Die letzten Tage

Während der letzten Tage habe ich versucht, meine Gedanken in Worte zu fassen. Aber es gibt so viel zu sagen und so wenig Worte…

12.01.2019: Dazwischen

Mittlerweile ist mein Freiwilligendienst vorbei – jedenfalls der Freiwilligendienst in Indien, im Krankenhaus. Noch zwei Tage in Indien, am 14. 01. früh morgens geht der Flug nach Hause. Ein ganzer Tag Fliegen über ein Viertel der Welt, abends soll ich dann wieder in Deutschland sein.

Ich sitze im Zug nach Vishakapatnam, Anna sitzt mir gegenüber und guckt aus dem Fenster. Es ist unsere zweite Zugfahrt, aber die erste in der „3rd AC“-Klasse – die ist teurer als „Sleeper“, wo wir die letzte Zugfahrt gefahren sind. Ich merke schon den Unterschied zwischen den beiden Klassen, beispielsweise daran, dass auch hier Menschen durch den Zug laufen und Wasser (pani), Tee und Kaffee verkaufen, aber es weniger sind und sie sogar so etwas wie eine Uniform tragen, es sauber ist, weniger Menschen hier sitzen (bis jetzt jedenfalls, wir fahren erst zwei Stunden) oder dass wir hier Decken und Kissen haben und die Fenster dicht sind. Ich unterbreche das Blogeintrag-Schreiben immer wieder, um Bilder aus dem Fenster zu machen. Oder um Aufzustehen und einen Blick aus der Tür zu werfen (die Türen sind nämlich nicht geschlossen). Wenn wir in Vishakapatnam angekommen sind, werden wir dort den Tag verbringen und danach den Flieger zurück nach Deutschland nehmen.

Ich kann es noch gar nicht richtig glauben. Es kommt mir einerseits vor, als wäre es nur Tage her gewesen, dass ich zum ersten Mal Europa verlassen habe und in der Luft zwischen Frankfurt und Delhi gewesen bin, mit einer Ungewissheit, was wohl in Indien passieren wird. Andererseits ist so viel passiert, dass es sich anfühlt wie mehr als nur fünf Monate. Der Abschied aus dem Krankenhaus, Nowrangpur und Jeypore liegt tatsächlich schon dreizehn Tage zurück: an Silvester haben wir Nowrangpur verlassen und uns auf den Weg gemacht, in den Urlaub zu fahren.

Jetzt sind wir auf dem Weg zurück, im Zug, und ich fühle mich irgendwie dazwischen. Ich bin zwischen meinem Zuhause in Deutschland und meinem Zuhause in Indien. Denn es hat sich immer öfter das Wort „Zuhause“ eingeschlichen, wenn ich das Gästehaus meinte. Es ist schon auf eine merkwürdige Art und Weise normal geworden, dass Anna die einzige Person war, mit der ich Deutsch sprechen konnte, außer mit den von uns beiden liebevoll genannten „Schneiders“, das deutsche Ehepaar, das im Raum von Jeypore Sozialarbeit macht, und Besuchern aus Deutschland. Und gerade merke ich, dass auch mein Deutsch etwas darunter leidet, denn bei einigen Sätzen muss ich bei der Formulierung etwas nachdenken… ? Es ist auch zum Alltag geworden, jeden Morgen zur „morning devotion“ in die Kapelle zu gehen und die halbstündige Andacht mitzumachen (aber dabei kaum ein Wort zu verstehen). Oder das angestarrt-werden und die vielen Anfragen nach Bildern und Selfies – oder nicht selten ungefragt einfach fotografiert zu werden. Überall Straßenhunde (und Püppi! Auch wenn wir sie erst im Urlaub kennen gelernt haben), Ziegen und Kühe. Kein Trinkwasser zu haben, sofern es nicht gefiltert oder gekocht wurde, oder immer wieder wegen Kleinigkeiten (oder manchmal größeren Kleinigkeiten) ins Office zu laufen und nachfragen oder Bescheid sagen. Riksha fahren. Zwei Mal am Tag Chai … und Reis. So viele Sachen, die normal geworden sind, die in Deutschland ganz anders sind. Alle Eindrücke wirbeln in meinen Gedanken herum, und es ist schwer, das irgendwie in Worte zu fassen.

Es fühlt sich seltsam an, zu wissen, dass ich in drei Tagen wieder in Deutschland bin. Es ist so, als würde ich gleichzeitig zwei genau gegensätzliche Dinge haben wollen: ich freue mich auf Deutschland, aber ich möchte Indien nicht verlassen. Jetzt fange ich an zu verstehen, was die Freiwilligen, die von ihren ehemaligen Einsatzstelle berichten, meinen, wenn sie ähnliche Dinge erzählen.

Ich vermisse Indien, wie ich es kenne, ja jetzt schon. Orissa, Nowrangpur, das Krankenhaus, Jeypore und die Busfahrten dahin, aber vor allem die Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Denen Anna und ich die schöne Zeit in Indien zu verdanken haben, und einiges mehr. Wie oft musste uns jemand aus der Patsche helfen, oder war einfach nur da.

Wenn ich so darüber nachdenke, fühle ich mich unglaublich bereichert. Dankbar. Und für den Moment irgendwie dazwischen. Denn da ist noch die Vorfreude auf zu Hause in Deutschland, meine Familie, Freunde, die Nordsee, Vorfreude auf Grünkohl, Kinderpunsch, Mamas gebrannte Mandeln und Winter. Und die Frage: Was kommt danach? Was mache ich, wenn ich wieder in Deutschland bin?

Aber das hat noch Zeit, für zwei Tage bin ich noch in meinem Dazwischen.

14.01.2019: Auszeit und Abschied

Ich sitze am Flughafen in Delhi. Gestern haben Anna und ich den Tag in Vishakapatnam verbracht, jedenfalls nachdem wir um drei Uhr nachts am Bahnhof angekommen sind. Endlich am Meer! Heute ging es früh morgens los zum Flughafen in Vishakapatnam – und die Erinnerungen an das Ankommen in Indien kamen wieder hoch. Das soll schon fünf Monate her sein?

Ich muss das Schreiben kurz unterbrechen, weil wir schon einchecken können. Eine kurze Pause, in der wir nicht wissen, wo wir warten sollen, dann gehen die ersten schon Richtung Flugzeug. Wir folgen ihnen, und hören kurz darauf die Ansage (die tatsächlich auf Deutsch wiederholt wird!), dass erst bitte die Businessklasse und Eltern mit Kindern in das Flugzeug einsteigen, dann erst die weiteren Fluggäste. Wobei ich grinsend bemerke, dass wir wohl noch zu den Kindern zählen, weil uns niemand gestoppt hat. (Spaß beiseite.)

Im Flugzeug sitzend wird mir bewusst, dass das etwas endgültiges hat. Wenn der Flieger abhebt, sind die fünf Monate vorbei. Fünf Monate, mit Höhen und Tiefen, in denen ich Indien in mein Herz geschlossen habe. „The more you see it, the more you love it.“ (Je mehr du es siehst, desto mehr liebst du es), das stand auf einem Bus in der Nähe Kalkuttas – Werbung für Indien. Und zumindest für mich stimmt diese Aussage.

Und trotzdem habe ich noch keine Träne wegen des Abschiedes geweint, das hätte ich vorher nicht gedacht. Ich glaube die positiven Gefühle und die schönen Erlebnisse haben mehr Gewicht als der Abschied an sich. Dann geht es los und der Flieger hebt ab. Auf nach Deutschland!

23.01.2019 und die Tage davor: Ankommen

Ruhig und königlich liegst du hier vor mir Deine Anmut ist schon zu sehn von hier Du wirst sie nie verlieren Ich war so lange weg, das trägst du mir nicht nach Du empfängst mich doch noch mit offenen Armen Mit offenen Armen Ich komm nach Haus … aus: Silbermond, nach Haus

Ich bin wieder in Deutschland. Alles hat geklappt, alle Flüge sind pünktlich geflogen, alles ist mit nach Deutschland gekommen, was sollte (bis auf mein ZMÖ-T-Shirt?). Theoretisch bin ich also „wieder da“, körperlich anwesend. Mit den Gedanken bin ich noch nicht ganz in Deutschland. Durch einen dummen Unfall im Urlaub in den letzten zwei Wochen in Indien, bei dem mein Handy mit der deutschen Sim-Karte ins Meerwasser gefallen ist und seitdem nicht mehr funktioniert, konnte ich zumindest telefontechnisch kaum Leute erreichen, außer über die indische Sim-Karte (sofern ich die Nummern hatte), E-Mails oder soziale Netzwerke. Das hat das Ankommen nicht unbedingt erleichtert. ? Ich habe außerdem einen nicht so schönen Jetlag.

Dafür wurde ich von Freunden überrascht, und wir haben abends gequatscht und Bratapfel gegessen. Ein paar Tage später habe ich es gewagt, meinen Sari anzuziehen – und siehe da, ich glaube jedenfalls, dass ich es richtig gemacht habe! An dem Tag hieß es neben der Wiedersehensfreude meinerseits einer anderen Freundin Tschüss zu sagen (eine schöne Zeit in Neuseeland wünsche ich dir!). Also geht hier alles seinen gewohnten Lauf. Zu schnell für mich…

In Indien plätscherte die Zeit so vor sich hin und hier fliegt sie vorbei und ich sitze und sehe zu.

Mal sehen, was die Tage noch so kommt. Ich bin mehr oder weniger fleißig am Studiengänge abklappern, Job suchen, Zimmer einrichten und was noch alles so anliegt.

Auf ins Leben!

Leider konnte ich die Bilder nicht drehen.. ? Einige Eindrücke aus den letzten Tagen in Nowrangpur.

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