Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan

Mit Beginn des Ramadan nimmt die Gesellschaft die muslimische Religiosität in besonderer Weise wahr – zumindest ist dieser Termin auch Nicht-Muslimen bekannt. In diesem Jahr beginnt der Fastenmonat am 12. April und endet am 13. Mai. In dieser Zeit verzichten gläubige Muslime von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf Essen und Trinken.

Dr. Sönke Lorberg-Fehring

Zwar gibt es auch Personen, die vom Fasten ausgenommen sind, z.B. Schwangere, Kranke, Alte und Kinder. Aber wer körperlich dazu in der Lage ist, fastet mit allen muslimischen Gläubigen weltweit – und das unabhängig vom normalen Alltag. Wir haben mit dem Beauftragten der Nordkirche für den Christlich-Islamischen Dialog, Pastor Dr. Sönke Lorberg-Fehring, gesprochen und ihm einige Fragen gestellt.

Das Fasten während des Ramadan soll dabei helfen, der Nähe zu Gott mehr Raum zu geben – das ist ja auch für Christ*innen erstrebenswert. Die Fastenzeit vor Ostern ist im modernen Protestantismus ja eher dem Verzicht auf einzelne, selbst gewählte Dinge gewidmet, z.B. Schokolade, Alkohol oder der Nutzung sozialer Medien. Diese Momente des Verzichtens lassen sich auch leichter in den Alltag integrieren, vor allem, wenn man körperlich schwer arbeitet. Nehmen Christ*innen ihren Glauben nicht so ernst, oder sind sie einfach Gott näher und brauchen daher keinen Ramadan?

Die erste Frage höre ich – sehr freundlich formuliert – oft von Muslimen. Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach, weil sie einen kurzen theologischen und historischen Exkurs nötig macht. Der Protestantismus ist anders als der Islam keine auf Orthopraxie ausgerichtete Konfession, d.h. der evangelische Glaube ist stärker von einer frommen Innerlichkeit als von gemeinsamer äußerer Praxis geprägt. Diese Entwicklung lässt sich auf Aspekte der Reformation zurückführen, die in starker Abgrenzung zur mittelalterlichen Frömmigkeitspraxis entstanden sind. Ein gutes Beispiel ist das „Zürcher Wurstessen“ am ersten Fastensonntag 1522 als Provokation gegen die katholischen Speisevorschriften. In dieser Tradition sind für das evangelische Selbstverständnis bis heute biblische Texte wichtig geworden, die diese Abgrenzung unterstreichen, wie z.B. Hebräer 13,9, wo betont wird, dass das „Herz fest werde durch Gnade, nicht durch Speisegebote“. Hier ist auch zu denken an die Geschichte des heißen Kaffees mit einem Schuss Rum, der auf vielen Speisekarten heute noch Pharisäer heißt. Diese Bezeichnung soll den – historisch falschen! – Vorwurf unterstreichen, dass die Frommen zu Jesu Zeiten nur auf Äußerlichkeiten bedacht waren und ihr „Inneres voll Raub und Bosheit“ war, wie es bei Lk 11,39 heißt. Diese Tradition hat allerdings nicht nur die Pharisäer bis heute in ein schlechtes Licht gerückt, sondern wird leider Gottes auch immer wieder gegen fastende Muslime erhoben in dem Sinne: Wir Evangelischen vertrauen auf das Evangelium, während alle Anderen im Gesetz verfangen sind. Aber diese Polemik war schon damals falsch und ist heute nicht richtiger.

Wie wichtig ist das Erleben von Gemeinschaft im Ramadan? Geht es ohne Gottesdienste, gemeinsame Gebete und das Versammeln von Vielen?

Die Gemeinschaft ist ein zentraler Aspekt des Ramadan. Viele Muslime widmen sich in dieser Zeit der gemeinsamen Koranlektüre. Es ist eine gute Tradition, den Koran in dieser Zeit einmal ganz durchzulesen. Wobei es richtiger wäre, zu sagen: Durchzuhören. Denn Koran heißt auf Deutsch so viel wie: Rezitieren. Die arabischen Buchstaben des Korans sind eigentlich nur Gedankenstützen für den öffentlichen Vortrag – und dazu gehören immer Menschen, die vortragen und Menschen, die zuhören. Die Moscheen sind eigentlich an jedem Tag des Ramadan voll. Menschen kommen und gehen, treffen sich, nehmen sich Zeit füreinander. Gleiches gilt für die Familien. Tagsüber wird alles etwas ruhiger angegangen. Viel Zeit wird auf das gemeinsame Kochen verwandt. Und wenn beim Aufgang des Mondes, wenn ein weißer Faden nicht mehr von einem schwarzen unterschieden werden kann, der Gebetsruf ertönt, wird sich die Zeit genommen, sich gegenseitig den ersten Schluck Wasser zu reichen und die erste Dattel zu genießen. In diesem Jahr stehen auch unsere muslimischen Glaubensverwandten unter den Einschränkungen der Pandemie. Vieles geschieht online, aber viele sind auch alleine. Es ist eine schwere Zeit für alle. Die historische und theologische Stärke des Islam liegt allerdings darin, dass es immer wieder Zeiten großer Bedrängnis gab. Die ersten sogenannten „Gastarbeiter“ mussten zum Teil in Abstellzimmern und Waschräumen beten. Dass am 3. Februar 1965 hunderte muslimischer Gläubige den Fastenmonat im Kölner Dom mit einem Gebet nach Mekka beenden durften, war als wichtiges Zeichen für Toleranz, Verständigung und interreligiösen Austausch gedacht – allerdings löste es so viel Widerstand aus, dass diese Art der Gastfreundschaft in einer christlichen Kirche sofort wieder eingestellt wurde. Theologisch ist für Muslime der Ramadan neben der Betonung von Gemeinsamkeit auch durch die sehr persönliche, innere Ausrichtung auf Gott gekennzeichnet. Deswegen habe ich von manchen Muslimen auch gehört, dass bei aller Schrecklichkeit der Pandemie die verstärkte Ruhe und Abgeschiedenheit auch als Einladung zu einem eigenen Heraustreten aus der Hektik der Zeit und einer neuen Ausrichtung auf Gott erlebt wird.

Die muslimischen Gemeinden finanzieren sich selbst durch ihre Mitglieder – was bedeutet da das Feiern des Ramadan unter Pandemie-Bedingungen? Ist die besondere diakonische Komponente des Ramadan, die besondere Unterstützung der Armen zu Beginn und Ende des Fastenmonats in Gefahr?

Für viele Moscheegemeinden sind der Lockdown und die Absage der gemeinsamen Gebete in der Moschee eine finanzielle Katastrophe. Viele Gläubige führen im Ramadan ihre jährliche Spende an die Moschee ab. Davon werden die Miete für Räumlichkeiten, das Gehalt des Imams und die laufenden Kosten bezahlt. Wenn nun die Gläubigen zuhause bleiben und versuchen, mit Kurzarbeitergeld über die Runden zu kommen, bedeutet das für viele Moscheen finanziell eine sehr große Herausforderung. Ich würde es als großzügigen Akt der Betonung unserer abrahamitischen Glaubensverwandtschaft begrüßen, wenn christliche Gläubige in dieser Situation ihre Unterstützung anbieten würden. Ich möchte dazu auf Daniel Abdin, Vorsitzender der Hamburger Al-Nour Moschee, verweisen. Bei der Umwandlung der Kapernaum Kirche in Hamburg-Horn betonte er, dass die muslimischen Gläubigen sich nicht über eine kleiner werdende Kirche freuen. Der Umbau einer ehemaligen Kirche in eine Moschee ist nur darauf zurück zu führen, dass kein anderes adäquates Gebäude oder Grundstück gefunden werden konnte. Daher sollten Christ*innen in dieser schwierigen Situation mithelfen, dass mühsam gegründete Moscheen weiterbestehen und auch die Muslime schöne und repräsentative Orte haben, um ihren Glauben gemeinsam zu bekennen. Ich bin davon überzeugt, dass ein selbstverständlicher und selbstbewusster Ausdruck des Glaubens die besten Mittel sind, um gemeinsam für eine offene, tolerante, friedliche und gerechte Gesellschaft einzutreten, in der wir alle gut und gerne miteinander leben.