Tag Fünf

Habari za Ujerumani, meine Lieben? Nzuri, hoffe ich. Mir geht es auch gut. Sawasawa.
Spätestens nach drei Sätzen würde ein Wortwechsel mit Kenianern dann an dieser Stelle in Lachen aufgehen, zum Beispiel während ich ahnungslos die nächste Frage kontempliere oder mich selber an einem Satz versuche. Also lachen wir.
Ich merke nun, dass ich beginne, verstärkt in Gasherdgerüchen, Swahilivokabeln und Gitarrenakkorden (add9) zu denken und es erstaunlich schwer fällt, meine neue Lebenslage in deutsche Prosa zu fassen – es scheint, als wolle mein System alles aufnehmen und würde dabei unfähig, Zusammenhänge neu auszudrücken. Ich denke an Milchtee, rote Fußsohlen, den Blick vom Balkon. Ich konzentriere mich, übe die Geduld, übe den Genuss, übe die Gegenwart – als wäre eine grundlegende Umstrukturierung meines Gehirns nötig, um mich hier einzufinden. Worte habe ich nur wenige, so wie wenn man beim Blick in den Sternenhimmel verstummt.
Es ist wunderschön hier. Ich wohne im Guest House der evangelisch-lutherischen Kirche in Voi, etwas außerhalb der hupenden Kleinstadt, im Korridor der Winde, die von Süden her wehen. Um sechs strahlt mir die erste Sonne ins Gesicht, die durch das Fenster über der Tür fällt, und die Kälte der Nacht verfliegt. Um sieben frühstücken in der Regel die Gäste – im Moment ein Konglomerat aus ungarisch-rumänischen Freiwilligen und amerikanischen Studenten – und dann gibts nach dem Spülen der Teller den ersten süßen Chai in der Küche mit Dan und Scholar.
Dan, auch gelegentlich Daniii oder Dani Babu, und Scholar, meine Dada Mkubwa, sind unbeschreiblich liebenswürdig. Von Dan lerne ich neben kongolesischen Mustern auf der Gitarre auch schon richtiges Swahenglisch, denn er ist sprachlich mindestens so kreativ wie musikalisch, und Scholar liebe ich für ihre lachende Art, meinen Namen zu singen, wenn sie mich ruft – Waakiiiooo (ein ausführlich diskutierter kenianischer Name, der den in der Nacht geborenen zusteht). Ich fühle mich ein bisschen wie das anhänglich-neugierige Hundewelpe der Guest-House-Familie, aber alle sind engagiert, mich liebevoll zu unterhalten und zu formen…
Noch vergehen die Tage sehr gemütlich und frei von Vorhaben oder gar Verpflichtungen, und bisher habe ich das blumige Gelände nur verlassen, um Wasser zu kaufen, zur Kirche zu gehen und die Einkäufe auf dem Markt zu begleiten (wahlweise per Motorrad oder Tuk Tuk). An einem Abend war ich mit meinen neuen Freunden von der Denver University ein Bier trinken, aber alles pole pole. Die Uhr tickt anders in Kenia, und oft scheint ihr Ticken von keiner großen Relevanz zu sein. So übe ich mich darin, aus Wartezeit Lebenszeit zu machen und mich selber, wie roter Sand im Wind, ein wenig treiben zu lassen.
Und so sind auch fünf Tage nicht mehr als ein genormtes, zeitliches Konstrukt – ebenso könnten es zwei Monate sein, und dann sehe ich wieder einen Grashüpfer und die Faszination wirft mich zurück auf Tag Eins. Ich freue mich jedenfalls tierisch über jeden elefantastischen, sinnlich erfüllenden Tag und bedanke mich bei allen Reisebegleitern nah und fern.
Asante sana na safari njema!

Kommentare:

Svenja
23.08.2018

Danke für diesen Post. Er macht mich so vorfreudig darauf, mehr von dir zu hören :)

Jana-Sophie
23.08.2018

Ein wunderschöner Text! kann gar nicht warten, auch endlich mit der ostafrikanischen Sonne aufzuwachen :)

Lina
04.09.2018

Was für ein schöner Text - ich freue mich auf mehr davon! :)

Merle
21.09.2018

Ich freue mich schon sehr darauf, von dir die kongolesischen Muster auf der Gitarre zu lernen, wenn du wieder da bist! ;) Genieße deine Zeit und schreib weiter so schöne Texte.

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