Eine Busreise durch Indien

Ich lade dich ein auf eine kleine Traumreise durch einen Teil von Orissa, dem Bundesstaat in Indien, in dem sich mein Leben seit vier Monaten abspielt.

Es ist früh morgens. Du bist früher aufgestanden als gewöhlich, um mit dem Bus in eine Nachbarstadt zu fahren und Freunde zu besuchen. Du stehst auf dem Bus Stand und hältst Ausschau nach deinem Bus. Weil du das lange Warten satt bist, gehst du auf einen der Busse zu, der sich tatsächlich als deiner entpuppt. Er ist wie alle indischen Busse dreckig und staubig, aber unter dem scheinbar nicht ganz vertrauenswürdigen, wackeligen Aussehen versteckt sich ein anderes Bild.Unter dem Staub ist der Bus bunt bemalt, und manche der anderen Busse sind zusätzlich geschmückt und dekoriert.

Auch innen – vorne rechts, da, wo der Fahrer sitzt – ist dieser Bus mit Girlanden und Anhängern geschmückt. Das siehst du, wenn du einsteigst. Du suchst nach einem freien Sitzplatz und setzt dich auf einen Sitz am Fenster. Obwohl die Busse nicht unbedingt nach den Plänen fahren – gut, Buspläne in Indien bedeuten hier nicht viel – bist du wieder einmal überrascht, wie du zur richtigen Zeit den richtigen Bus gefunden hast. Jemand klopft auf die Metallplatte über der Tür. Daran erkennst du, dass der Bus gleich losfahren wird.

Du freust dich schon auf die Reise, und besonders darauf, dass du nach den zwei Stunden Busfahrt deine Freunde triffst. Alles ruckelt, der Bus setzt sich in Bewegung und du ahnst den Zustand der Straße schon, ohne sie zu sehen. Alles ist laut, der Motor brummt, die Fenster klappern, die anderen Fahrgäste unterhalten sich, jedenfalls soweit das gegen den Motorlärm möglich ist. Ab und zu wird der Bus langsamer und überwindet die speed braker auf der Straße. Alles wird durchgerüttelt. Dauernd wird der Bus überholt, dazu hörst du Autos, Bikes und Trucks hupen. Du guckst aus dem Fenster. Um eine bessere Sicht zu haben, schiebst du die verschmierte Glasscheibe nach hinten. In dem Moment wird alles ein bisschen intensiver. Die Geräusche werden etwas lauter, ein Windhauch streift über dein Gesicht und trägt dir verschiedene Gerüche zu. Es riecht ein bisschen nach Rauch, dann erinnerst du dich an die Müllverbrennungen am Straßenrand. Du erahnst Gerüche von den Straßenständen, an denen der Bus gerade vorbeifährt. Die speed braker zwingen den Busfahrer erneut zum langsameren Fahren. Nun kannst du inmitten der Ansammlung von Hütten und Ständen neben der Straße auch ein oder zwei kleine Hindutempel erkennen und einen Blick hinein erhaschen. Zwei Fahrgäste erklimmen den Bus und die Fahrt geht weiter, vorbei an Gebüsch und Gestrüpp und schließlich einem Stückchen Wald. An vielen der Baumstämmen hängen Zettel, meistens Werbung. Das Licht der Morgensonne tanzt zwischen den Stämmen umher und hüllt alles in ein warmes Licht. Auf dem Boden siehst du ein Spiel aus Licht und Schatten. Nach und nach werden die Bäume spärlicher und nach dem Waldstück fährt der Bus an weiten Reisfeldern vorbei. Hier legt sich langsam der Morgendunst. Einige Felder sind noch leuchtend gelb oder leicht grünlich, auf manchen arbeiten Menschen, die aus geschnittenen Reisähren Bündel binden. Auf einem der Felder daneben sind große Mengen an Stroh zu Hügeln aufgehäuft. Auf einer Weidefläche nebenan grasen Kühe, Schafe und Ziegen, eine der vielen Herden hier. Ein Kuhhirte sitzt in der Nähe und beobachtet die Herde. Hinter ihm führt eine Staße an einem Streifen von Bäumen vorbei. Die rote Erde der Straße bildet einen Kontrast zu den grünen Feldern und dem begrasten trockenen Land. Auf den Wegen und Pfaden, die sich über die Ebene ziehen, sind vereinzelt Menschen unterwegs, zu Fuß, auf Fahrrädern oder auf Motorrädern. In der Ferne erheben sich Hügel und Berge. Der Bus fährt über eine Brücke. Unten, am Ufer des Flusses spielen ein paar Kinder. Das Wasser hat eine bräunliche Färbung, und es liegt an vielen Stellen am Ufer Müll herum, so wie auch am Straßenrand. Immer mal wieder hält der Bus kurz an, um Fahrgäste einsteigen zu lassen. Mittlerweile ist es nicht mehr so kühl, wie zu dem Anfang deiner Reise. Es ruckelt, wahrscheinlich eine Unebenheit in der Straße. Kurz darauf muss der Bus bremsen und weicht auf die Gegenfahrbahn aus. Du erkennst, warum, als du die ein paar auf der Straße liegenden Kühe siehst, und schmunzelst – eigentlich ist das hier ein Highway…

Deine Gedanken werden unterbrochen, als dich jemand von hinten an der Schulter anstößt. Du drehst dich um und bist überrascht, wie voll der Bus geworden ist. Dann erkennst du, wer dich angerempelt hat: es ist derjenige, der das Geld für die Fahrt einsammelt. Er geht eine Reihe weiter nach vorne. Du sagst ihm, wo du aussteigen möchtest und gibst ihm das Geld dafür. Mittlerweile ist der Bus in einer Ortschaft angelangt. Hier reihen sich Häuser an Häuser und es gibt jede Menge kleiner Geschäfte und Straßenstände. Obst wie Ananas, Bananen, Granatäpfel, oder Gemüse – es erinnert dich an einen kleinen Markt. Der Bus hält und es steigen einige Passagiere aus. Einige von ihnen lassen Jacken oder Taschen auf ihren Sitzen liegen, zur Platzreservierung, und kaufen neben dem Bus Obst, Wasser und andere Kleinigkeiten. Als sie zusammen mit neuen Fahrgästen wieder einsteigen, fährt der Bus langsam wieder los.

Endlich nähert sich der Bus deinem Ziel. Jemand ruft „Bus Stand“ durch den Bus, und kurz darauf hält der Bus an. Du stehst auf und steigst zusammen mit anderen Fahrgästen aus dem Bus aus. Unter den vielen Menschen, die auf dem Platz versammelt sind, versuchst du deine Freunde auszumachen, die dich abholen. Neben einem der Obststände findest du sie und läufst auf sie zu.

Und kehrst mit den Gedanken aus Indien zurück vor deinen Computer, Laptop, dein Handy oder von wo auch immer du diese fast-Traumreise gestartet hast. Diese Eindrücke geben nur einen kleinen Teil Indiens (sogar nur einen kleinen Teil des Bundesstaates Orissa) wieder. In anderen Bundesstaaten sieht alles etwas anders aus (man denke nur an den Unterschied von dem Himalayagebirge im Norden und Stränden an den Küsten), es gibt andere Sprachen, andere Tänze, …

Ein Freund hat den Vergleich aufgestellt, dass Indien vielfältig wie Europa ist, nur mit dem Unterschied, dass Indien ein einziges Land ist.

Auch Anna und ich nehmen die alltäglichsten Dinge, wie Busfahren, anders wahr. Deshalb möchte ich betonen, dass all diese Eindrücke nur meine Erfahrungen darstellen.

Mit diesen Worten und einigen Bildern wünsche ich euch noch eine schöne Adventszeit!

Ein Blick aus dem Busfenster

Kommentare:

Karoline Hündorf
16.12.2018

Liebe Levke, das hast du echt schön geschrieben - für einen kurzen Moment war ich gerade wirklich in Gedanken im Bus in Indien ?. Ich finde es immer so interessant von deinem Alltag aus Indien zu hören ???. Selbst eine Busfahrt scheint ja schon ein kleines Abenteuer zu sein. Ich wünsche dir eine schöne Weihnachtszeit in Indien und freue mich schon auf unser Wiedersehen im Januar ? Liebe Grüße, von Karoline

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