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Die Partnerschaft mit der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche

Wie ist die Partnerschaft entstanden?

Die Partnerschaft mit der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche – wie auch mit den lutherischen Kirchen in Lettland und Litauen – wurde bereits Ende der 70er Jahre vom Lutherischen Weltbund über die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) angeregt. Der Lutherische Weltbund schlug vor, die Zuständigkeiten für die regionalen evangelisch-lutherischen Kirchen auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion zwischen den Gliedkirchen der EKD aufzuteilen. 1989 reiste eine erste offizielle Delegation der Nordelbischen Kirche nach Rīga, Vilnius und Tallinn.

Die Kirchenleitung bildete einen Baltikumsausschuss und übertrug ihm die Entscheidungsbefugnis in allen grundsätzlichen, kirchenpolitischen Angelegenheiten und bei finanziell umfangreichen Projekten. Es wurden erhebliche Beträge zur Wiederherstellung von Kirchen und anderen kirchlichen Gebäuden, zum Aufbau einer kirchlichen Struktur und der Diakonie sowie zur theologischen Ausbildung von der Nordelbischen Kirche zur Verfügung gestellt sowie fachliche Begleitung vor allem im Bereich Bau, Orgeln und Glocken.

In den ersten Jahren wurden vor allem über das Nordelbische Kirchenamt viele bauliche Vorhaben wie die Renovierung des Konsistoriums und drei weiterer wertvoller Gebäude unterstützt, um aus deren Mietertrag den Gehaltsfond zu stützen. Die diakonische Arbeit konzentrierte sich in der Anfangszeit hauptsächlich auf akute Nothilfe und den Aufbau und die Wiederinstandsetzung diakonischer Einrichtungen und Strukturen. Dieses Engagement hat sich im Laufe der Zeit hin zu konkreten Projektvorhaben verändert.

2002 wurde ein schriftlicher Partnerschaftsvertrag zwischen der Nordelbischen Kirche und der EELK unterschrieben. Es entstanden viele Kirchenkreis- und Gemeindepartnerschaften, die zum größten Teil bis heute bestehen. 

Was sind die geschichtlichen Hintergründe der Beziehung?

1524 findet die Reformationsbewegung Zuspruch in den größeren estnischen Städten wie Tallinn (damals Reval). Im Laufe der nächsten Jahre bekennen sich mehrere Städte zum Luthertum, dennoch bleiben zunächst die Bistümer insgesamt mit Bischöfen und Domkapiteln erhalten. 1583 nach dem Livländischen Krieg unterliegt Reval dem lutherischen Schweden. Nord- und West-Estland werden nach und nach lutherisch. 1621 kommt auch Südestland, das bis dahin zum katholischen Polen-Litauen gehörte, unter schwedische Herrschaft und wird lutherisch. 1710 werden die Gebiete Estlands Teil des russischen Kaiserreiches. Die bereits von den Schweden bestätigten Privilegien des Landes wurden auch vom Zaren garantiert.

Im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts verbreitet sich die Bewegung der Herrnhuter Brüdergemeinde, die dem Halleschen Pietismus den Weg bahnte. Die Bewegung prägt das religiöse Bewusstsein der Bauern und die lutherische Frömmigkeit. In den Jahren 1763 bis 1817 war die Brüdergemeinde in Russland offiziell verboten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt die nationale Erweckungsbewegung. Neben den vor allem deutsch-baltischen Pfarrern treten erste estnisch-stämmige Geistliche in den Dienst der Kirche. Auf dem ersten und zweiten Kirchenkongress 1917 und 1919 wird die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) als freie Volkskirche gegründet. Zusätzlich wird die ursprüngliche feudale Struktur aufgehoben, und es werden die Strukturen der Kirche demokratisiert. 1918 -1940, in der unabhängigen Estnischen Republik, ist die lutherische Kirche eine vom Staat unabhängige Mehrheitskirche. Die zweitgrößte Kirche zu dieser Zeit ist die Estnische Apostolisch-Orthodoxe Kirche.

1939 müssen die Deutschbalten aufgrund des Hitler-Stalin-Paktes ihre Heimat verlassen. Viele halten unter schwierigen Bedingungen den Kontakt zu ihren Gemeinden im sowjetischen Estland.

1940 -1991 leidet die Kirche unter den Repressionen der atheistischen Sowjetunion. Die religiöse Tätigkeit wird eingeschränkt und findet nur noch innerhalb der Kirchenwände statt. Öffentliche Glaubensverkündigungen und Religionslehre sind verboten, wie auch die christliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Wer sich zur Kirche bekennt, muss mit Verfolgung rechnen.

1944 müssen zehntausende Esten, darunter viele Pfarrer, wegen der sowjetischen Besatzung ihre Heimat verlassen. In der freien Welt entsteht die „Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche im Ausland“, eine Exilkirche. 1963 wird die im Heimatland funktionierende EELK Mitglied im Lutherischen Weltbund, zu dessen Gründungsmitgliedern auch die Exilkirche gehört.

Unter Gorbatschow wurden ab etwa 1986 kirchliche Reisen offiziell möglich und Kontakte konnten offiziell aufgebaut werden. 1988 bis 1991 finden die singende Revolution und die Freiheitsbewegung ihren Höhepunkt in der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der Estnischen Republik. Die Kirche erlebt einen großen Aufschwung und nimmt ihre Tätigkeit in Bereichen, die vormals verboten waren, wieder auf. Die Bedingungen, eine Partnerschaft zu gründen, sind einfacher geworden.

Aufgrund der gemeinsamen Grenze durch die Ostsee, der deutschbaltischen Vergangenheit nach Estland und dem Bedürfnis, die Schwestern und Brüder im kirchlichen Leben zu unterstützen, entstehen neue Partnerschaften zwischen Gemeinden und Kirchenkreisen .

Konkrete Zusammenarbeit

Es gibt über 30 Partnerschaften zwischen Gemeinden und Kirchenkreisen. Der größte Teil der Partnerschaften basiert auf kirchlicher Ebene. Darüber hinaus existieren Städtepartnerschaften auf kommunaler Ebene, die mit der kirchlichen Partnerschaft zusammenarbeiten (z. B. Rendsburg, Preetz und Norderstedt). Am Wichtigsten sind die persönlichen Kontakte zu den Partnern in der Partnergemeinde sowie die gegenseitigen freundschaftlichen Besuche und das geistliche Miteinander.

Die Inhalte der Partnerschaft sind vielfältig und hängen ganz individuell von den engagierten Personen ab, die die Partnerschaft betreuen: Unterstützt wird die Kinder- und Jugendarbeit in Form von Sonntagsschule, Kinderrüstzeiten, Jugendtreffen und Straßenkinderprojekte sowie Weihnachts- und Paketaktionen. Es wird die Renovierung von Gebäuden unterstützt, Reisekosten für Besuche, Second-Hand-Läden und die dazugehörigen Kleidertransporte.

In den Gemeinden in der Nordkirche finden regelmäßige Treffen der Partnerschaftsfreunde statt. Die Partnerschaft wird gelebt durch gegenseitige Besuche, regen Schriftkontakt sowie Sprachkurse in estnischer Sprache, Es finden Gedenkgottesdienste, z. B. am Unabhängigkeitstag Estlands statt. Zudem werden Kirchenlieder auf Estnisch gesungen.

Jährlich findet ein Pastoralkolleg statt, an dem Theologinnen und Theologen aus Estland, Lettland, Litauen und der Nordkirche teilnehmen. Hier werden biblische und theologische Fragen erörtert und es dient dem gegenseitigen Kennenlernen und Verständnis. Es gibt Zusammenarbeit im kirchenmusikalischen Bereich: Seit 1994 werden jährlich zwei Stipendien für baltische Kirchenmusikstudierende mit den Ziel der C-Prüfung in der Kirchengemeinde Lübeck-Travemünde vergeben, bis 2012 für ein Jahr, seitdem für kürzere Aufenthalte. Ein Orgelsachverständiger berät und unterstützt die Kirche beim Einbau und der Wartung von (zum Teil gespendeten) Orgeln. Estnische Jugendliche sind in jedem Jahr beim Festival von BIEN (Baltic Intercultural Ecumenical Network) und beim deutsch-baltischen Café, das von 2003 bis 2013 bei jedem Kirchentag angeboten wurde, aktiv dabei.

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein arbeitet mit der EELK im diakonischen Bereich zusammen. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Kooperation mit dem Diakoniekrankenhaus in Tallinn (Tallinna Diakooniahaigla). Dieses hat sich auf die Versorgung und Betreuung alter Menschen spezialisiert und in den letzten Jahren den Schwerpunkt „Demenzerkrankung“ auf- und ausgebaut. Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein unterstützt diese Entwicklung mit Kontakten, Wissen und durch die Förderung von Weiterbildung. Darüber hinaus engagiert sich es sich für die Verankerung der diakonischen Arbeit beim Konsistorium der EELK und leistet einen finanziellen Beitrag zur Entwicklung einer nachhaltigen Arbeitsstruktur. 

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