation, den Reichtum, die Bildung und vielerlei anderer Aspekte ankäme, um dann konklusiv zwei Antworten zu erhalten, die komplett unterschiedliche Parameter einbeziehen, um die gestellte Frage einigermaßen differenziert beantworten zu können. 

Ein besonders wichtiger Aspekt an meiner Perspektive ist, dass es eine weiße Perspektive ist. Eine perspektive geprägt von einem unterbewusst weißem Selbstverständnis und einem eurozentristischen Schulsystem. Wenn ich von “Weißsein” spreche, dann meine ich keine biologische Eigenschaft, sondern ein politisches und soziales Konstrukt, das weit über die einfache Pigmentierung meiner Haut hinausgeht.  Mit Weißsein ist eine Dominanz und der Besitz gewisser Privilegien gemeint, die mir eine andere Stellung im Machtverhältnis Rassismus zuordnen.  Mein Weißsein verweist mich an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft und ermöglicht mir einen einfacheren Zugang zu Bildung und Ressourcen. Diese Tatsachen schaffen ein unbewusstes Identitätskonzept, das meine Selbstsicht und mein Verhalten und sicherlich auch meine Berichte hier prägen.  Gleichzeitig sorgt mein offensichtlich weißes Erscheinungsbild dafür, dass ich mich in Situationen wiederfinde, die nicht stellvertretend für eine alltägliche Darstellung Indiens stehen können. Leider ist dieser strukturelle Rassismus noch so sehr in unserer Gesellschaft verankert, dass man die Unterschiede im Umgang mit BI*PoC und weißen Menschen klar erkennen kann. Das schafft für mich einerseits viele Vorteile, wenn man die Möglichkeiten und auch die Verantwortung, die mir entgegengebracht wird materiell summieren würde. Gleichzeitig verbaut mir dieser Hintergrund auch die Möglichkeit, Menschen hier auf einer Augenhöhe zu begegnen. Ich werde die Gesellschaft nie in einer authentischen Form erleben und begreifen können, weil sich diese Differenz, die leider historisch bedingt ist, als überwindbar darstellt. Diesen Anspruch an meinen Aufenthalt zu haben, wäre auch weit verfehlt und einfach nicht realistisch. Deshalb kann ich in meinen Berichten nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten und integriere bevorzugt Interviews und Zitate, die Einblicke in bestimmte indische Perspektiven geben sollen. 

Wenn man Perspektiven betrachtet, ist eine Auseinandersetzung mit den geografischen Verhältnissen Indiens essentiell: Indien ist mit einer Fläche von über 3.287.469 km² ein unglaublich großes Land. Allein Maharashtra, der Bundesstaat, in dem ich arbeite, ist mit einer Fläche von 307.713 km² nur knapp 50.000 km² kleiner als Deutschland. Dabei stellt Maharashtra nur einen der 29 indischen Bundesstaaten dar.  Deswegen variieren die Perspektiven, aus denen berichtet werden auch ganz besonders an dem bewohnten oder besuchten Ort im indischen Subkontinent. Durch das föderalistische System, variieren die  auch die Regierungsparteien und damit die regionale Politik gravierend in den verschiedenen Teilen Indiens. In Kerala, im Südwesten Indiens, bildet momentan die kommunistische Partei die Regierung, während in Maharashtra die Hindu- nationalisten die Mehrheit bilden. Als Touristin, während meines Urlaubs, kam ich mir vor, als wäre ich in ein anderes Land gereist.  

Wenn jemand, ob indisch oder ausländisch also von seinen oder ihren Erfahrungen berichtet, ist der Standort, an dem diese Erfahrungen gemacht wurden unbedingt in die Evaluation miteinzubeziehen. 

Ein weiterer Punkt von zentraler Wichtigkeit ist die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Umgebung, in der sich die berichtende Person befindet: Ein*e Backpacker*in, der*die  sich hauptsächlich an Tourist*innen- Hotspots und in Hostels aufhält, wird fundamental anders über seine* ihre Erfahrungen berichten, als jemand, der mit marginalisierten Menschen arbeitet. Auch die Erzählungen meiner indischen Freund*innen müssen besonders im Zusammenhang mit ihrer Kaste gesehen werden und mit dem Reichtum ihrer Familie. So habe ich einerseits viele Freund*innen, die sehr westliche Einstellungen vertreten, besonders was ihr Konsumverhalten angeht. Sie kommen sehr oft aus extrem reichen Familien und leben einen Lifestyle, der auch weit über dem Standard ist, den ich aus Deutschland gewohnt bin. Oft möchten sie in teure Restaurants gehen, oder einen Cappuccino im teuersten Hotel der Stadt, trinken anstatt  ihn wie jeder andere in meinem Arbeitsumfeld an einem Straßenstand. Gleichzeitig habe ich auch Freund*innen, die aus Dalit oder Adivasi Hintergründen kommen. Dalits ist die Bezeichnung für die Unberührbaren, die auf Basis des indischen Kastensystems als kastenlos gelten. Adivasi ist die Selbstbezeichnug der indigenen Bevölkerung in Indien. Je nachdem, ob sie in einem Dorf oder in einer Stadt leben, unterscheidet sich der Grad, in dem sich die Fänge des Kastensystems noch auf sie auswirken. Dass ich mit diesen Freund*innen jedoch oft keinen Kaffee trinken gehen kann- auch nicht in den günstigeren Kaffees, macht mir immer wieder die Extreme bewusst, die Indien in sich vereint.

Meine Liste, der Dinge, die generalisierte und pauschalisierte Aussagen über Indien unangemessen machen, ist endlos und ich könnte noch stundenlang darüber schreiben. Was mir aber wichtig ist und, was hoffentlich deutlich geworden ist, ist, dass meine Berichte ein unglaublich subjektiver Einblick sind. Ich versuche so viele verschiedene Perspektiven wie möglich aufzugreifen, aber ein diverses Bild zu schaffen, über den indischen Subkontinent, ist schier unmöglich. Wenn sich Personen also als Indienexpert*innen bezeichnen, werde ich oft skeptisch, oder, wenn in Artikeln oder Reportagen Indien als Thema undifferenziert betrachtet wird.. Vielleicht regt dieser Artikel ja ein wenig dazu, einen etwas kritischeren Blick auf Berichte über Länder des globalen Südens im allgemeinen- und besonders auch meine Berichte zu lenken.

Was ich sagen kann über Indien? Eigentlich nichts. Was ich weiß? Viel und auch nichts? Was ich fühle? Vieles, das ich nicht an mich heranlassen kann, da es momentan den Abschied und die plötzliche Zäsur klarmacht. Nach Hause komme ich eigentlich wie immer, nach einem guten Ausflug. erschöpft, erleichtert und ein wenig nachdenklich.

Ich möchte noch auf einen Artikel meines lieben Chefs Kasta verweisen, der auf der lokalen Seite meiner Kirche veröffentlicht ist und, der seine Perspektive über Indien und Corona teilt.

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?

Ein Problem, mit dem ich mich während meines gesamten Aufenthalts in Indien über konstant konfrontiert sah, war es, meine Einsatzstelle zu beschreiben. Ob mich jemand in Nagpur fragte, der das India Peace Centre nicht kannte, auf Reisen, oder auch meine Familie Zuhause. Ich wusste nicht so ganz, was ich antworten sollte.

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Das ist Nagpur, die Stadt in der sich das India Peace Centre befindet.

Da der Zahn der Zeit das schnelle Entwickeln nachhaltiger Lösungsstrategien erfordert, entschloss ich mich lösungsorientiert dazu, jedes Mal etwas anderes zu erzählen. 

Mal erzählte ich über ein Zentrum, das sich für den Umweltschutz einsetzt, mal war der Hauptaspekt religiöser Dialog und Gleichberechtigung. Oft erzählte ich von der nationalen Auslegung unserer Workshops und von unseren internationalen Partner*innen, genauso oft hielt ich das in diesem partikularen Moment für lapidar. An Montagen berichtete ich, dass wir hauptsächlich im Büro arbeiteten würden und an Freitagen legte ich den Fokus auf unsere Aufgaben wie dem Anleiten von Workshops oder dem Halten von Reden.  

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Leona und ich verteilen Zertifikate bei dem, von uns organisierten, Malwettbewerb zum Thema “Climate Action for Peace”

Das einzige was immer gleich blieb war die Aussage, dass ich in einem Friedenszentrum arbeiten würde.

Leider war die Beschreibung meiner Einsatzstelle vor meiner tatsächlichen Tätigkeit dort konstanter, als die danach. Ich wurde im Laufe meines Aufenthalts nicht erleuchtet, wider vieler Erwartungen, die dem Land des Yogas und der Spiritualität eine magische Heil- und Selbstfindungswirkung implizieren.

Mein Text führt Euch in die Irre, denn der Titel lockt mit einer Stellenbeschreibung, einem konkreten Ergebnis, etwas handfestem, aber, wenn ich eins gelernt hab, dann, dass handfestes eher selten unseren Arbeitstag bestimmte. Also gibt es heute auch keinen handfesten Text für Euch.

Das IPC ist sowieso kein Text, es ist ein Gefühl und es ändert sich jeden Tag, weil sich das Gebäude und seine Mitarbeitenden sich jeden Tag wie magisch eine neue Funktion zuschreiben. Mal ist meine Einsatzstelle ein Kampf für Gerechtigkeit, ein Asyl für Hilfesuchende, eine Bildungsstätte, ein Spielplatz, eine Ideenwerkstatt und ganz oft, vor allem für Leona und mich: eine Herausforderung.

Wenig an meiner Arbeit ist konstant gewesen und das habe ich geliebt. Erst jetzt, wo ich wieder Zuhause bin merke ich, wie viel ich im Rahmen meiner Arbeit gelernt habe, was durch den schnellen Wechsel von Themenschwerpunkten kam. Eine Woche waren wir Leiterinnen eines Malwettbewerbs, mal Filmregisseurinnen, Reporterinnen, Lehrerinnen. Jedes Mal brauchte es eine neue Kompetenz. Mal las ich mich in das Verhältnis von Frauen und Männern in Indien ein, oft über Politisches: die Unabhängigkeit vom Vereinten Königreich, das regionale und auch das nationale Müllmanagement, die verschiedenen Religionen, Gandhi, Ambedkar ihre Vor- und Nachteile und natürlich, in diverse Computerprogramme: geteilte Dokumente auf Google, geteilte Kalender, Designprogramme, Schneideprogramme, mailmerge. Einerseits, um dem bürokratischen Aufwand gerecht zu werden, anderseits um die Bildungsangebote zu bewerben. Oft ging es auch um konkrete Inhalte und um die Frage, wie wir wieder eine jüngere Zielgruppe in Kontakt mit politischen und soziologischen Themen bringen könnten. Neben den Aufgaben haben sich auch die Orte geändert. 

Die meiste Zeit verbrachten wir definitiv in unserem Büro in Nagpur.

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Leona, unser Hund Tommy und ich frieren in unserem Büro im Winter.

Dazu konnten Leona und ich aber auch fast alle Teile Indiens erkunden, als in Indien arbeitende sowie als Reisende, da uns unser Chef immer ein oder zwei Urlaubstage schenkte, um einen neuen Ort zu erkunden. Unsere erste Reise ging nach Bhubaneshwar, wo wir im Rahmen unseres “Peace Education Programs” einen Vortrag über internationale Friedensbewegungen hielten und so Beispiele gaben, die den Jugendlichen Vorschläge geben sollten, wie sie ihr Gefühl einer delegitimierten Regierung nach außen tragen konnten. Andere Personen sprachen Themen, wie Ehe, Kaste und Gleichberechtigung an, was mich sehr nachdenklich machte. 

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Ein Bild von unserem Programm in Bhubaneswar.

Wir sahen Bangalore, wo wir unsere Englischschülerinnen auf ein leadership Programm mit einer Partnerorganisation begleiten durften und das erste Mal Lebensrealitäten der Dalits, den Unberührbaren, und der Adivasi, der indigenen Bevölkerung in Indiens kennenlernen konnten. Wir waren stolze Lehrerinnen, die sahen, wie ihre engagierten Schülerinnen alles gegeben hatten, um Englisch zu lernen und sich nun mit Freunden aus ganz Indien auf einer gemeinsamen Sprache unterhalte konnten- Englisch. 

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Ein Bild vom Leadership- program in Bangalore

Außerdem sahen wir Goa, das uns zum Thema des nachhaltigen Tourismus und vor allem zum Thema Müllmanagement brachte. Ich lerne beeindruckende Menschen kennen, die ihre gesamten Hotels nachhaltig gestaltet hatten. Nichts gabe es, das nicht wiederverwendet, recycelt oder verwertet wurde. So etwas habe ich selbst in Deutschland noch nie gesehen. Unglaublich fortschrittlich und innovativ. 

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Gab zeigt uns stolz seine Mülltrennung. 

Das sind vielleicht nicht die ersten Worte, die Dir bei “Indien” einfallen, aber ich persönlich kam in den Genuss, in den Kontakt mit inspirierenden und engagierten Menschen zu kommen, denn das IPC verbindet  – mit unseren Teilnehmer*innen, mit unsere core- group und  mit unseren Partnerorganisationen. Mal handelte es sich dabei um eine Gruppe, die für die Rechte der LGBTQI+ community eintritt, mal war es ein Psycholog*innen Verband, der sich für die Anerkennung psychischer Krankheiten einsetzte oder eine Frau, die Binden verkauft und sich für eine öffentliche Diskussion von Themen wie Sex, Ehe und Menstruation engagiert. 

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
Girlpower- diesmal durfte ich in die Mitte. 

Für mich gab es oft konkrete Aufgaben, bei denen ich aber immer frei entscheiden konnte, wie sehr ich mich dahinterklemme, wie viel Arbeit ich hineinstecke, wie tiefgehend ich mich informiere. Denn kritisiert wurden wir eher selten. Umso mehr wurden unsere Kritik an den veralteten Methoden offen empfangen und aufgenommen, integriert und umgesetzt. Mit der Zeit wuchsen auch unsere Verantwortlichkeiten und unser Netzwerk und dann begann die Arbeit, so richtig viel Spaß zu machen. Denn es gab Platz für mich, mich einzusetzen, Themenschwerpunkte zu setzen, an einem Veränderungsprozess teilzunehmen und auch, das kleine Büro langsam zu digitalisieren. Leona und ich arbeiteten zunächst als Kolleginnen und bildeten am Ende eine Einheit.

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?

Dann ging es plötzlich nach Hause. 

Bber naja was soll’s, denn man soll ja schließlich gehen, wenn es am schönsten ist. 

Nun meine Einsatzstelle, was ist sie nun? 

Ein Friedenszentrum also, und was macht man da so?
unser IPC- Team, leider ohne Kasta

Frieden ist ein Gefühl. Frieden ist vielseitig und jeden Tag anders. Frieden zeigt Dir neue Orte, Partner und Gesichter. Frieden wandelt sich und bietet dir Raum. Und vielleicht gerade deswegen, kann ich Frieden nicht immer gleich beschreiben.

Privilegien

Seit mehr als zwei Wochen sind Leona und ich nun in Indien und es kommt mir vor, als wären wir schon zwei Monate hier.  Wir waren im Fitness Studio, in der Kirche, sind mittlerweile sogar schon Mitglieder im Kirchenchor, haben Nagpur besichtigt, einen Sari gekauft, waren bei der Schneiderin und auf der ersten indischen Hochzeit.

Einerseits gehen die Tage total schnell vorbei, andererseits bekommen wir aber auch so viel Input und neue Eindrücke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das alles die letzten zwei Wochen passiert sein soll. Die Momente, in denen ich so richtig merke,dass ich noch nicht sehr lange hier bin, sind meistens die, in denen mir das Essen viel zu scharf ist. (Leider sehen grüne Bohnen und grüne Chilis sich sehr ähnlich- Man kann sich ja denken wie diese Geschichte geendet ist. ;))

In diesem Post möchte ich aber gar nicht so sehr auf all diese Erlebnisse eingehen, obwohl ich viele witzige und spannende Geschichten erzählen könnte, sondern ein Paar Gedanken einfangen, die vielleicht ein bisschen besser nachvollziehen lassen, was in meinem Kopf im Moment so vorgeht. 

Als weiße Person*, wird man hier ständig angestarrt. Manchmal ist es auf eine interessierte Art und Weise, z.B ein hinterher gerufenes “Welcome to India” , manchmal aber auch aufdringlich und etwas beängstigend. Wenn Leute zum Beispiel auf ihren Bikes (Mopeds) umdrehen und einen ungefragt fotografieren.  Generell werden hier viele Fotos von und mit uns gemacht. “Fare” sein ist hier einfach ein Schönheitsideal. Eine Bekannte von uns hat uns erzählt, dass vor allem jungen Mädchen, aber auch Jungen, oft von ihren Eltern gesagt bekommen, dass sie keinen Mann finden werden, wenn ihre Hautfarbe besonders dunkel ist.  Das hat mich sehr geschockt. Natürlich wusste ich das auch, da wir in unserer Vorbereitungszeit sehr intensiv darüber geredet haben, aber das nochmal so gesagt zu bekommen, ist etwas ganz anderes. Es fühlt sich auch so falsch an und unangenehm, aber das möchte ich in dem Moment nicht zeigen, da ich dann einfach unhöflich wirke und keine lange Diskussion führen möchte. Gleichzeitig will ich oft aber auch einfach kein Foto machen.  

Es ist einfach krass, dass ich nur aufGrund meiner Hautfarbe, bestimmte Chancen habe, die Andere nicht haben und ich würde mich dem gerne verweigern, was aber in dem Moment total unpassend ist. 

Im India Peace Centre sind Leona und ich wirklich verwöhnt. Unsere Wohnung ist westlich und riesig, für indische Verhältnisse. Die Wohnungen unserer Kollegen sind nicht viel größer, obwohl sie diese mit ihrer ganzen Familie bewohnen. Oft fühlen wir uns deswegen auch schlecht- genießen es gleichzeitig aber trotzdem. 

Außerdem ist das IPC sehr weit und modern, was ihre Ansichten angeht. Wir sind hier mit sehr vielen gebildeten menschen zusammen-  ein weiteres Privileg und ich kann viel lernen, auch über Indien, die Politik und viel über bildungspolitische Arbeit. 

Umso mehr hat mich heute ein Gespräch mit unserer Kollegin geschockt, die uns von ihrem Gehalt erzählte. Erstmal bekommt sie generell super wenig- mit meinem Kindergeld verdiene ich das Dreifache und das, obwohl ich nicht, so wie sie, ein Studium hinter mir habe. Und dann bekommt sie ein viertel des Gehaltes unseres männlichen Kollegen. Man muss dazu sagen, dass dieser hier zwar schon erheblich länger arbeitet, ich ihn aber selten dabei erlebe, wirklich zu arbeiten. Meistens spielt er Solitaire an seinem Computer- während unsere Kollegin seine Arbeit erledigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Chef das nicht bemerkt. Heute hat sie also nach mehr Gehalt gefragt und ein “Nein” bekommen, dabei war ich mir so sicher, dass unser Chef diese ungerechte Bezahlung zumindest angleicht. Ich weiß gerade selber nicht, was ich denken soll. Warum passiert das hier im IPC? Eigentlich kommen mir hier alle total weltoffen vor. Das hat mich heute ziemlich aus der Bahn geworfen. Das ist so schrecklich, ich fühle mich machtlos und weiß, dass ich nicht in der Position bin, das anzusprechen, obwohl ich es gerne würde. 

In der letzten Zeit, wird mir so sehr bewusst, wie Privilegiert ich bin. Gestern haben wir zum Beispiel gewaschen und ich wollte meine Handtücher mit heißem Wasser abkochen und habe dann das restliche, warme Wasser zum Duschen benutzt, Wir duschen hier sonst kalt- was auch voll in Ordnung ist, aber ich habe mich so sehr über diese Minuten Luxus gefreut.  Worauf ich mich auch richtig freue- ist eine Matratze, wir schlafen hier auf einer Art Holzliege und meine Matratze Zuhause ist dagegen so schön weich. Aber auch ein Luxus, den man eigentlich gar nicht braucht.

Auch mein Kaufverhalten ist mir aufgefallen- ich habe hier am ersten tag 7000 Rupis abgehoben- 62 Euro für mich. Ich komme damit zwar gut hin, hab, als ich meinen Sari gekauft habe, auch einen eher teureren genommen. Es waren 800 Rupis- etwa 11 Euro. Das ist super wenig- können sich hier aber die wenigsten einfach so leisten. Ich habe den gekauft, weil ich es schön finde, aus Spaß. Eine richtige Verwendung haben wir bis jetzt noch nicht. Einfach so- ziemlich verwöhnt. 

Mir ist wichtig, dass das nicht so klingt, als hätte man nur im Ausland die Möglichkeit zu lernen, was es bedeutet Privilegien zu haben. Das kann man auch in Deutschland ausprobieren- sich mal zu reduzieren- vielleicht einfach mal 2 Wochen mit mir kalt duschen? Ist übrigens echt gut für die Gesundheit. Sich mit Armut in Deutschland auseinandersetzen, mal mit Leuten abhängen, die nicht den gleichen Bildungssatnd haben, lesen. Es ist einfach so, dass man hier mehr damit konfrontiert wird.  Was ich hier viel mehr lerne, ist besonders, mit dem Gefühl umzugehen, so schnell nichts an Ungerechtigkeiten machen zu können. Das macht mir wirklich zu schaffen. Mir sind heute schon ein Paar Tränchen gekullert- naja meine große Klappe muss sich jetzt einmal zusammenreißen und ich muss mich disziplinieren. 

Insgesamt habe ich hier aber eine tolle Zeit, ich finde auch viel Zeit für mich, zum Lesen zum Beispiel, obwohl wir viel zu tun haben. Vielleicht erzähle ich nächstes Mal, eine meiner witzigen Geschichten- mal schauen, wie ich mich so fühle!

Weiß“ und „Weißsein“ bezeichnen ebenso wie „Schwarzsein“ keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexion von Weißseinbesteht in der Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren, und etablierte sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der englischsprachigen Rassismusforschung. Anstoß hierfür waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of Color

INDIEN, DU BIST GUT ZU UNS!

Gerade sitze ich in unserem Wohnzimmer, mit ungefähr 10 Tonnen Mosquito Spray am Körper, durchgeschwitzt, aber unglaublich glücklich. 

Leona und ich sind nach unserer langen und  anstrengenden Reise seit Mittwoch in Nagpur. Unser erster Flug war gecancelled worden und als wir in Delhi ankamen, hat es so gewittert, dass wir noch 45 Minuten warten mussten, bis es los ging. 

UMSTIEG AM FLUGHAFEN IN AMSTERDAM (SCHLAFLEVEL EHER IM UNTEREN BEREICH)

Nagpur ist viel grüner, als wir es uns vorgestellt haben und wie soll man sagen: ziemlich indisch. Bei unserem zweiten Seminar wurde uns eingetrichtert, unseren gesunden Menschenverstand zu benutzen, vor allem im Straßenverkehr. Sorry, Nadja und Felix! Wir wollten ja; und die Autos besitzen zwar Gurte, aber nichts wo man sie festmachen könnte. Außerdem sind überall Kühe auf der Straße. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass die meisten Menschen hier ziemlich gute Autofahrer*innen sind, denn ich hatte noch nie so eine Bewunderung für Menschen, die ihr Mofa/ Auto auf den millimeter genau an einer Kuh vorbei manövrieren konnten. 

SO SEHEN DIE STRAßEN HIER AUS

Wir wurden hier im IPC wirklich herzlich empfangen und ich bin unglaublich dankbar, dass wir in solch einem Umfeld leben können. Das IPC ist wirklich ein kleines Paradies inmitten Nagpurs. Umgeben von Palmen und Pflanzen haben wir unsere Wohnung. Indisches Essen haben wir auch schon probiert und es ist unglaublich lecker! Von der Schärfe her geht es auch, da alle sehr rücksichtsvoll auf unsere  Bedürfnisse eingehen. Das einzige, was ein bisschen nervt, ist das Abendessen, für unsere Verhältnisse ziemlich spät. Das Mittagessen ist meistens um eins, wohingegen das Abendessen zwischen 21:00 und 21:45 kommt. Also sitzen wir bis jetzt jeden Abend hungrig da und versuchen uns die Zeit zu vertreiben. Aber: sprechenden Menschen kann geholfen werden, also fragen wir mal nach, ob das früher geht. Irgendwie ist es auch ziemlich witzig. 

Außerdem ist mir aufgefallen, dass es in Indien ziemlich entspannt zugeht. Dagegen wirkt es in Deutschland, gehetzt, verklemmt und erdrückend. Es ist nicht wichtig, ob wir pünktlich sind, sondern, dass wir die Arbeit schaffen, wie, können wir uns einteilen. Ich empfinde viel weniger Druck und finde, dass man sich in Deutschland etwas abschauen könnte. 

Auch sind alle Menschen sehr hilfsbereit, denen wir bis jetzt begegnet  sind. Der Mann im indischen Konsulat, für unsere Registrierung vor Ort hat mir sogar seine Handynummer gegeben und ich schreibe ihm auf whatsapp, wenn wir Fragen haben.

Leona und ich schauen ganz freudig in die Zukunft. Es fühlt sich an, als wären wir bereits 2 Wochen hier, dabei sind es lediglich drei Tage, verrückt! Danke, Indien, du bist gut zu uns!

Was glaubst du denn?

Hallo da draußen. Über den März hinweg bis Mitte April fand hier im IPC ein besonderes Program statt. Einen Bericht darüber habe ich schon vor einiger Zeit angefangen aber erst jetzt fertig gestellt. Deswegen kommt er jetzt etwas verspätet, aber besser spät als nie:

Die vergangenen Sechs Wochen waren anders, als der Rest des Freiwilligendienstes davor. Ronja und ich haben an einem Theologieseminar teilgenommen, das vom Council for World Mission organisiert und vom India Peace Centre bei uns in Nagpur ausgerichtet wurde. Die letzten sechs Wochen haben mir viel neuen Input beschert, bei mir neue und alte Fragen aufgeworfen, mich aufgerüttelt.

Jeden Morgen ging es für uns um acht Uhr los mit Frühstück in der Gruppe. Diese war eine Mischung aus Theologiestudent*innen aus sieben verschiedenen Ländern (Indien, Süd-Korea, Indonesien, Samoa, Süd Afrika, Sambia, Malawi) und eben Ronja und mir. Anfangs war ich skeptisch: Was soll ich in einem Theologieseminar, zusammen mit Leuten, die das schon mindestens für drei Jahre studiert haben? Mein Wissen beschränkt sich auf Konfirmations- und Religionsunterricht und das, worüber ich mir eben sonst so selbst Gedanken mache. Und natürlich gab es Momente, in denen ich aus Gesprächen ausgestiegen bin, weil man sich in theologische Fachsimpelleien vertiefte. Aber insgesamt haben sich diese sechs Wochen wirklich gelohnt. Das mag unter anderem daran liegen, dass unter dem Thema „Face to Face with the many poor and the many faiths in Asia” nicht nur theologische, sondern auch viele soziale Fragen angerissen wurden.

Mit der Gruppe unterwegs

Seit ich hier in Indien bin, hat sich mein Horizont bezüglich anderer Religionen definitiv schon erweitert. Wenn man in einem Land lebt, das alle Weltreligionen beherbergt und viele Religionen hervorgebracht hat, ist sowas gewissermaßen unvermeidbar. Doch in den letzten Wochen wurden meine Erfahrungen im Alltag mit einigem an tatsächlichem Wissen unterfüttert. In verschiedenen Sessions wurden über mehrere Tage hinweg die grundliegenden Prinzipien von Hinduismus, Islam, Buddhismus und Sikhismus erläutert und besprochen. Die Vorträge wurden dabei immer von eigenen Vertretern der Religionen gehalten, was ich für sehr wichtig halte. Natürlich kann ich jetzt nicht behaupten, dass ich den totalen Durchblick habe. Mein Verständnis ist immer noch sehr oberflächlich. Aber zumindest kann ich nun die drei hinduistischen Hauptgötter Brahma, Vishnu und Shiva auseinanderhalten und ich weiß, was der Unterschied zwischen den Konzepten des hinduistischen Dharma und buddhistischen Dhamma ist.

Was sich bei mir allerdings noch viel mehr eingeprägt hat, als jedes theoretische Wissen über Götter oder Konzepte, ist ein Satz, der in diesen sechs Wochen immer wieder gefallen ist: „We are all human beings first“. Diese Aussage klang für mich anfangs sehr platt und selbstverständlich, aber in dem Zusammenhang, in dem ich sie hörte, gewann sie bei jeder Wiederholung an Bedeutung. Bei all den Gesprächen und Diskussionen über Religionen, Ideologien und Weltanschauungen kommt man sich leicht von Unterschieden überrannt vor. Auch in unserem Alltag fühlen sich diese Unterschiede manchmal unüberwindbar an. Schaltet man die Nachrichten ein, hört man von Menschen, die einander wegen dieser Unterschiede töten. Man hört von Christchurch oder Sri Lanka. Angesichts dessen klingt „We are all human beings first“ fast wie eine Wunschvorstellung. Haben unsere Anschauungen mittlerweile wirklich solch unüberwindbare Mauern zwischen uns errichtet? Das ist eine sehr große Frage, über die sich viel schlaue Menschen den Kopf zerbrechen und vor sich hin philosophieren. Ich habe keineswegs den Anspruch sie hier zu klären, ich möchte an dieser Stelle nur mal meinen eigenen Senf dazu geben.

Im „Klassenraum“ mit einigen der Vortragenden

Was mir neben den Unterschieden auch, oder vielleicht noch viel mehr, aufgefallen ist, sind die Punkte, an denen sich alle von uns besprochenen Religionen einig sind. Keine Religion weißt ihre Angehörigen dazu an, Menschen anderer Ansichten zu Hassen. Jede Religion lässt Interpretationsspielräume und letztendlich ist es die Entscheidung der Gläubigen selbst, wie sie die Schriften und Gebote auslegen. In jeder Religion gibt es Menschen, die versuchen die Vorgaben so auszulegen, dass sie selbst davon profitieren und der Gedanke an das Allgemeinwohl geht dabei verloren. Keine Religion ist immun gegen Extremismus. Aber in jeder Religion sind es die Gläubigen, die dafür verantwortlich sind, was im Namen der Religion passiert. Die Religion ist ein Gerüst welches mit Leben gefüllt gehört. Ambedkar sagte: “Religion is for man, not man for religion.” Dem kann ich mich nach dieser Zeit nur anschließen.

Die oben beschriebenen Ansichten teilte ich größtenteils schon vor diesem sechswöchigen Seminar. Deswegen war ich vielleicht auch schon ein bisschen voreingenommen und meine Schlussfolgerungen sind nicht allzu überraschend. Doch was ich auf jeden Fall mitnehme, ist die Möglichkeit meine gutmenschlichen Vorstellungen mit dem Wissen und der Unterstützung anderer zu untermauern. Ich habe jetzt nicht nur eine Meinung, sondern auch die Werkzeuge, um diese anderen Menschen näher zu bringen. Und ich habe Motivation. Ich habe den Antrieb die Augen nicht zu verschließen, da wo unsere Überzeugungen Mauern bauen, anstatt diese zu überwinden. Ich fühle mich verpflichtet, auch meinen eigenen Mauern im Kopf ausfindig zu machen und einzureißen. Das wird hier durch mein Umfeld katalysiert, aber ich nehme es vor allem auch als Aufgabe zurück in Deutschland wahr. Man darf gespannt sein.

Bis dahin,

Eure Svenja

Der Lotus Tempel in Delhi, ein Gebetshaus der Baha’i

Appreciation

Heute las ich den Blogeintrag von Levke, einer Mitfreiwilligen die für fünf Monate in Indien im Bundesstaat Orissa war. Ich spreche in der Vergangenheit, da ihr Dienst nun vorbei ist und sie wieder im kalten Deutschland ist (mein Beileid an dieser Stelle :D). In ihrem Beitrag sprach Levke von Dankbarkeit, die sie im Rückblick auf ihre Zeit erfüllt. Dieser Hinweis, in Kombination mit unserem Zwischenseminar letzte Woche in Hyderabad, regte mich zum Nachdenken an. Auch dort sprachen wir darüber, wie viel bis jetzt schon passiert ist, was wir erlebt haben und reflektierten die Höhen und Tiefen. Und so möchte ich die Halbzeit meiner elf Monate nutzen, um Danke zu sagen.

Danke Indien!

Danke, dass du mich aufnimmst und alle meine Sinne überflutest.

Danke, dass du mich realisieren lässt, wie klein ich doch mit meinen Problemen bin.

Danke, dass du neue Leute in mein Leben bringst. Seien es diejenigen aus der Gemeinde, dem Chor, dem Fitnessstudio, der Arbeit, den zufälligen Bekanntschaften oder all die Mitfreiwilligen, die ich kennenlerne habe. Sie alle bereichern mein Leben auf ihre Art und Weise.

Danke, dass du mir neue Religionen und Arten des Glaubens zeigst und mich gleichzeitig meinen eigenen Glauben hinterfragen lässt.

Danke, dass du mich mit Gegensätzen konfrontiert, die mir die Augen und das Herz öffnen.

Danke, dass du mir zeigst, dass eine gemeinsame Sprache nur ein Bruchteil der Kommunikation ist.

Danke, dass ich deine faszinierenden Landschaften und Sehenswürdigkeiten erfahren darf.

Danke, dass du mir Gelassenheit schenkst.

Danke, dass du mich herausforderst meine eigene Motivation zum Lernen zu finden, um Land und Leute besser zu verstehen.

Danke, dass dein Chaos mich Vertrauen lehrt. Das Vertrauen, dass es doch irgendwie funktioniert.

Danke, dass ich aber auch Orte finde, um deinen Chaos zu entfliehen.

Danke, dass du mich kreativ werden lässt und Improvisation nun eines meiner Spezialgebiete ist.

Danke, dass du mir Möglichkeiten gibst, mir Ziele zu setzen.

Danke, dass ich mich durch dich besser kennen lerne.

Danke, dass du mir das Lächeln in den verschiedensten Gesichtern mit den verschiedensten Geschichten zeigst.

Danke, dass deine Farben und dein Leben nie ganz von deinem Straßenstaub bedeckt werden.

Danke, dass du unbeschreiblich und unverständlich bist, sondern etwas, das man erlabt haben muss.

Bei all dem warst du, Indien, nicht immer sanft. Oft genug warst du eher wie ein bunter, hupender LKW, der einen überrollt ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Du warst eher das, als ein Lehrer, der dem Schüler alles geduldig beibringt.

Aber genau das macht dich einzigartig. Du bist faszinierend und mir werden Dinge klar, die ich vielleicht sonst vermieden oder aus Bequemlichkeit verpasst hätte. Trotz aller Enttäuschungen, Frustration und dem Kopfschütteln steht am Ende das Lernen, die Gemeinsamkeit und der Blick nach vorn. Du bewegst mich weiter und ich bin gespannt was noch kommt.

Dafür bin ich dankbar.

Deine Svenja

Ein Blick nach oben in Mumbai, im Land der Gegensätze

Die letzten Tage

Während der letzten Tage habe ich versucht, meine Gedanken in Worte zu fassen. Aber es gibt so viel zu sagen und so wenig Worte…

12.01.2019: Dazwischen

Mittlerweile ist mein Freiwilligendienst vorbei – jedenfalls der Freiwilligendienst in Indien, im Krankenhaus. Noch zwei Tage in Indien, am 14. 01. früh morgens geht der Flug nach Hause. Ein ganzer Tag Fliegen über ein Viertel der Welt, abends soll ich dann wieder in Deutschland sein.

Ich sitze im Zug nach Vishakapatnam, Anna sitzt mir gegenüber und guckt aus dem Fenster. Es ist unsere zweite Zugfahrt, aber die erste in der „3rd AC“-Klasse – die ist teurer als „Sleeper“, wo wir die letzte Zugfahrt gefahren sind. Ich merke schon den Unterschied zwischen den beiden Klassen, beispielsweise daran, dass auch hier Menschen durch den Zug laufen und Wasser (pani), Tee und Kaffee verkaufen, aber es weniger sind und sie sogar so etwas wie eine Uniform tragen, es sauber ist, weniger Menschen hier sitzen (bis jetzt jedenfalls, wir fahren erst zwei Stunden) oder dass wir hier Decken und Kissen haben und die Fenster dicht sind. Ich unterbreche das Blogeintrag-Schreiben immer wieder, um Bilder aus dem Fenster zu machen. Oder um Aufzustehen und einen Blick aus der Tür zu werfen (die Türen sind nämlich nicht geschlossen). Wenn wir in Vishakapatnam angekommen sind, werden wir dort den Tag verbringen und danach den Flieger zurück nach Deutschland nehmen.

Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Es kommt mir einerseits vor, als wäre es nur Tage her gewesen, dass ich zum ersten Mal Europa verlassen habe und in der Luft zwischen Frankfurt und Delhi gewesen bin, mit einer Ungewissheit, was wohl in Indien passieren wird. Andererseits ist so viel passiert, dass es sich anfühlt wie mehr als nur fünf Monate. Der Abschied aus dem Krankenhaus, Nowrangpur und Jeypore liegt tatsächlich schon dreizehn Tage zurück: an Silvester haben wir Nowrangpur verlassen und uns auf den Weg gemacht, in den Urlaub zu fahren.

Jetzt sind wir auf dem Weg zurück, im Zug, und ich fühle mich irgendwie dazwischen. Ich bin zwischen meinem Zuhause in Deutschland und meinem Zuhause in Indien. Denn es hat sich immer öfter das Wort „Zuhause“ eingeschlichen, wenn ich das Gästehaus meinte. Es ist schon auf eine merkwürdige Art und Weise normal geworden, dass Anna die einzige Person war, mit der ich Deutsch sprechen konnte, außer mit den von uns beiden liebevoll genannten „Schneiders“, das deutsche Ehepaar, das im Raum von Jeypore Sozialarbeit macht, und Besuchern aus Deutschland. Und gerade merke ich, dass auch mein Deutsch etwas darunter leidet, denn bei einigen Sätzen muss ich bei der Formulierung etwas nachdenken… ? Es ist auch zum Alltag geworden, jeden Morgen zur „morning devotion“ in die Kapelle zu gehen und die halbstündige Andacht mitzumachen (aber dabei kaum ein Wort zu verstehen). Oder das angestarrt-werden und die vielen Anfragen nach Bildern und Selfies – oder nicht selten ungefragt einfach fotografiert zu werden. Überall Straßenhunde (und Püppi! Auch wenn wir sie erst im Urlaub kennen gelernt haben), Ziegen und Kühe. Kein Trinkwasser zu haben, sofern es nicht gefiltert oder gekocht wurde, oder immer wieder wegen Kleinigkeiten (oder manchmal größeren Kleinigkeiten) ins Office zu laufen und nachfragen oder Bescheid sagen. Riksha fahren. Zwei Mal am Tag Chai … und Reis. So viele Sachen, die normal geworden sind, die in Deutschland ganz anders sind. Alle Eindrücke wirbeln in meinen Gedanken herum, und es ist schwer, das irgendwie in Worte zu fassen.

Es fühlt sich seltsam an, zu wissen, dass ich in drei Tagen wieder in Deutschland bin. Es ist so, als würde ich gleichzeitig zwei genau gegensätzliche Dinge haben wollen: ich freue mich auf Deutschland, aber ich möchte Indien nicht verlassen. Jetzt fange ich an zu verstehen, was die Freiwilligen, die von ihren ehemaligen Einsatzstelle berichten, meinen, wenn sie ähnliche Dinge erzählen.

Ich vermisse Indien, wie ich es kenne, ja jetzt schon. Orissa, Nowrangpur, das Krankenhaus, Jeypore und die Busfahrten dahin, aber vor allem die Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Denen Anna und ich die schöne Zeit in Indien zu verdanken haben, und einiges mehr. Wie oft musste uns jemand aus der Patsche helfen, oder war einfach nur da.

Wenn ich so darüber nachdenke, fühle ich mich unglaublich bereichert. Dankbar. Und für den Moment irgendwie dazwischen. Denn da ist noch die Vorfreude auf zu Hause in Deutschland, meine Familie, Freunde, die Nordsee, Vorfreude auf Grünkohl, Kinderpunsch, Mamas gebrannte Mandeln und Winter. Und die Frage: Was kommt danach? Was mache ich, wenn ich wieder in Deutschland bin?

Aber das hat noch Zeit, für zwei Tage bin ich noch in meinem Dazwischen.

14.01.2019: Auszeit und Abschied

Ich sitze am Flughafen in Delhi. Gestern haben Anna und ich den Tag in Vishakapatnam verbracht, jedenfalls nachdem wir um drei Uhr nachts am Bahnhof angekommen sind. Endlich am Meer! Heute ging es früh morgens los zum Flughafen in Vishakapatnam – und die Erinnerungen an das Ankommen in Indien kamen wieder hoch. Das soll schon fünf Monate her sein?

Ich muss das Schreiben kurz unterbrechen, weil wir schon einchecken können. Eine kurze Pause, in der wir nicht wissen, wo wir warten sollen, dann gehen die ersten schon Richtung Flugzeug. Wir folgen ihnen, und hören kurz darauf die Ansage (die tatsächlich auf Deutsch wiederholt wird!), dass erst bitte die Businessklasse und Eltern mit Kindern in das Flugzeug einsteigen, dann erst die weiteren Fluggäste. Wobei ich grinsend bemerke, dass wir wohl noch zu den Kindern zählen, weil uns niemand gestoppt hat. (Spaß beiseite.)

Im Flugzeug sitzend wird mir bewusst, dass das etwas endgültiges hat. Wenn der Flieger abhebt, sind die fünf Monate vorbei. Fünf Monate, mit Höhen und Tiefen, in denen ich Indien in mein Herz geschlossen habe. „The more you see it, the more you love it.“ (Je mehr du es siehst, desto mehr liebst du es), das stand auf einem Bus in der Nähe Kalkuttas – Werbung für Indien. Und zumindest für mich stimmt diese Aussage.

Und trotzdem habe ich noch keine Träne wegen des Abschiedes geweint, das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich glaube die positiven Gefühle und die schönen Erlebnisse haben mehr Gewicht als der Abschied an sich. Dann geht es los und der Flieger hebt ab. Auf nach Deutschland!

23.01.2019 und die Tage davor: Ankommen

Ruhig und königlich liegst du hier vor mir Deine Anmut ist schon zu sehn von hier Du wirst sie nie verlieren Ich war so lange weg, das trägst du mir nicht nach Du empfängst mich doch noch mit offenen Armen Mit offenen Armen Ich komm nach Haus … aus: Silbermond, nach Haus

Ich bin wieder in Deutschland. Alles hat geklappt, alle Flüge sind pünktlich geflogen, alles ist mit nach Deutschland gekommen, was sollte (bis auf mein ZMÖ-T-Shirt?). Theoretisch bin ich also „wieder da“, körperlich anwesend. Mit den Gedanken bin ich noch nicht ganz in Deutschland. Durch einen dummen Unfall im Urlaub in den letzten zwei Wochen in Indien, bei dem mein Handy mit der deutschen Sim-Karte ins Meerwasser gefallen ist und seitdem nicht mehr funktioniert, konnte ich zumindest telefontechnisch kaum Leute erreichen, außer über die indische Sim-Karte (sofern ich die Nummern hatte), E-Mails oder soziale Netzwerke. Das hat das Ankommen nicht unbedingt erleichtert. ? Ich habe außerdem einen nicht so schönen Jetlag.

Dafür wurde ich von Freunden überrascht, und wir haben abends gequatscht und Bratapfel gegessen. Ein paar Tage später habe ich es gewagt, meinen Sari anzuziehen – und siehe da, ich glaube jedenfalls, dass ich es richtig gemacht habe! An dem Tag hieß es neben der Wiedersehensfreude meinerseits einer anderen Freundin Tschüss zu sagen (eine schöne Zeit in Neuseeland wünsche ich dir!). Also geht hier alles seinen gewohnten Lauf. Zu schnell für mich…

In Indien plätscherte die Zeit so vor sich hin und hier fliegt sie vorbei und ich sitze und sehe zu.

Mal sehen, was die Tage noch so kommt. Ich bin mehr oder weniger fleißig am Studiengänge abklappern, Job suchen, Zimmer einrichten und was noch alles so anliegt.

Auf ins Leben!

Leider konnte ich die Bilder nicht drehen.. ? Einige Eindrücke aus den letzten Tagen in Nowrangpur.

Was weiter geschah

Das Jahr geht zu Ende und es wird mal wieder Zeit für einen Blogpost meinerseits, denn in den letzten Wochen und Monaten ist wieder einiges geschehen.

Zunächst möchte ich ein bisschen von der Reise erzählen, die Ronja und ich über Diwali unternommen haben. Diwali ist das hinduistische Fest des Lichts und der Rückkehr des Gottes Rama in die Zivilisation nach Jahren im Dschungel-Exil. Das ist zumindest die Geschichte, die ich bei der Frage nach dem Ursprung des Festes als Antwort bekommen habe. Insgesamt gibt es aber noch sehr viel mehr Mythen, die sich um Diwali ranken und zu umfangreich für eine Erklärung hier wären. Was vielleicht wichtig ist: Diwali hat hier eine ähnlich große Bedeutung wie Weihnachten in Deutschland. Es wird viel in Geschenke und Wertgegenstände investiert, Häuser werden mit Lichterketten und kleinen Öllampen, Diyas genannt, geschmückt und es gibt jede Menge Feuerwerk. Wie bereits erwähnt verbrachten Ronja und ich unsere freien Tage mit eine kleinen Reise. Zuerst ging es nach Agra, wo wir nach einer schlaflosen Nacht im Zug (den gnadenlos überbuchten indischen Zügen sei Dank, dass wir zu zweit 14 Stunden in einem 1 Meter breiten Bett verbracht haben) den Taj Mahal im Sonnenaufgang bestaunten. Auch wenn das sicherlich die Hauptattraktion Agras ist, gefielen mir das Itimad-ud-Daula-Mausoleum, das Agra Fort und die Freitagsmoschee, die wir bei einem Spaziergang durch die Altstadt abseits der Touristen-Pfade entdeckten, ebenfalls ausgesprochen gut. Am Abend dieses ereignisreichen Tages ging es dann direkt wieder in den Zug und weiter nach Jaipur, die Pink City. Diese Beschreibung bezieht sich auf die Altstadt Jaipurs, die anlässlich eines Besuches des Prinzen von Wales vor etwa 150 Jahren komplett rosarot angestrichen wurde. Zusammen mit anderen Gästen unserer Hostelunterkunft erkundeten wir in den drei Tagen die zahlreichen Festungen, Paläste, Tempel und zur Abwechslung das Museum in der Albert Hall. Ich bin von Jaipur als Ausflugsziel sehr überzeugt und die Diwali Dekorationen, die in den Abendstunden zum Vorschein kamen, haben dem Charme der Stadt noch ein besonderes Extra hinzu gefügt. Und doch war ich irgendwie auch sehr glücklich, als ich wieder im Zug zurück nach Nagpur saß. Einerseits waren die Tage mit wenig Schlaf und vielen Fußmärschen sehr anstrengend, aber andererseits habe ich Nagpur, ohne die ganzen Menschenmassen und Touristen, auch irgendwie vermisst.

Das Taj Mahal in seiner vollen Größe
Aus jedenm Winkel ziemlich beeindruckend
Das Itimad-ud-Daula-Mausoleum, mein persönlicher Favorit
Da kann man so schön Mittagspause machen
Unterwegs in Agras Hinterhöfen
Und auf seinen Dächern
Ein Hanuman Tempel nahe Jaipur
Blick zum Jantar Mantar in Jaipur
Und die geschäftigen Straßen Jaipurs
Dyias werden zu Diwali in den Straßen verkauft
Der Hawa Mahal bei Nacht
Die Elefanten am Amber Fort, eine fragwürdige Touristenbegeisterung

Zurück in Nagpur ging es weiter mit der Arbeit und dem Alltag. Mittlerweile kann man auch wirklich von einem Alltag sprechen, da ich mich gut in eine Routine eingefunden habe. Auch der Fakt dass wir Fahrräder erworben haben, damit die Stadt erkunden können und ich immer mehr einen Überblick über die verschiedenen Stadtteile bekomme, führt dazu, dass ich mich immer heimischer fühle. Bei der Arbeit im India Peace Centre dominierten vor allem die Vorbereitungsarbeiten für das 30-jährige Jubiläum der NGO. Zu diesem Anlass wurde einerseits ein kleines Büchlein mit Artikeln und Informationen über die Arbeit des IPCs veröffentlicht und andererseits musste die Jubiläumsfeier selber vorbereitet werden. Anfangs war die Idee, auf unserem Campus ein Food Festival zu veranstalten. Als dann aber mehrere angedachte Partner nicht für eine Kooperation zur Verfügung standen, wurde die Idee verworfen. Für mich war das irgendwie eine ziemlich frustrierende Erfahrung. Ich hatte schon im Vorfeld gemeinsam mit Ronja öfter darauf hingewiesen, dass man für die Umsetzung eines solch großen Projektes mehr Planungszeit und Expertise bräuchte, aber unsere Bedenken wurden abgetan. Als sich unsere Befürchtung dann bewahrheitete war das enttäuschend, wir hatten schließlich doch gehofft durch das Event viele neue Menschen auf die Arbeit des IPC aufmerksam zu machen. Nun mussten wir uns also eine neue Idee überlegen. Glücklicherweise bekamen wir tatkräftige Hilfe von einigen Mitgliedern der Core Group. Es wurde ein interreligiöses Gebet mit Vertretern von acht verschiedenen Glaubensgemeinschaften organisiert und im Anschluss gab es Dinner mit mitgebrachtem Essen der Mitglieder. Letztendlich kam also trotz der Höhen und Tiefen in der Planung ein ganz nettes Program zu Stande, dass es den Besuchern auch ermöglichte sich in gelassener Atmosphäre auszutauschen.

Die Vorbereitungen laufen
Die Vertreter der religiösen Gemeinschaften
Das Buffet wartet draußen

Auch hier in Indien kommt jetzt so langsam die Weihnachtszeit näher und in den christlichen Gemeinden wird diese auch begeistert zelebriert. So waren wir schon im Adventsgottesdienst, sind bei mehreren Weihnachtsfeiern eingeladen, werden von Carol-Sängern besucht und waren Teil des großen Weihnachts-Chorkonzertes in der Kirche. Für dieses wurde auch ordentlich geprobt. Genauer gesagt jeden Tag zwei Stunden und das drei Wochen lang. Da kam bei uns schon glatt Weihnachtsstress auf. Aber all das in Kombination mit einigen Weihnachtsliedern von Rolf Zukowski, unseren selbst gebackenen, beziehungsweise gebratenen Keksen (Ohne Ofen muss man eben kreativ werden) und ein Temperaturabfall auf unter 20 Grad lässt bei mir Weihnachtsstimmung aufkommen. Und so sitze ich abends gerne mit Decke und Tee da und bin von mir selber überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich unter solch anderen Bedingungen nach Weihnachten fühlen werde. Aber irgendwie ist es doch so und ich genieße es sehr. Hier noch einige Konzerteindrücke:

Mir hat es wirklich sehr Spaß gemacht

Falls ihr, egal wo auf der Welt, in Weihnachtsstimmung seid und euren Lieben eine Freude machen wollt, aber keine Zeit für Geschenke-Shopping bleibt, schaut mal dort unten vorbei. Da gibt es Online-Geschenke, die meiner Meinung nach ganz schön was her machen.

Bäume zum CO2 Ausgleich

Bäume als Unterstützung von Kleinbauern

Alle möglichen „Geschenke die Gutes tun“

Und noch mehr Ideen

In diesem Sinne wünsche ich euch fröhliche und friedliche Weihnachten, wo auch immer ihr sein mögt.

Eure Svenja