Nur ein Gefühl

Ich komme nach Hause. Zuhause ist ein Begriff, den gibt es auf Spanisch gar nicht so richtig. „En casa“ bedeutet zwar in einem Zuhause, wörtlich eher „in einem Haus“, aber mir fehlte häufig ein Begriff, um zu sagen, dass man sich zuhause fühlt. Vielleicht habe ich ihn auch einfach nicht entdeckt und es gibt ihn und es ist ein wohlklingendes Wort, so wie ein Wort klingen sollte, das dieses Gefühl beschreibt und nicht die örtliche Bestimmung der sprechenden Person ist.

Die Tatsache aber, dass ich ihn gesucht habe, gefällt mir gut, auch wenn das danach Suchen nicht als „ich bin dort zuhause“ gedeutet werden darf. Ich bin, ganz unwissend, dass ich bald wieder nach Deutschland zurückkehren würde, eine Straße in Los Polvorines entlang gegangen und dachte plötzlich, dass mir dieser Weg inzwischen normaler als mein Schulweg erscheint. Aber schon eine Woche später war ich damit beschäftigt, mich von dieser Einschätzung zu verabschieden und mich mit einer ganz anderen zu beschäftigen, nämlich der, was es bedeutet jetzt wieder zurück zu fahren.

Das Zurückkommen hatte ich mir eigentlich relativ schön vorgestellt. Endlich wieder die Dinge machen, die ich nur zuhause machen kann, endlich wieder alle meine FreundInnen treffen usw. Das Weggehen wäre das Opfer gewesen, das ich dafür hätte bringen müssen und ich hätte 12 Monate Zeit gehabt, mich darauf einzustellen, hätte mich verabschiedet und es wäre okay gewesen.
Doch die global existierende Gesundheitsfrage macht da ordentlich einen Strich durch die Rechnung und irgendwie kam durch die Aussicht auf eine baldige Ausreise auch die Vorfreude abhanden, die das wieder irgendwo hinkommen, wo ich erwartet werde, eigentlich hätte auslösen sollen, oder?

Naja, angesichts der Situation war es okay, nicht so gut drauf zu sein, es gab viele Leute, die waren in der gleichen Situation und mit der ganzen Freizeit hatte ich dann ja genug Muße, mal an meiner Resilienz zu arbeiten.
Resilienz und Selbstmitleid hin oder her, nach einigen spontanen Planänderungen, vielen Telefonaten, Check-Ins und Check-Outs wurde ich von zwei deutschen Polizisten beäugt, während ich Schmelzkäse auf Schwarzbrot aß und auf mein Gepäck wartete.
Ich finde es ja immer noch sehr beeindruckend, dass man in 14 Stunden von Buenos Aires nach Frankfurt kommt, aber mein Rücken fand das nicht beeindruckend und ich wollte eigentlich nur noch schlafen. Aber was soll’s, ab ins Auto, ab auf die Autobahn. An der Raststätte Paprikabrotaufstrich auf Vollkornbrötchen, ein ungeahnter Luxus und ein sehr klischeehaftes Dorf aus Mitteldeutschland. Noch einige Stunden mehr und Stadtrandlichter tauchen auf und bringen mich nach Haus.

Da bin ich also. Doch eigentlich ist meine Ankunft noch nicht vollzogen, nicht vollständig. „Bitte bleiben sie 14 Tage im Haus“, sagt das Dokument, das ich im Flugzeug in die Hand gedrückt bekommen habe. Also nicht FreundInnen wiedersehen, nicht die Stadt erkunden, sehen, was neu ist, was geblieben ist, was ich vermisst habe.
Okay, ich bleibe #@home und freu mich über die vielen Sonderzeichen, deren Name, „Sonderzeichen“, im krassen Gegensatz zu meinen Beschäftigungsmöglichkeiten zu stehen scheint.

Es war ein wenig merkwürdig, sich in einem Umfeld wiederzufinden, von dem ich mich eigentlich schon verabschiedet hatte. Sehr vertraut, aber plötzlich nicht mehr ganz so passend und alte Verhaltensmuster kommen schneller wieder hoch, als ich mir das gewünscht hatte.
Lesen, Telefonieren, Kochen und dann geht es plötzlich los und ganz viele Erinnerungen aus dem Freiwilligendienst tauchen wieder auf, Situationen von davor noch oben drauf und darüber muss viel nachgedacht werden, denn sonst fühlen sich die Erinnerungen nicht ernst genommen und irgendwann sind die zwei Wochen vorbei. Und jetzt bin ich irgendwann auch mal angekommen, doch mein Freiwilligendienst ist nicht vorüber, geht weiter, ein bisschen anders als davor.

Ein Unterschied ist ja schon mal, dass jetzt Blogeinträge von meiner Seite kommen, ich bin also gespannt, was die verbleibende Zeit sonst noch so bringen wird.

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