„Oi, tudo bem?“ – „Tudo bem.“

Blick aus unserer Wohnung, Lar Padilha, 09.11.2019

Ich öffne die Tür der Wohnung und die ersten warmen Sonnenstrahlen fallen in mein Gesicht. Kleine Wolkenfetzen halten sich noch an den grünen Hügeln, die von Minute zu Minute mehr von einem orange-gelben Licht erleuchtet werden. Im Hintergrund zirpen die Grillen schon ihr nie endendes Lied, ein Frosch, das Bellen von Hunden und die Quero-queros, die wie gewohnt wieder in der Gegend herumschreien. Irgendwo hört man schon die ersten wachen Kinder brabbeln. Jemand grüßt mich: „Bom dia!“ Wenn ich nicht darauf achte, bemerke ich die Dinge kaum noch.

Wenn ich hier jetzt grade die Tür aufmache, sind da zwar auch Sonnenstrahlen, die Vögel auch recht laut, aber es ist schon wesentlich kälter als noch vor einem Monat. Denn ganz anders als geplant kommt mein erster Blogeintrag nicht aus Brasilien, sondern aus meinem Zimmer in Deutschland.

Aber zuerst einmal für alle, die auf meinen Blogeintrag gestoßen sind und eigentlich gar nicht wissen wer ich bin, wo ich war und was ich auf dem Freiwilligenblog zu suchen habe: Ich bin Inka. Ich bin 18 Jahre alt, komme aus einem beschaulichen Dörflein in der Nähe von Osnabrück und war über das ZMÖ 2019/2020 in Brasilien, um genauer zu sein Rio Grande do Sul, in meiner Einsatzstelle Lar Padilha.

Lar Padilha ist, wie es der Name schon sagt, ein Heim in einem kleinen Dorf namens Padilha. Dort leben Kinder und Jugendliche im Alter von 0-17 Jahren, die auf Grund von Problemen innerhalb der Familie kurzzeitig oder langfristig sich dort in ihrem neuen zu Hause wiederfinden.

Wenn man die Einrichtung besucht, kommt man als erstes auf ein rote-weißes Häuschen zu, was sich schnell an Hand der vielen Mappen, des andauernden Telefonklingelns und der vielen Autos daneben als das Sekretariat entpuppt. Wenn man sich auf den Weg um das Sekretariat macht, an der Klimaanlage vorbei neben dem Baum, kommt man früher oder später bei einer Wohnung heraus. Darin sind bestimmt schon viele Menschen ein und ausgegangen, aber für die Zeit ab Oktober war sie wohl für Lisa (meine wundervolle Mitfreiwillige) und mich bestimmt.

Neben dem Sekretariat findet man eine große, aber eher unscheinbare dunkelbraune Scheune und einen Fußballplatz aus Sand, auf dem bei gutem Wetter eigentlich immer etwas los ist. Ob es nun die Kleinen sind, die mit dem Sand kochen, die Kinder, die dort fangen spielen, oder die Jugendlichen und Kinder, die Fußball spielen, hier ist immer etwas los!

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Einfahrt zu Lar Padilha, 27.11.2019
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Sekretariat (links), rechts daneben Fußballplatz, 31.10.2019

Dahinter findet sich ein Innenhof, wo auch immer jemand zu finden ist, der auf den Steinen die angenehme Sonne genießt. Und dann sind da noch die Häuser, wo gelacht, geschlafen, gelebt und gegessen wird. Diese Häuser sind aufgeteilt in ein Haus der Jungen, ein Haus der Mädchen und das Haus der Kleinen und Babys (räumlich auch noch einmal voneinander getrennt). Dieses geht letztendlich in den Speisesaal und die Küche über, wo mit viel Liebe und Spaß das Essen für alle morgens, mittags und abends zubereitet wird. Neben der Küche ist noch die Wäscherei, von der aus man gut das gesamte Gelände überblicken kann.

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Blick vom Sekretariat: Haus der Kleinen und Babys (türkis, links), Haus der Mädchen (rot, Mitte), Haus der Jungen (hellblau, rechts), 04.11.2019
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Blick vom Speisesaal, 26.11.2019

Schließe ich meine Augen, höre ich die Kinder wieder lachen, kann den warmen Regen schon fast wieder fühlen. Wie könnte ich das Leben in Lar besser beschreiben, als mit dem, was ich selber erlebt habe? Komm, ich nehme Dich mit, verbring mit mir einen Tag bei Lar Padilha…

Der Wecker schallt unaufhörlich durch den Schleier der Träume, die noch auf meinen Augen liegen. Ich schlage die Augen auf. 06:30 Uhr. Mein Blick wandert rüber zu Lisas Bett. Auch sie ist aufgewacht und kämpft sich bereits aus dem Bett. Gegen 06:30 Uhr beginnt an einem normalen Schultag bei Lar das Frühstück. Um ehrlich zu sein kann ich zu dem Frühstück nicht so viel sagen, denn in den 5 Monaten, die ich dort war, habe ich es leider nie um die Uhrzeit bis dahin geschafft… (Lag bestimmt nur daran, dass die 2 Monate Sommerferien der Kinder, wo das Frühstück erst später stattfindet, noch dazwischen lagen!) Also werden Zähne geputzt, sich umgezogen, die Wohnung abgeschlossen und schon geht es los. Am Sekretariat und den Häusern vorbei, wo wir von allen mit „Bom dia“ (portug. wortwörtlich „Guten Tag“), einem Lächeln oder „Oi, tudo bem?“ (portug. wortwörtlich „Hallo, alles gut?“) begrüßt werden. Durch den Speisesaal, wo Lisa und ich uns verabschieden, sie mit einem Haarnetz in die Küche verschwindet und ich links weitergehe zu den 0-5-Jährigen. Wie ich bereits gelernt habe, ist es, wenn man mit dieser Altersgruppe arbeitet, ganz wunderbar einen Zopf zu tragen, wenn man Wert auf das Aussehen seiner Haare legt. Denn mit Haaren kann man wirklich schöne Frisuren machen, aber vor allem eignen sie sich super, als ein Spielzeug zum daran ziehen! Die Kleinen sind meistens noch nicht alle wach, wenn ich ankomme, aber diejenigen, die schon wach sind, freuen sich immer wahnsinnig!

Also gehe ich in den Raum und werde von zwei Kindern quasi umgerannt, die mir guten Morgen sagen wollen und am Liebsten auch direkt auf den Arm genommen werden wollen. Im Raum ist außerdem noch eine der Erzieherinnen (ja, für die ganz Kleinen zu der Zeit, zu der ich dort war ausschließlich weiblich und hier liebevoll „tia“ (= portug. „Tante“) genannt), die mich mit „Oi, tudo bem?“ begrüßt. Ich setze mich auf das nahegelegene dunkelbraune Sofa und habe eigentlich direkt ein Kind auf dem Schoß, was bespaßt werden möchte. Nach und nach kommen immer mehr Kinder noch im Halbschlaf in das Zimmer und damit noch eine zweite Erzieherin. Aus Schlafanzügen und vollen, duftenden Windeln werden daraufhin Klamotten für den Tag und frisch geputzte Babypopos. Gegen 08:30 Uhr gibt es für die Kleinen dann auch Frühstück. Die Kinder stellen sich in einer Linie auf, die mehr einem großen Ballen ähnelt (klappt manchmal besser, manchmal schlechter), die üblichen Kandidaten greifen nach meiner Hand. Aber dann geht es doch irgendwie in den Essenssaal, wo schon Bananen, selbstgebackenes Brot, und Plastiktassen für Milch auf einem Tisch stehen. An dem Tisch stehen normale Stühle. An der Wand dahinter stehen aufgereiht Hochstühle. Wer sich benehmen kann und zu den ältesten Kindern gehört, darf am Tisch essen und seine Banane alleine schälen. Alle anderen sitzen in den Hochstühlen.

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Speisesaal, rechts Tisch der Kleinen, 11.11.2019

Wenn alle aufgegessen haben geht es bei gutem Wetter auf den Hof, bei schlechtem Wetter wird im Raum gespielt. Da aber heute gutes Wetter ist, geht es nach draußen auf den Hof. Also heißt es die Kinder an die Hand nehmen, die Babys in die Kinderwagen setzen, den Spielteppich und die Spielzeugkiste mitnehmen und dabei ja keine Hand von einem Kind loslassen, sonst geht die Welt unter. Das wäre geschafft. Draußen wird mit Sand gebaut, gekocht, mit dem Fahrrad gefahren, Ball gespielt und die Kinder beschäftigen sich in den meisten Fällen selbst. Ich beobachte also die Kinder, wie sie spielen und grinsen, rede mit den anderen Erzieherinnen. Hin und wieder kommt eines der Kinder zu mir und drückt mir kleine Dinge in die Hand, welche ich natürlich dankbar annehme (meistens ist es Sand, der über meine gesamte Kleidung verteilt wird). Ein paar Mal weint jemand, aber auch das ist schnell geregelt und die Freundschaften sind genauso schnell wieder geknüpft, wie sie verloren schienen. Immer wieder kommen die Kinder und umarmen mich, das macht wirklich glücklich!

Die Zeit vergeht wie im Flug und dann ist es auch schon Mittagessenszeit. Die Kleinen essen gegen 11:00 Uhr und damit früher als die Anderen. Ab 11:30 Uhr gibt es im halbstündigen Takt für alle Kinder die da sind etwas zu essen. Denn diejenigen, die schon zur Schule gehen, haben zu unterschiedlichen Zeiten Schulschluss. Der Einfachheit halber gibt es dann zu drei verschiedenen Zeiten Mittagessen.

Aber für mich und meine Kinder heißt es erstmal Hände waschen. Also schieben wir die Kinder in das Bad, wo sie sich am Waschbecken die Finger sauber machen. Zu dem Zeitpunkt habe ich auch schon wirklich Hunger. Im Saal setzen wir die Kinder die noch Hilfe brauchen in die Hochstühle und füllen das sehr lecker riechende Essen auf die Teller. Die Kinder, die noch gefüttert werden müssen, werden gefüttert, damit das Essenschaos auf ein Minimum reduziert werden kann. Und dann – endlich – können wir auch essen. Dazu gehe ich zur Küche und sage Lisa Bescheid, damit sie mit uns essen kann.

Nach dem Essen wird es Zeit für einen Mittagsschlaf. Zuerst ins Bad, um Zähne zu putzen: kann sehr nervenaufreibend sein, weil die kleineren Kinder die anscheinend sehr leckere Zahnpasta einfach ablecken und dann neue haben wollen und die anderen währenddessen mit Wasser spielen. Aber letztendlich liegen sie alle in ihren Betten. Die Kinder wollen aber eigentlich nicht schlafen, es fließen sehr viele Tränen, grade wenn man weggeht. Also bleibe ich solange an dem Bett stehen, bis sie eingeschlafen sind. Ich schaue auf die Uhr: 13 Uhr. Das heißt für mich ich habe Schluss. Ich gehe über den Hof, am Sekretariat vorbei in die Wohnung, die bereits offen ist, weil Lisa schon da ist. Mit einem leisen Stöhnen lasse ich mich auf das Bett fallen, denn egal wie süß die Kinder auch sind und egal wie viel Spaß mir die Arbeit auch macht – letztendlich ist es doch sehr anstrengend, aber trotzdem definitiv machbar. Die anderen Erzieherinnen arbeiten an einem Tag mehr, haben danach aber auch einen Tag frei und arbeiten den nächsten wieder. Jedes Haus hat seine eigenen „Educadors“, „tias/tios“, die aufpassen, für die Kinder da sind, sie unterstützen.

Nach dem Mittagessen nutze ich oft die Freizeit um mich auszuruhen, Familie und Freunden zu schreiben, mich mit Lisa über den Tag auszutauschen, einkaufen zu gehen im nahegelegenen Einkaufsladen (wenn es schon nach der Mittagspause ist, Padilha hat nur 2 kleine Läden) und manchmal damit, in einem der vielen Flüsse schwimmen zu gehen.

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Fluss, 14.01.2020

Abends bin ich nach so einem Tag bereits wieder vollkommen erschöpft. Aber da die Kinder und Jugendlichen oft noch bis 21 Uhr draußen sein dürfen, sind Lisa und ich auch noch im Hof und reden, spielen und hören Musik mit ihnen. Nachdem sie reingehen liegen wir noch auf den noch warmen Steinen und ich denke mir: „Was habe ich denn nur für ein Glück hier sein zu dürfen.“

Das Bett ruft, wir verziehen uns zurück in die Wohnung und glücklich schließe ich meine Augen. So geht ein sehr schöner Tag in Lar Padilha wieder dem Ende zu. Ich wünschte nur, die Zeit würde nicht so schnell vorbei gehen. Tudo bem.

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Sonnenuntergang über Lar Padilha, 19.02.2020
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