Schlossfensterblick

“Indien ist ein riesiges Schloss und ihr schaut gerade von Außen in eines dieser Fenster. Und wahrscheinlich steht noch etwas vor dem Fenster, was Euch die Sicht versperrt. Vielleicht schaut ihr in den Ballraum oder in die Abstellkammer. Vielleicht denkt ihr auch, ihr würdet in den Ballsaal schauen und schaut eigentlich in die Abstellkammer oder anders herum.  Im Endeffekt bekommt ihr einen Eindruck. Einen kleinen Eindruck. Diesen zu verwenden, um Aussagen über das gesamte Schloss zu treffen, wäre fatal.” 

Diesen Satz schnappte ich beim Zwischenseminar in Chennai auf und seitdem ging er mir nicht mehr aus dem Kopf. Selten habe ich ein Beispiel gefunden, das die Perspektive, in der ich mich im Kontext meines Lerndienstes befand.

Nun befand ich mich knapp 8 Monate in Nagpur und wenn ich zählen müsste, wie oft ich dachte, Antworten auf meine einfachen, sowie komplexen Fragen im Kontext „Indien“ gefunden zu haben, um diese nach einem Erlebnis in einem anderen indischen Kontext sofort wieder revidieren zu müssen, ginge diese Zahl schier gegen unendlich. Eine Sache ist mir aber mit der verstrichenen Zeit mehr und mehr klar geworden: Ein Aufenthalt, sei er denn für einen Monat oder ein Jahr;  auch ein Job in Indien oder indische Freund*innen machen mich weder zur Indienexpertin, noch geben diese mir das Recht, generelle Aussagen über Indien zu treffen. Ich kann von dem kleinen Fenster, aus dem ich schaue, nicht das ganze Schloss begreifen.

Ich kam in Indien mit dem Wunsch an, Antworten zu finden über dieses Land, seine Kultur und die Vorurteile, die ich mit diesem Land verbinde. Außerdem trieb mich die Frage, nach der Authentizität der westlichen Berichterstattung über den global Süden an. Ich kam mit der Hoffnung an, sagen zu können “das stimmt” und “das stimmt nicht” und finde mich nun in einem Meer aus Fragen wieder und somit weiter entfernt davon einen Satz mit “In Indien ist…” zu formulieren denn je. Ich erlebe mein Indien. Und an einem anderen Ort erlebt jemand sein Indien. Mein Chef erlebt sein Indien, Leona, meine Mitfreiwillige erlebt ihr Indien und würde wahrscheinlich ganz anders über ihre Erfahrungen Bericht erstatten, als ich es täte. Wahrscheinlich würden wir beide auf die Frage “ Wie ist das denn mit den Frauenrechten in Indien?”  anfänglich gleichartige Antworten geben: Wir würden vermutlich erklären, dass es schwierig sei, eine pauschale Antwort auf so eine allumfassende Frage zu geben, dass es auf den Ort in Indien, auf die Kaste, die Sozialisation, den Reichtum, die Bildung und vielerlei anderer Aspekte ankäme, um dann konklusiv zwei Antworten zu erhalten, die komplett unterschiedliche Parameter einbeziehen, um die gestellte Frage einigermaßen differenziert beantworten zu können. 

Ein besonders wichtiger Aspekt an meiner Perspektive ist, dass es eine weiße Perspektive ist. Eine perspektive geprägt von einem unterbewusst weißem Selbstverständnis und einem eurozentristischen Schulsystem. Wenn ich von “Weißsein” spreche, dann meine ich keine biologische Eigenschaft, sondern ein politisches und soziales Konstrukt, das weit über die einfache Pigmentierung meiner Haut hinausgeht.  Mit Weißsein ist eine Dominanz und der Besitz gewisser Privilegien gemeint, die mir eine andere Stellung im Machtverhältnis Rassismus zuordnen.  Mein Weißsein verweist mich an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft und ermöglicht mir einen einfacheren Zugang zu Bildung und Ressourcen. Diese Tatsachen schaffen ein unbewusstes Identitätskonzept, das meine Selbstsicht und mein Verhalten und sicherlich auch meine Berichte hier prägen.  Gleichzeitig sorgt mein offensichtlich weißes Erscheinungsbild dafür, dass ich mich in Situationen wiederfinde, die nicht stellvertretend für eine alltägliche Darstellung Indiens stehen können. Leider ist dieser strukturelle Rassismus noch so sehr in unserer Gesellschaft verankert, dass man die Unterschiede im Umgang mit BI*PoC und weißen Menschen klar erkennen kann. Das schafft für mich einerseits viele Vorteile, wenn man die Möglichkeiten und auch die Verantwortung, die mir entgegengebracht wird materiell summieren würde. Gleichzeitig verbaut mir dieser Hintergrund auch die Möglichkeit, Menschen hier auf einer Augenhöhe zu begegnen. Ich werde die Gesellschaft nie in einer authentischen Form erleben und begreifen können, weil sich diese Differenz, die leider historisch bedingt ist, als überwindbar darstellt. Diesen Anspruch an meinen Aufenthalt zu haben, wäre auch weit verfehlt und einfach nicht realistisch. Deshalb kann ich in meinen Berichten nur von meinen persönlichen Erfahrungen berichten und integriere bevorzugt Interviews und Zitate, die Einblicke in bestimmte indische Perspektiven geben sollen. 

Wenn man Perspektiven betrachtet, ist eine Auseinandersetzung mit den geografischen Verhältnissen Indiens essentiell: Indien ist mit einer Fläche von über 3.287.469 km² ein unglaublich großes Land. Allein Maharashtra, der Bundesstaat, in dem ich arbeite, ist mit einer Fläche von 307.713 km² nur knapp 50.000 km² kleiner als Deutschland. Dabei stellt Maharashtra nur einen der 29 indischen Bundesstaaten dar.  Deswegen variieren die Perspektiven, aus denen berichtet werden auch ganz besonders an dem bewohnten oder besuchten Ort im indischen Subkontinent. Durch das föderalistische System, variieren die  auch die Regierungsparteien und damit die regionale Politik gravierend in den verschiedenen Teilen Indiens. In Kerala, im Südwesten Indiens, bildet momentan die kommunistische Partei die Regierung, während in Maharashtra die Hindu- nationalisten die Mehrheit bilden. Als Touristin, während meines Urlaubs, kam ich mir vor, als wäre ich in ein anderes Land gereist.  

Wenn jemand, ob indisch oder ausländisch also von seinen oder ihren Erfahrungen berichtet, ist der Standort, an dem diese Erfahrungen gemacht wurden unbedingt in die Evaluation miteinzubeziehen. 

Ein weiterer Punkt von zentraler Wichtigkeit ist die Berücksichtigung der gesellschaftlichen Umgebung, in der sich die berichtende Person befindet: Ein*e Backpacker*in, der*die  sich hauptsächlich an Tourist*innen- Hotspots und in Hostels aufhält, wird fundamental anders über seine* ihre Erfahrungen berichten, als jemand, der mit marginalisierten Menschen arbeitet. Auch die Erzählungen meiner indischen Freund*innen müssen besonders im Zusammenhang mit ihrer Kaste gesehen werden und mit dem Reichtum ihrer Familie. So habe ich einerseits viele Freund*innen, die sehr westliche Einstellungen vertreten, besonders was ihr Konsumverhalten angeht. Sie kommen sehr oft aus extrem reichen Familien und leben einen Lifestyle, der auch weit über dem Standard ist, den ich aus Deutschland gewohnt bin. Oft möchten sie in teure Restaurants gehen, oder einen Cappuccino im teuersten Hotel der Stadt, trinken anstatt  ihn wie jeder andere in meinem Arbeitsumfeld an einem Straßenstand. Gleichzeitig habe ich auch Freund*innen, die aus Dalit oder Adivasi Hintergründen kommen. Dalits ist die Bezeichnung für die Unberührbaren, die auf Basis des indischen Kastensystems als kastenlos gelten. Adivasi ist die Selbstbezeichnug der indigenen Bevölkerung in Indien. Je nachdem, ob sie in einem Dorf oder in einer Stadt leben, unterscheidet sich der Grad, in dem sich die Fänge des Kastensystems noch auf sie auswirken. Dass ich mit diesen Freund*innen jedoch oft keinen Kaffee trinken gehen kann- auch nicht in den günstigeren Kaffees, macht mir immer wieder die Extreme bewusst, die Indien in sich vereint.

Meine Liste, der Dinge, die generalisierte und pauschalisierte Aussagen über Indien unangemessen machen, ist endlos und ich könnte noch stundenlang darüber schreiben. Was mir aber wichtig ist und, was hoffentlich deutlich geworden ist, ist, dass meine Berichte ein unglaublich subjektiver Einblick sind. Ich versuche so viele verschiedene Perspektiven wie möglich aufzugreifen, aber ein diverses Bild zu schaffen, über den indischen Subkontinent, ist schier unmöglich. Wenn sich Personen also als Indienexpert*innen bezeichnen, werde ich oft skeptisch, oder, wenn in Artikeln oder Reportagen Indien als Thema undifferenziert betrachtet wird.. Vielleicht regt dieser Artikel ja ein wenig dazu, einen etwas kritischeren Blick auf Berichte über Länder des globalen Südens im allgemeinen- und besonders auch meine Berichte zu lenken.

Was ich sagen kann über Indien? Eigentlich nichts. Was ich weiß? Viel und auch nichts? Was ich fühle? Vieles, das ich nicht an mich heranlassen kann, da es momentan den Abschied und die plötzliche Zäsur klarmacht. Nach Hause komme ich eigentlich wie immer, nach einem guten Ausflug. erschöpft, erleichtert und ein wenig nachdenklich.

Ich möchte noch auf einen Artikel meines lieben Chefs Kasta verweisen, der auf der lokalen Seite meiner Kirche veröffentlicht ist und, der seine Perspektive über Indien und Corona teilt.

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