Hui Xian – Ein Dorf mit 200.000 Einwohnern

Niemals hätte ich gedacht, dass sich ein Ort mit 200.000 Einwohnern, so familiär und entspannt anfühlen konnte, auch wenn ich die Großstadt gewöhnt bin und demensprechend 200.000 wesentlich weniger ist, als das was ich sonst gewöhnt, hätte ich dies nicht für möglich gehalten.
Die Rede ist von Hui Xian, welches in der Region Longnan, in der Provinz Gansu im Norden Chinas liegt. China – das erste was einem durch den Kopf schießt, sind Menschen. Viele Menschen. Bei einer Population von 1,4 Milliarden, ist die Dimension von 200.000 vielleicht tatsächlich dörflich, aber dennoch, habe ich mich jetzt schon in das „Dorf“ verliebt, welches das kommende Jahr mein zu Hause sein wird und das mitten im Herzen Chinas. Auch wenn Gansu zu den nördlichen Provinzen Chinas zählt, zieht es sich durch seine geographische Ausbreitung bis in dessen Zentrum. Im Gegensatz zum Norden der Provinz, der schon an die Gobi Wüste grenzt, bieten sich bei uns im Süden wunderschöne, weite und umwerfende Ausblicke. Berge und Täler so weit das Auge reicht. Wälder, Seen und Flüsse runden die Szenerie ab.
Wenn man nun von einem dieser Berge herunterschaut, kann man es erblicken. Hui Xian umrandet von Bergen und Hügeln. Wie nirgends anders in China kann man das entfernte Hupen der Autos, LKW’s und Roller hören. Darunter mischt sich Square Dance Musik, dass Geschrei von Schülern und Verkäufer, die an fast jeder Straßenecke ihre Ware anpreisen. Es geht von Nudeln, über selbst gemachtes Popcorn, Backwaren, chinesische Spezialitäten, Obst & Gemüse, hin bis zu elektrischen Geräten und allerlei Kleinkram, mal mehr mal weniger nützlich.
Und mitten zwischen Hochhäusern, welche gleich neben kleinen Bauernhöfen emporragen und einer Menge Neonbeleuchtung, liegt die Hui Xian No. 4 Middle School. Oder wie sie hier genannt wird die „si zhong“ (Schule Nr.4). Die si zhong, nimmt jeden Tag über 2000 Schüler in den Jahrgangstufen 7-9 in seinen Klassenräumen auf. Dazu sei gesagt, dass die Grundschulzeit in China 6 Jahre beträgt, darauf folgen 3 Jahre an der Mittelschule, mit dem Abschluss der 9. Klasse, ist die verpflichtende Schulzeit vorbei und man kann wählen zwischen dem Arbeitsweg oder weiteren drei Jahren auf dem Gymnasium.
Im Gegensatz zu vielen anderen Schulen in ländlichen Gegenden Chinas, ist die si zhong kein Internat, sondern die Schüler kommen morgens und gehen abends wieder und obwohl die Schulwoche nur von Montag bis Freitag geht, werde ich trotzdem dennoch regelmäßig von Schülern am Samstag- oder Sonntagmorgen geweckt. Sei es eine Choreographie, die lautstark eingeübt wird, das Blasorchester, welches probt oder einfach Schüler die über die Gänge laufen, obwohl sprinten das treffendere Wort ist in diesem Fall. Hier an der si zhong ist an fast jedem Tag, von früh bis spät Betrieb. Und auch wenn, der Schultag „nur“ von 7:55 bis 17:40 geht, kann man Schülergelächter auch noch um 21:45 zu hören bekommen.

Die Hui Xian No. 4 Middle School

Und das ist sie nun, die Hui Xian No. 4 Middle School, die Schule an der ich, für das kommende Jahr einer neuen Beschäftigung nachgehen darf. Im Detail bedeutet das, dass ich für Jahrgang sieben und teils Jahrgang acht, im Fach Englisch, Unterrichtsstunden gestalten darf und so auf verschiedene Art und Weise versuche, Kindern die englische Sprache etwas näher zu bringen.
Jede Woche habe ich 20 Schulstunden a‘ 40 Minuten, zusammen mit Schülern und neuerdings auch Lehrern. 16 Stunden in Jahrgang 7, welcher mein Hauptjahrgang ist. 2 Stunden „English corner“ in Jahrgang 8, eine Stunde in der Grundschule von Hui Xian und eine Stunde deutsch, für die Englischlehrer der si zhong.
Meine Stunden in Jahrgang 7 sehen wie folgt aus. Ich habe mit jeder Klasse in Jahrgang 7 eine Stunde die Woche, heißt Jahrgang 7 hat 16 Klassen, welche zusammen beinahe 900 Schüler fassen. Im Gegensatz zu Deutschland sind die Klassen hier wesentlich größer. Meine kleinste Klasse fasst 51 Schüler, meine größte 69. Gerade am Anfang, war es doch sehr komisch vor so einer Menge an Schülern zu stehen, die alle darauf warten, was man ihnen zu erzählen hat. Mittlerweile kommen mir Klassen um 55 Schüler schon klein oder normal vor. Diese 16 Stunden verteilen sich dann über die Woche, jeden Tag zwischen 7:55 und 7:40. Von 12:00 bis 14:30 gibt’s Mittagspause, wo Konstantin, mein Mitfreiwilliger hier und ich Mittagessen in der Kantine bekommen.
Zusammen mit Konstantin gestalte ich auch die „English corner“ für Jahrgang 8. Das heißt, wir versuchen zu einem bestimmten Thema, mit den Schülern ins Gespräch zu kommen und wollen vor allem, dass die Schüler miteinander ins Gespräch kommen. Themen wie: Reisen, Sport oder Hobbies bieten sich hierfür gut an. In „English corner“ sind immer zwei Klassen gleichzeitig, also an einigen Tagen, bis zu 130 Schüler. Damit das überhaupt alles passt, findet „English corner“ im Hörsaal der Schule statt, indem öfter größere Events mit Klassen veranstaltet werden, denen auch die Direktoren der Schule beiwohnen und das sind hier ein paar mehr, jeder mit seinem oder ihrem Aufgabengebiet.
Die Direktoren haben auch dafür gesorgt, dass wir eine Stunde mit den Grundschülern der „Hui Xian experimental primary school“ haben. Jeden Dienstagmorgen von 8:30 bis 9:20. Hier fangen wir in Jahrgang 3 an, denn in Jahrgang beginnen chinesische Schüler Englisch zu lernen. Was doch eine große Umstellung ist, im Vergleich zu Jahrgang 7 und 8. Ich engagiere mich jetzt nun schon mehrere Jahre in der Jugendarbeit meiner Gemeinde in Hamburg, bin es also durchaus gewöhnt mit Jugendlichen zu arbeiten und dachte dennoch immer, dass mir die Arbeit mit Kindern im Grundschulalter keinen Spaß machen würde. Ich habe mich in diesem Fall allerdings geirrt, denn die wöchentliche Stunde in der Grundschule, ist zu meiner Lieblingsstunde geworden. Die Kinder sind unglaublich motiviert und die spielerische Art und Weise Englisch beizubringen ist unglaublich spaßig. Wir werden über das ganz Jahr hinweg uns langsam durch die Jahrgänge arbeiten, was am Ende des Jahres Jahrgang 6 heißt, mal gucken, was das für einen Unterschied macht, diese 3 Jahre.
Zu guter Letzt, werde ich zusammen mit Konstantin, ab dieser Woche versuchen den Englischlehrern der si zhong die deutsche Sprache etwas näher zu bringen. Ich bin sehr gespannt wie das wird, bin mir aber sich, dass das ein riesen Spaß wird, denn für Chinesen ist deutsch in etwa ähnlich schwer auszusprechen, wie für uns chinesisch.
Das die chinesische Sprache wirklich nicht die einfachste ist, merke ich in meine drei Stunden Chinesischunterricht die Woche. Konstantin und ich lernen neben der Aussprache, auch die Schriftzeichen, welche teilweise eine wirkliche Herausforderung sind, aber wir sind zuversichtlich, dass am Ende wenigstens ein paar hängen bleiben.
Neben Chinesichunterricht kriegen wir auch zwei Stunden Kunstunterricht die Woche, was für uns bedeutet, dass wir uns jeden Dienstag in der Kunst der Kalligraphie versuchen dürfen. Es ist wirklich eine tolle Art und Weise der chinesischen Kultur näher zu kommen. Der Unterricht ist abwechslungsreich, wir müssen nicht nur Schriftzeichen zeichnen, sondern auch Motive, wie Vögel und Pflanzen, was uns mitunter allerdings auch bis an den Rand der Verzweiflung treibt, denn von den Vögeln und Blumen unseres Lehrers sind wir noch weit, sehr weit entfernt.
Nun konnte ich euch einen kleinen Einblick in mein Leben, hier in Hui Xian geben, ich hoffe es war interessant, ich wollt eigentlich schon viel früher anfangen meinen Blog zu schreiben, aber ich sage immer: lieber spät, als nie.

Kommentare:

Nora
19.11.2018

Schön von dir zu hören und danke für die vielen Einblicke!

Schreibe einen Kommentar