Milka Schokolade als Trostpflaster

Als ich meine Schwester am 26. März zum Flughafen brachte war mir noch nicht klar, dass meine eigene Ausreise noch in der selben Woche stattfinden sollte.

Mein letzter Abend.

Am Flughafen angekommen, wurden wir von FlughafenmitarbeiterInnen mit Schutzmasken und Handschuhen überrascht. Dies machte mir zu diesem Zeitpunkt jedoch keine Sorgen. Ich nahm es als eine rein präventive Vorsichtsmaßnahmen wahr. An diesem Tag war erst ein Corona-Fall in Arusha (im Norden von Tansania) bestätigt. Nachdem ich mich also von meiner Schwester mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet hatte (leider durfte ich sie nicht in den Flughafen begleiten), machte ich mich wieder mit dem Daladala auf den Weg nach Hause. Doch bevor ich in unsere Wohnung ging, machte ich noch einen Abstecher in den Laden von Upendo.

Dort saßen Jenny, Rama und Farijila, die sich unterhielten. Nachdem wir uns über die Verabschiedung von meiner Schwester austauschten, wies mich Jenny recht schnell daraufhin, dass ich mal in mein E-Mail Postfach schauen sollte, ließ es jedoch unkommentiert. Bereits als ich mein Handy mit dem WLAN verband, erreichten mich Nachrichten in unserer Freiwilligengruppe vom ZMÖ. Diese bereiteten mir einen negativen Vorgeschmack und ein ungutes Gefühl auf das, was folgen sollte.

Die Tage zuvor hatte sich das ZMÖ bereits bei uns gemeldet. In einer ersten E-Mail ging es zunächst um allgemeine Richtlinien im Bezug auf Corona. Des Weiteren ermutigten sie uns mit ihnen in Kontakt zu treten, sobald unsere Einsatzstellen schießen sollten, wir krank werden oder auch uns mit der Situation in unserem Einsatzland unwohl fühlen. Doch traf dies alles nicht auf mich zu und die ganze Corona-Diskussion fühlte sich für mich noch ganz weit weg an. Die Vortage hatte ich mich immer wieder über die Situation in Deutschland informiert und schaute fleißig die Tagesschau, doch konnte ich die Situation überhaupt nicht im Hinblick auf Sansibar einschätzen. Auch meine Eltern meldeten sich bei mir und machten mir ihre Sorgen deutlich. Doch verstand ich die Situation nicht bzw. wollte sie zu dem Moment noch nicht ganz nachvollziehen. Corona hatte auf mein Leben bis dahin keinen Einfluss genommen.

Doch in der Mail, die ich an diesem Tag erhielt, stand es ganz eindeutig drin: Das ZMÖ hatte die Entscheidung getroffen uns alle vorzeitig zurück nach Deutschland zu holen und unseren Freiwilligendienst zu beenden. Bereits als ich den Betreff der E-Mail ließ, wollte ich nicht weiterlesen „Abbruch Freiwilligendienst“ reichte mir schon. Ich legte mein Handy zur Seite und fing an zu weinen. Ich war sehr frustriert. Ich wusste nicht wohin mit meinen Emotionen.

Jenny und ich tauschten uns sehr rege über diese Entscheidung aus. Auch sie bangte darum, dass ihr Freiwilligendienst beendet werden sollte (sie erhielt diese E-Mail von ihrer Organisation erst am späten Abend).

Nach einem kurzen Verschnaufen, schaffte ich es dann doch die ganze E-Mail zu lesen, wobei ich immer wieder in Tränen ausbrach, nicht weiter lesen wollte und Pausen einlegte. Rama und Farijila schienen die Situation noch nicht ganz zu verstehen. Ich glaube, ich hätte die Situation von außen auch nicht einschätzen können. Jenny und ich brachen immer wieder in „hysterisches“ Gelächter aus, welches davon abgelöst wurde, dass ich wieder in Tränen ausbrach. Den einzigen Trost konnte uns in dieser Situation eine Milka Schokolade schenken, die ich nach einem Sprint in unsere Wohnung (unsere Wohnung lag über dem Laden) öffnete und wir im nächsten Moment verschlungen.

Unser Trostpflaster.

Den Tag über versuchten wir die Nachricht zu verarbeiten und zu realisieren, dass uns keine 4 weiteren Monate blieben, bis wir uns verabschieden sollten. Der Abschied sollte noch in der selben Woche erfolgen. So saßen Jenny und ich an diesem Tag weinend mit Zulfa auf unserer Couch.

In den kommenden Tagen musste ich mich also von meinen Einsatzstellen verabschieden. Mein erster Kindergarten Tag nach dem Zwischenseminar und dem Besuch meiner Schwester sollte also zu meinem Letzten werden. Dort angekommen erzählte ich ihnen von meiner Nachricht. Auch sie konnten diese nicht recht nachvollziehen, da Corona in Tansania bislang kaum ausgebrochen war. Ich machte den normalen Alltag in der Nursery School mit. Zum Abschluss haben die Kinder dann noch ein Lied gesungen („Goodbye teacher Leo. Goodbye. We are sorry. We are sorry to say goodbye.“) und die Lehrerinnen haben liebe Worte an mich gerichtet und noch Erinnerungsfotos gemacht. Das Upendo-Team hatte für Jenny und mich eine Art Abschiedsfeier organisiert. Dort saßen wir zusammen mit allen Upendo MitarbeiterInnen im Laden und verbrachten eine schöne Zeit. Einige der Frauen richteten dann noch wertschätzende Worte an Jenny und mich und sagten, wie traurig sie seinen, dass wir gehen müssten. Und fragten, wann wir denn wieder kommen würden.

Rückweg vom Kindergarten nach Hause.

Der Abbruch meines Freiwilligendienstes kam mir für eine lange Zeit so irreal vor (bis heute noch) und bescherte mir unruhige Nächte. Ich wollte meinen Freiwilligendienst nicht abbrechen. Ich wollte lieber die nächsten Monate wie geplant auf Sansibar verbringen. Doch kann ich rückblickend die Entscheidung sehr gut nachvollziehen, halte sie auch für richtig.

Meine letzten Tage auf Sansibar verbrachte ich mit meinen Freunden und der Familie von Zulfa, wir waren viel Zeit draußen und genossen unser Leben.

In der Zwischenzeit war bereits einiges in Tansania passiert und auch auf Sansibar merke ich Veränderungen. Zum Zeitpunkt meines Abfluges gab es dann schon 5 Fälle in Tansania, 2 davon auf Sansibar in der Gegend wo ich wohnte. Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten hatten ab dem 19. März dann bereits geschlossen (unbefristet). Auch der Kindergarten und das Upendo, in denen ich gearbeitet hatte, hatten geschlossen. Auf einmal war die Stadt leerer. Viele Touristen waren bereits abgereist, andere durften gar nicht mehr auf Sansibar einreisen. Auf den Straßen begegnete ich Menschen, die vereinzelt Einweghandschuhe oder auch Schutzmasken trugen. Wieder andere unterhielten sich über Corona. An jeder Straßenecke traf ich auf Menschen, die Corona auf unterschiedlichste Weisen beschäftigte. Einzelne Menschen riefen Jenny und mir hinterher, dass wir Corona hätten („Wazungu wana Corona.“) oder, dass die „Weißen/ Reisenden“ ihnen Corona bringen. Womit sie auch nicht ganz unrecht hatten, da 3 von 5 Erkrankten zudem Zeitpunkt Ortsfremde waren. Doch war es kein schönes Gefühlt, dass Menschen negativ hinter unserem Rücken über uns redeten oder auch hinter uns herriefen. Hätten sie doch genauso gut wie wir an Corona erkrankt sein können. Doch konnten sie nicht wissen, dass wir schon bereits in Tansania waren, bevor Corona überhaupt bekannt war. So nahm ich es ihnen nicht übel.

Eingang eines Restaurants.

Am Samstag, den 21. März machte ich mich dann also wieder auf den Weg nach Deutschland. Jenny, Rama und ein anderer Bekannter brachten mich dann am Morgen zur Fähre. Ich umarmte noch die Shopleiterin und dann ging es los. Mit der Fähre ging es für mich zunächst nach Dar es Salaam. Die Überfahrt hatte ich die meiste Zeit geschlafen. Bei der Fähre wurde ich von einem Taxifahrer abgeholt. Die Taxifahrt zum Flughafen wurde begleitet von regen Gesprächen über Gott und die Welt. Drückte er mir auch kurz sein Handy in die Hand, um mit seiner Frau zu reden. Beim Flughafen wechselte ich zunächst noch mein Geld. Die restlichen 7 Stunden verbrachte ich mit Musik hören, Sudokus und Gesprächen. Um mich herum waren viele herzliche Menschen, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin. Suzy, eine 22-jährige Flughafenmitarbeiterin kam immer wieder zu mir und machte sicher, dass es mir gut ging (bis heute habe ich noch Kontakt zu ihr). Wir unterhielten uns immer wieder und sie achtete auf meine Sachen, wenn ich mal auf die Toilette musste. Ich unterhielt mich zudem mit einem Mann aus der Schweiz, Männern aus den USA und einer Frau aus Kenia.

Ich hatte mir morgens bei der Bäckerei noch einmal meine liebsten Gebäcke gekauft – s.o. Chapati.

Bei der Fähre sowie auf dem Flughafen wurde sehr auf Hygienemaßnahmen geachtet. Am Hafen musste ich meine Hände waschen, bevor ich das Gelände verließ. Und auch am Flughafen musste man seine Hände desinfizieren. Am Hafen sowie am Flughafen wurde Fieber gemessen (diese Prozedur kannte ich schon von vorherigen Fährfahrten). Überall sah man Poster mit Informationen über Corona und wie man die Hände zu waschen hat. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Vorschriften und Maßnahmen im Bezug auf Corona schärfer in Tansania als in Europa waren. Dort sah es für mich aus wie immer, nur deutlich leerer.

Am späten Abend traf ich dann auf Anna und Kim-Lea, die Beiden waren von Mwanza bzw. dem Kilimanjaro nach Dar es Salaam geflogen. Auch trafen wir zwei andere Freiwillige von der VEM, die wir von unseren Seminaren kannten. Aus Zufall saßen diese dann auch im Flugzeug in der Reihe hinter uns. Zusammen nahmen wir die weitere Reise auf uns. Unser Highlight war das Sprudelwasser im Flugzug. Von Dar es Salaam flogen wir dann weiter nach Amsterdam und von Amsterdam nach Hamburg.

Und so kommt es, dass ich nun seit Montag, dem 23. März wieder in Deutschland bin.

Am Anfang habe ich sehr lange Zeit gebraucht um die Situation zu verkraften. Und damit meine ich nicht nur den 30 Grad Temperaturunterschied. Immer wieder brach ich in Tränen aus und wusste nicht so recht wohin mit mir. Doch konnte ich mich an unserer acht Monate alten Hündin Billie erfreuen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kennengelernt hatte. Die nächsten Wochen ging ich also viel spazieren mit Billie, verbrachte Zeit mit meinen Eltern und meiner Schwester und bemalte das ein oder andere Vogelhaus.

Aktuell (stand 23.04.2020) gibt es 284 bestätigte Corona Infektionen in Tansania, davon 74 auf Sansibar. 11 Menschen haben sich von dem Virus erholt und 10 sind verstorben, wobei die Dunkelziffer um einiges höher sein mag. Wie oben erwähnt haben Bildungseinrichtungen geschlossen. Massenveranstaltungen sind untersagt. In den Daladalas wird die Anzahl an Passagieren begrenzt. Die Grenzen sind z.T. geschlossen. Das „Physical Distancing“ ist empfohlen, jedoch aus meiner Sicht ein Privileg, welches nicht von allen ausgeführt werden kann. Die Wenigsten können es sich leisten zu Hause zu bleiben. Ein Großteil der Bevölkerung verdient heute das Geld für morgen. Des Weiteren gibt es keine gesetzliche Krankenversicherung. Jeder Krankenhausbesuch ist mit hohen Kosten verbunden und mit der Angst sich dort an Corona zu infizieren. Märkte und auch religiöse Einrichtungen sind weiterhin geöffnet. Es gibt Stimmen in der Regierung Tansanias, die die Menschen dazu ermutigen weiterhin Gottesdienste, Messen und Freitagsgebete zu besuchen. Kirchen und Moscheen seien die einzigen Orte, wo wirklich Heilung gefunden werden kann. Auch wird die Bevölkerung darauf vorbereitet, dass als Folge der Pandemie eine Lebensmittelknappheit möglich ist.

Ich bin überaus dankbar für die sieben Monate, die ich auf Sansibar verbringen durfte. Es war eine unglaubliche Zeit, die ich mit Menschen verbringen durfte, die zu Freunden geworden sind. Ich bin dankbar für jede einzelne Erfahrung.

Tutaonana tena. – Wir werden uns wiedersehen.

Bleibt alle gesund und behütet!

Quellen:

– https://taz.de/Coronavirus-in-Tansania/!5675918/

– https://www.spiegel.de/consent-a-?targetUrl=https%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fpolitik%2Fausland%2Fcorona-pandemie-in-tansania-koennen-sich-die-wenigsten-leisten-zu-hause-zu-bleiben-a-7410fa96-ac69-4320-8c87-73351e1a382a&ref=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

– https://www.ipg-journal.de/regionen/global/artikel/detail/selbst-ist-das-volk-4233/

– https://www.bagamoyo.com/index.php?id=907

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