Heimreise

Sieben Monate lang hatte ich keine Tagesschau gesehen, keine Zeitung gelesen und auch sonst keine Nachrichten wahrgenommen. Auf Twitter habe ich ein paar Mal den Hashtag Corona verfolgt, fühlte mich aber zu keinem Zeitpunkt von dem Virus bedroht. Selbst als Freunde von mir, die ebenfalls um die Welt reisten, nach Hause geschickt wurden, war von dem Virus in Papua-Neuguinea so wenig zu spüren, dass ich meinen Freiwilligendienst für ungefährdet hielt.

So kam es, dass ich mich an dem Abend, an dem sich meine Meinung ändern sollte, noch in Lae, 24 Stunden von meiner Einsatzstelle entfernt befand. Ich besuchte einen anderen Freiwilligen und wir sprachen gerade darüber, welche Orte wir in unseren letzten 4 Monaten unbedingt noch sehen wollten. Mein Handy fing plötzlich an wie wild zu vibrieren. So viele Nachrichten hatte ich seit Abreise nicht mehr bekommen. Ich schaute also aufs Display und sah das Symbol für eine neue E-Mail und 32 neue Nachrichten in der ZMÖ WhatsApp-Gruppe. „Das können die doch nicht machen!“, schrieb gerade jemand, gefolgt von einer Reihe weinender Emojis. Ich wischte mit dem Daumen über das Brief-Symbol, das neue E-Mails ankündigt.

Sofortiger Abbruch des Freiwilligendienst

Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! Meine Gedanken überschlugen sich. Vielleicht waren ja nur ein paar Länder gemeint und Papua-Neuguinea war gar nicht betroffen, vielleicht konnte man ja nochmal anrufen, vielleicht ging es nur um die Möglichkeit abzubrechen, falls man sich unwohl fühlt. Während ich mir die Möglichkeiten durch den Kopf gehen ließ, las ich die E-Mail, die jede neue Idee wiederlegte.

Im Telefonat mit dem ZMÖ erfuhr ich, dass ich vielleicht noch eine Woche im Land habe. Lange spazierte ich in dieser Nacht über das Kirchengelände in Ampo. Ausnahmslos alles woran ich im Zusammenhang mit diesem Land denken konnte, würde mir fehlen. In der Vorbereitung, während der Seminare, hatten wir so oft über Abschied und die damit zusammenhängenden Aspekte gesprochen. Eine Woche war zu wenig, aber der Flughafen würde bald dicht machen und als ich später am Abend im Bett lag und mich länger mit Nachrichten zum Coronavirus befasste, wurde mir klar wie ernst die Situation weltweit ist.

Also stieg ich, nach einer schlaflosen Nacht in den Bus, der mich zu meiner Einsatzstelle bringen würde. 24 Stunden Zeit, um noch einmal an all den Orten vorbeizufahren und über all die damit verbundenen Erfahrungen nachzudenken. Kurz vor Goroka und damit ungefähr zur Hälfte meiner Busfahrt bekam ich den Anruf, der die Situation nochmal schlimmer machen sollte, etwas was ich zu dem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hätte. Der Flug geht übermorgen.

Sowie ich diese Information aufnahm, schaltete mein Kopf auf Robotermodus um. Ich hatte keine Zeit mehr, mich mit meinen Gefühlen zu der ganzen Sache auseinander zu setzen. Ich würde erst am nächsten Tag zur Mittagszeit in meiner Hütte ankommen und musste am darauffolgenden Morgen um 6Uhr ins Auto steigen, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Als ich daraufhin meine Freunde anrief, denen ich die Nachricht eigentlich persönlich überbringen wollte, stellte sich her raus, dass diese noch bei einem Meeting waren und es, aufgrund von fehlenden Busverbindungen, nicht mehr schaffen würden mich zu sehen.

Als ich nach 24 Stunden Fahrt ankam, erwartet mich also erstmal niemand. Ich stürmte in mein Haus und fing an aus einem Zuhause wieder ein Haus zu machen. Fotos die ich aufgehängt hatte, meine im ganzen Haus verteilten Klamotten und Schubladen voller Krempel. Alles musste ich nun in zwei Koffer stopfen, die ich eigentlich noch vier Monate nicht anrühren wollte. Zum Glück kam mir in meiner Not meine gute Freundin Cynthia zur Hilfe und auch ihr Mann Win kam etwas später dazu. Sie waren während meiner Zeit in Papua-Neuguinea meine besten Freunde gewesen und konnten mein Leben auch an unserem letzten gemeinsamen Nachmittag, noch um einiges besser machen. Wir packten, erzählten und lachten bis tief in die Nacht. Nach einer 24 Stunden langen Busfahrt, einem so stressigen Nachmittag und einem so langen Abend, fiel ich in mein Bett und schlief sofort ein.

Als ich am nächsten Morgen nach meiner letzten Nacht in Papua-Neuguinea erwachte, vergaß ich für einen Moment was mich heute erwarten würde. War es vielleicht nur ein schrecklicher Albtraum und ich könnte mich jetzt mit meinen Freunden treffen um Feuerholz zu holen oder Kartoffeln zu pflanzen? Nein. Schon rief mich der Fahrer an, der sich bereit erklärt hatte mich so früh zum Flughafen zu fahren, schon stand der verschlafene Win vor der Tür, um mir mit dem Gepäck zu helfen und schon nahm ich meine beiden besten Freunde ein letztes Mal in den Arm.

Durch die Fenster des Flughafens konnte ich noch sehen wie die beiden niedergeschlagen zurück ins Auto stiegen. Hier warteten ein anderer Freiwilliger und ich nun auf den Flieger in die Hauptstadt. Besonders gesprächig waren wir beide nicht. Sicherheitshinweise, Anschnallen, Abflug. Durchs Fenster sehe ich ein letztes Mal die Hauptstraße, den ewigen Urwald und irgendwann auch die Küste, die die Hauptstadt ankündigt, in der wir vor 7 Monaten angekommen waren, ohne zu wissen, dass wir das großartigste Land der Erde betreten.

Nach dem wir unser Gepäck abgeholt und die Kontrollen vor dem internationalen Bereich des Flughafens hinter uns gebracht haben, trafen wir auf die restlichen Freiwillegen. Ein elendiger Haufen aus Augenringen, Tränen und hängenden Mundwinkel, der prophezeit, wie sich die nächsten drei Wochen anfühlen werden. Als wir den Flieger betreten und uns auf den langen Flug nach Singapur einstellen, geht auch in mir der Robotermodus aus. Jeder Zeitplan war eingehalten, das Gepäck war abgegeben und die Familie Informiert. Es gab keine Aufgaben mehr, mit denen ich mich von meinen Gefühlen ablenken könnte. Wie es mir danach ging, als ich nach zwei Langstreckenflügen, einer Umbuchung und vier Stunden Wartezeit in München, erklärt bekomme, dass mein Gepäck wohl abhanden gekommen ist, möchte ich ungern erläutern.

Ich steige also in die S-Bahn Richtung Hamburg-Othmarschen und bin so ohne Energie, dass ich gar nichts mehr fühle. Ich sehe die ungewöhnlich leeren Straßen von Hamburg und lese im Newsticker der S-Bahn, dass es in Bayern ab heute eine Ausgangsperre gibt. 7 Monate Papua-Neuguinea, nur damit ich mich nach 10 Minuten in der S-Bahn fühle, als währe ich nie weg gewesen und als hätte die Welt in Hamburg 7 Monate pausiert. Ein paar Baustellen neben den Gleisen sind plötzlich fertig und jeder Bahnhof hat jetzt Wlan, der Rest fühlt sich unverändert an.

Heute ist die Ankunft in Hamburg schon wieder über einen Monat her. Ich habe mittlerweile Angefangen, mich auf die sieben Monate die ich weg war zu konzentrieren und nicht auf die vier, die mir verloren gegangen sind. Auch habe ich es vor kurzem erstmalig Kontakt nach Papua-Neuguinea aufzunehmen und habe sogar mit Win telefoniert.

Natürlich war das nicht der Abschied den ich mir Vorgestellt habe, aber wenn ich mich in der Welt so umschaue, bin ich einfach glücklich, dass ich die Möglichkeit habe an einen sicheren Ort zurückzureisen und das ich diese schwierige Zeit mit Zuhause sitzen überstehe, was im Vergleich zu den meisten anderen Schicksalen doch sehr einfach ist.  

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