Warum überhaupt interreligiöser Dialog?

In der öffentlichen Diskussion in Deutschland wird der Umgang mit Muslim:innen und dem islamischen Glauben oft auf wenige Schlagworte verkürzt. Dann ist zum Beispiel von „christlicher Leitkultur“ die Rede, die überall in Deutschland gelten müsse. Dazu wird als Gegensatz oft die „Scharia“ gestellt, die im Islam gilt. Der interreligiöse Dialog fragt dagegen nach dem konkreten Glauben der Menschen. Sein Ziel ist es, unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, um Gemeinsamkeiten zu entdecken und offene Fragen zu identifizieren. Auf diese Weise kann deutlich werden, dass hinter der Forderung nach „christlicher Leitkultur“ oftmals Sorgen und Ängste stecken, in welche Richtung sich unser Land verändert und welche Rolle dabei Zuwanderung spielt.

Foto: S. Lorberg-Fehring

Gleichzeitig kann das Missverständnis aufgeklärt werden, dass „Scharia“ ein Gesetzbuch ist, das ein friedliches Miteinander verhindert. Im interreligiösen Dialog sind alle Gesprächspartner:innen eingeladen, von ihrem persönlichen Glauben und ihrer Glaubenskultur zu berichten und sich mit anderen auf Augenhöhe darüber austauschen. Vorrangiges Ziel eines solchen Dialogs ist die Erfahrung, dass es weder „den“ Islam noch „das“ Christentum gibt. Beide Religionen können sehr unterschiedlich ausgelegt werden. Großen Einfluss haben dabei die jeweilige kulturelle Umgebung und die persönliche Situationen. Darüber erfahren wir aber nur etwas, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen und uns persönlich begegnen. Sowohl der Koran als auch die Bibel lädt dazu ein, solche Gespräche zu suchen. Im Koran heißt es: „Und streitet nicht mit den Leuten der Schrift anders als auf die gütigste Weise“. (29:46). In der Bibel wird berichtet, dass für Jesus nicht das religiöse Bekenntnis das Entscheidende ist, sondern Solidarität und Mitmenschlichkeit: „Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“. (Mk 3,35)