Die Weite des Evangeliums


„Wer wir sind, sagt uns unsere Geschichte.“ Wer dieser Einsicht Wilhelm Diltheys im Blick auf die Schleswig-Holsteinische Kirchen- und Missionsgesichte entsprechen will, sollte zu dem jüngst erschienenen zweiten Band von Joachim Wietzkes Regionalgeschichte „Die Weite des Evangeliums“ greifen. Anschaulich und gründlich aus den Quellen belegt, schildert er auf gut 400 Seiten die Mentalitäten und Positionierungen der unterschiedlichen Lager nach dem „Trauma von Versailles“. Aufgrund des Verlusts der Missionsgebiete und der Staatskirchlichen Absicherung nach dem 1. Weltkrieg entfalteten sich hitzige Debatten wie die Herausforderungen der „klassischen Moderne“ zu bewältigen seien. Die unterschiedlichen Positionen zeichnet Wietzke nicht nur im innerkirchlichen Milieu, sondern auch im politischen Kontext so klar nach, dass nachvollziehbar wird, welche Fehlentscheidungen zu einer Koalition mit den antidemokratischen und rassistischen Bewegungen führten. 

Besonders erhellend ist dabei die Rekonstruktion der Gegenkräfte, die sich besonders seit der oft übersehenen Weltmissionskonferenz von Jerusalem 1928 in der noch jungen Ökumenischen Bewegung sammelten. Hier werden erste Ansätze zu einem globalen Christentum greifbar, das wesentlich von den Themen des Südens bestimmt werden wird. Obwohl die Vertreter von Kirche und Mission in der Zwischenkriegszeit diese Chance einer ökumenischen Verbundenheit viel zu wenig wahrnahmen, sind es letztlich doch die aus der Ökumene gewachsen Freundschaften, die nach 1945 einen Neuanfang für Kirche und Mission möglich werden lassen. 

So lässt sich diese Buch wie ein Kommentar zur gegenwärtigen Konfliktsituation in Europa lesen, das in anderer Weise wieder mit einem nationalistisch vereinnahmten Christentum zu tun hat. Dem oder der Leserin stellt sich nach der Lektüre die Frage, welche Bedeutung wir heute ökumenischer Freundschaftsarbeit einräumen wollen und welche Rolle ökumenische Kooperationen für eine interkulturelle Verständigung und den Friedensbeitrag von Kirche und Mission spielen sollten.“

Dr. Anton Knuth, Studienleiter der Missionsakademie an der Universität Hamburg

Dr. Joachim Wietzke, „Die Weite des Evangeliums“ Bd.2: Die Weimarer Republik,Eine theologiegeschichtliche Regionalstudie zu Mission und Ökumene in Schleswig-Holstein, Matthiesen Verlag Husum, 2022, ISBN 978-3-7868-5412-8, 24,90 €