Felix Rohkämper – Der letzte Blogeintrag

Auszug aus: Felix in Südafrika – Eine Zusammenfassung von Blogeinträgen aus dem Freiwilligendienst
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Der letzte Blogeintrag

Wie wahrscheinlich einige von euch es schon geahnt haben, bin ich mittlerweile seit einer Woche zurück in Deutschland. Verständlicherweise ploppen da ganz viele Fragen in einem Kopf auf, daher werde ich alles ruhig nach einander beantworten…

Es war der 15.03., an dem ich meine Freundin nach einem wunderschönen zweiwöchigen Urlaub durch Südafrika schweren Herzens zum Flughafen brachte. Es war eine so tolle Zeit und nun sollte ich sie 4 ½ Monate nicht sehen… Dies schein fast unfassbar und so rollte im Endeffekt das ein oder andere Tränchen, als wir verabschiedeten. Die News über das Corona-infizierte Deutschland konnten wir selbst während unseres Urlaubes nicht übersehen oder ausschalten, sodass ich doch sehr gut informiert war über diese doch große Krise. Sei es die Tagesschau-App, Freunde oder Verwandte, irgendwie wusste man stets Bescheid. Am nächsten Morgen saß ich in alter Frische wieder in unserem geräumigen Nissan mit den anderen drei Freiwilligen und wir sprachen über das Coronavirus. „Wusstet ihr schon über Italien Bescheid? Vielleicht müssen wir sogar früher nach Hause?! Ich will aber doch noch nicht gehen. Ach, das wird doch nicht so schlimm“ und vieles mehr wurde auf dieser Autofahrt gesagt. Ich kann mich sogar noch an meine Worte erinnern, dass wir Freiwillige sowieso keine Chance hätten, wenn Deutschland ähnlich wie Kanada etc. die Grenzen schießen würde. Mit einem etwas durchmischten Gefühl, dem Unwissen über unsere Zukunft ging es dann also zurück zur NWF, in der ich meine Arbeitskollegen über zwei Wochen nun nicht mehr gesehen hatte. Was ein schöner Tag, bis wir ein Meeting mit allen Mitgliedern der NWF hatten. Es ging über alles Mögliche, ich hörte zu Beginn mit Spannung zu, bis Ema zu mir rüberkam, mir ihr Handy in die Hand drückte und ich las: „Alle Freiwilligen werden so schnell wie möglich zurück nach Deutschland geholt…“ oder so ähnlich. Mein Herz stockte. Die Blase des Wohlfühlens, in der ich mich zuvor nach befand, platzte. Es fühlte sich alles kalt an, der Raum wurde um mich herum still, ich konnte es einfach nicht fassen. Durch meine Sitznachbarin wurde ich wieder zurück in die Realität geholt, ich ging aus dem Raum heraus und ließ alles erst einmal sacken. Und an dieser Entscheidung, die in dieser Sekunde meine ganze Zukunft veränderte, änderte sich nichts mehr. Meine Chefin versuchte Kontakt mit meiner Entsendeorganisation aufzunehmen, wir telefonierten und schluchzten doch nichts ließ sich machen. Gleich am Nachmittag wurde uns sogar das Abflugdatum mitgeteilt: Samstag, 0:30 Uhr sollte es für mich zurück nach Deutschland gehen. Aber was ist dieses Corona-versiffte Deutschland überhaupt? Möchte ich dahin? Nein, will ich eigentlich nicht, zumindest nicht jetzt… Die Menschen, Kultur, Freude, an die man sich in den vergangenen acht Monaten angepasst hat, sollte nun das Alles auf einen Schlag weg sein? Die traurige Antwort war: „Ja“.

Also was habe ich gemacht, wissend, dass ich noch 5 Tage in diesem wunderschönen Land bleiben würde… feiern? Besaufen? Alles machen, was ich nicht zuvor gemacht habe? Die Antwort sieht leider nicht so spannend aus… Ich habe die letzten Male den wunderschönen Ausblick von unserem Balkon genossen, Touristengeschenke für Familie und Freunde zu kaufen, alles mitzunehmen, was ich noch unbedingt aus Südafrika brauchte, Tschüss zu all den wichtigen Menschen zu sagen, denen man nicht in der NWF über den Weg laufen würde, die Meeresluft am Strand zu inhalieren und alleine „Totsiens“ zu Kapstadt zu sagen. Auch in der NWF gab es noch eine kurzfriste Abschlussfeier (wirklich zauberhaft, mit Reden, Musik und traditionellem Essen), genauso wie mit den Kindern. Ich kann euch sagen, dass einer der schwierigsten Momente darin lag, den Jungs und Mädels, die man zwei Wochen nicht gesehen hatte und die sich nun riesig auf einen gefreut hatten, sagen zu müssen, dass dies nun die letzte Woche von mir wäre. Einfach nur herzzerbrechend… Schneller als geahnt und gewollt kam es dann also zum Freitag, an dem ich mich zum Flughafen aufmachen würde. Alles ging so schnell und dann saß ich auch schon im ersten Flieger nach Amsterdam, unwissend, wie ich mich jetzt gerade fühlen sollte. Mein Flug vor dort nach Düsseldorf ging dann leider erst 9h später, doch kam ich dann spät abends gesund in Düsseldorf an. Und wow, es ist alles viel zu normal…

Aber erstmal die Frage, wieso musste ich jetzt eigentlich zurück?

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, welches auch „weltwärts“ gegründet hat, entschloss sich dazu, alle Freiwilligen zurückzuholen. 1.) Die exponentielle Ausbreitung von Corona wird unkontrolliert in vielen ärmeren Ländern fortfahren und man kann so den guten Gesundheitsstatus der Freiwilligen nicht garantieren. 2.) Wir haben alle Visa, die nur bis zu einem bestimmten Tag gültig sind, sodass wir dann als illegale Zivilisten in Südafrika gefangen wären. (oder so ähnlich…)

Es war absehbar, aber warum so früh? Einfach nur unfair… und somit kommen wir zur letzten großen Frage, die sich viele von euch gestellt haben/ haben werden. Felix, wie geht es dir?

So einfach und gewöhnlich die Frage normalerweise ist, so schwierig ist es auch momentan diese zu beantworten. Auf der einen Seite bin ich natürlich glücklich ich bin zurück bei meinen Eltern, bei meiner Freundin und meinen guten, alten Freunden. Obwohl dieses Deutschland mit Corona etwas verlassen und kaltherzig scheint, so ist es doch auch meine Heimat und ein Platz an dem ich mich wohlfühle. Vor allem aufgrund der nun in Südafrika umgesetzten Ausgangssperre, die nun drei Wochen andauert, bin ich sehr glücklich, die Zeit in Deutschland und nicht in Südafrika abzusitzen.

Auf der anderen Seite bin ich unfassbar traurig. Ich wurde innerhalb von 5 Tagen aus dem mir bekannten Leben herausgerissen. Ich konnte nicht angemessen „Tschüss“ sagen, hatte kaum Zeit emotional die ganze Situation zu erfassen. Kinder, mit denen ich tagtäglich zu schaffen hatte, sollten nun einfach aus meinem Leben verbannt werden. Das alles erstmal zu verstehen, war wirklich nicht einfach und ich brauchte dafür meine Zeit. Wieso musste all dies genau in diesem Jahr passieren…

So ärgerlich das Ganze jetzt auch ist, ich bin so unfassbar froh dieses Jahr angetreten zu haben. Ich bin mir sicher, dass ich in keiner Universität der Welt so viel über das Leben hätte lernen können wie in diesen acht Monaten. Ich bin einfach nur dankbar für diese Möglichkeit, für die vielen tollen Menschen, die ich kennengelernt habe und für die Erfahrungen und Fehler, die ich gemacht habe. Danke, Südafrika, NWF, WG-Mitbewohner und so viele mehr. Südafrika hat mir echt die Augen geöffnet. DANKE!

Ich verabschiede mich hiermit auch von euch, ihr, die immer gerne diesen Blog gelesen habt. Vielen Dank für euren positiven Support, die Anreicherungen und die Fürsorglichkeit. Es war mir zwar nicht immer die größte Freude, diesen Blog zu schreiben, doch bin ich nun sehr froh, dies über die letzten 8 Monate getan zu haben.

Vielen Dank für ein viel zu kurzes Jahr!

Liebe Grüße,

Felix aus Deutschland

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