Das India Peace Centre – unsere kleine grüne Insel

Die letzten 7 bis 8 Monate habe ich in Nagpur verbracht. Wo das sein soll? Ja das habe ich mich auch gefragt, als ich das erste Mal diesen Namen gehört habe. Nagpur ist eine 2,4 Millionen Einwohnerstadt, liegt im Herzen Indiens und ist wortwörtlich das geografische Zentrum. Hier liegt das India Peace Centre, ein interreligiöses Zentrum, welches für die letzten Monate mein Wohn- und Arbeitsplatz war.

Das India Peace Centre (IPC) liegt im Zentrum der Stadt und entgegen seiner eher lauten und unruhigen Umgebung, ist das IPC ein harmonischer und ruhiger Ort. Der Campus ist groß und eine grüne Oase, eine große Wiese, viele Bäume sowie Blumen und andere Pflanzen sind vorzufinden. Es ist wie eine kleine grüne Insel inmitten der Stadt, wo man die Ruhe und Zeit findet seinen Alltag zu entschleunigen. Der perfekte Ort für ein Zentrum, welches für Frieden und Gerechtigkeit kämpft.

Leonie, meine Mitfreiwillige, und ich hatten das große Glück nicht nur dort unseren Arbeitsplatz zu haben, sondern auf demselben Gelände, nur ein Haus weiter, eine Wohnung für uns zwei. Wir waren also nicht nur Mitfreiwillige, sondern auch Mitbewohnerinnen und vor allem aber gute Freundinnen!

So nun stellen sich vielleicht einige die Frage: „Und was genau hast du da so gemacht?“. Darauf gebe ich euch gerne eine Antwort! Um einen Schritt in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu gehen, zählt es zur Arbeit des IPC regelmäßig Programme zu verschieden Themen zu veranstalten. Anlässe wie „Earth Day“, „International Day of Peace“ oder der Geburtstag von Gandhi werden genutzt, Aktionen sowie Diskussionen in der Gesellschaft zu platzieren. Dafür werden Gäste aller Religion und Herkunft eingeladen, um in den Austausch zu kommen, zu lernen und Erfahrungen zu teilen… Meine Aufgabe war es genau, diese Programme auf die Beine zu stellen. Sprich: Sprecher sowie Gäste einladen, Poster und Banner designen, Zeitungsartikel schreiben, sowie die Social Media Seiten zu verwalten. Von Organisationarbeit bis hin zu Öffentlichkeitsarbeit war also immer was dabei. Flexibilität ist dabei das A und O! Je mehr Zeit verging, desto mehr Verantwortung durften wir übernehmen, sodass wir mit der Zeit mehr und mehr den Inhalt der Programme mitgestaltet haben und aktiv bei deren Durchführung beteiligt waren. Letztlich haben wir einen Workshop zum Thema „Gender Justice and Peace“ komplett eigenständig, ohne Anweisungen, gestalten, vorbereiten und durchführen dürfen.

Das IPC hat ein festes Team. Geleitet wird es vom Direktor Kasta Dip, unser Chef sowie Mentor. Das Büro haben wir uns mit unseren Kollegen Swati sowie Moreshwar geteilt. Gautam und Sanju haben sich zwischenzeitlich um den Garten und das Anwesen gekümmert. Es ist wie eine kleine Familie, hat einer/eine Geburtstag, feiert das ganze Team zusammen, heiratet einer/eine wird das ganze Team eingeladen, tanzt einer/eine, tanzen alle 🙂

An dieser Stelle möchte ich euch Sanju, ein guter Freund und Nachbar, genauer vorstellen. Sanju ist der offizielle Hausmeister des IPC und bis auf Mittwochs in 24 Stunden Bereitschaft hat. Mit seiner Frau Geeta hat er zwei Kinder, Aschwini und Ashwin. Wenn Sanju Stühle umstellt, fegt oder Bilder aufhängt, hat er immer ein kleines Radio dabei. Denn Sanju liebt es zu tanzen, immer und überall. Im Oktober letzten Jahres hat eine Straßenhündin Welpen im Schuppen des IPCs geworfen. Bis auf eines hat leider Keins überlebt und dieses eine wurde Tommy getauft und von Sanju adoptiert. Sanju liebt es, Leute auf den Arm zu nehmen, vor allem Swati, er liebt es zu lachen und mit Moreshwar und Gautam Karten zu spielen. Wenn ich sage, Sanju ist die Sonne in Person, dann meine ich das auch so. Sanju ist der, der tanzt und alle tanzen mit. Schlechte Laune- unmöglich.

Selbst wenn die Uhr halb fünf schlägt, die Arbeit offiziell erledigt ist und sich die kleine IPC Familie auf den Weg Nachhause macht, ist der Tag noch nicht gelaufen! Ebenfalls auf dem Campus wohnt Familie Dip (unsere Gastfamilie bestehend aus Sangeeta und Kasta sowie deren Kinder Anushka und Anubhav). Die Tür stand immer für uns offen, sodass wir gerne Zeit zusammen verbracht haben. Andernfalls haben wir uns mit Freunden getroffen, sind aus gegangen, haben Spiele gespielt und haben getan, was man halt sonst so macht in unserem Alter in Indien: Tanzparty im Wohnzimmer 🙂

Mein Leben im IPC ist, wie das Leben auf einer kleinen grünen Insel. Man kann von dort aus perfekt überall hinschwimmen und den weiten Ozean Indien erkunden.

Privilegien

Seit mehr als zwei Wochen sind Leona und ich nun in Indien und es kommt mir vor, als wären wir schon zwei Monate hier.  Wir waren im Fitness Studio, in der Kirche, sind mittlerweile sogar schon Mitglieder im Kirchenchor, haben Nagpur besichtigt, einen Sari gekauft, waren bei der Schneiderin und auf der ersten indischen Hochzeit.

Einerseits gehen die Tage total schnell vorbei, andererseits bekommen wir aber auch so viel Input und neue Eindrücke, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass das alles die letzten zwei Wochen passiert sein soll. Die Momente, in denen ich so richtig merke,dass ich noch nicht sehr lange hier bin, sind meistens die, in denen mir das Essen viel zu scharf ist. (Leider sehen grüne Bohnen und grüne Chilis sich sehr ähnlich- Man kann sich ja denken wie diese Geschichte geendet ist. ;))

In diesem Post möchte ich aber gar nicht so sehr auf all diese Erlebnisse eingehen, obwohl ich viele witzige und spannende Geschichten erzählen könnte, sondern ein Paar Gedanken einfangen, die vielleicht ein bisschen besser nachvollziehen lassen, was in meinem Kopf im Moment so vorgeht. 

Als weiße Person*, wird man hier ständig angestarrt. Manchmal ist es auf eine interessierte Art und Weise, z.B ein hinterher gerufenes “Welcome to India” , manchmal aber auch aufdringlich und etwas beängstigend. Wenn Leute zum Beispiel auf ihren Bikes (Mopeds) umdrehen und einen ungefragt fotografieren.  Generell werden hier viele Fotos von und mit uns gemacht. “Fare” sein ist hier einfach ein Schönheitsideal. Eine Bekannte von uns hat uns erzählt, dass vor allem jungen Mädchen, aber auch Jungen, oft von ihren Eltern gesagt bekommen, dass sie keinen Mann finden werden, wenn ihre Hautfarbe besonders dunkel ist.  Das hat mich sehr geschockt. Natürlich wusste ich das auch, da wir in unserer Vorbereitungszeit sehr intensiv darüber geredet haben, aber das nochmal so gesagt zu bekommen, ist etwas ganz anderes. Es fühlt sich auch so falsch an und unangenehm, aber das möchte ich in dem Moment nicht zeigen, da ich dann einfach unhöflich wirke und keine lange Diskussion führen möchte. Gleichzeitig will ich oft aber auch einfach kein Foto machen.  

Es ist einfach krass, dass ich nur aufGrund meiner Hautfarbe, bestimmte Chancen habe, die Andere nicht haben und ich würde mich dem gerne verweigern, was aber in dem Moment total unpassend ist. 

Im India Peace Centre sind Leona und ich wirklich verwöhnt. Unsere Wohnung ist westlich und riesig, für indische Verhältnisse. Die Wohnungen unserer Kollegen sind nicht viel größer, obwohl sie diese mit ihrer ganzen Familie bewohnen. Oft fühlen wir uns deswegen auch schlecht- genießen es gleichzeitig aber trotzdem. 

Außerdem ist das IPC sehr weit und modern, was ihre Ansichten angeht. Wir sind hier mit sehr vielen gebildeten menschen zusammen-  ein weiteres Privileg und ich kann viel lernen, auch über Indien, die Politik und viel über bildungspolitische Arbeit. 

Umso mehr hat mich heute ein Gespräch mit unserer Kollegin geschockt, die uns von ihrem Gehalt erzählte. Erstmal bekommt sie generell super wenig- mit meinem Kindergeld verdiene ich das Dreifache und das, obwohl ich nicht, so wie sie, ein Studium hinter mir habe. Und dann bekommt sie ein viertel des Gehaltes unseres männlichen Kollegen. Man muss dazu sagen, dass dieser hier zwar schon erheblich länger arbeitet, ich ihn aber selten dabei erlebe, wirklich zu arbeiten. Meistens spielt er Solitaire an seinem Computer- während unsere Kollegin seine Arbeit erledigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Chef das nicht bemerkt. Heute hat sie also nach mehr Gehalt gefragt und ein “Nein” bekommen, dabei war ich mir so sicher, dass unser Chef diese ungerechte Bezahlung zumindest angleicht. Ich weiß gerade selber nicht, was ich denken soll. Warum passiert das hier im IPC? Eigentlich kommen mir hier alle total weltoffen vor. Das hat mich heute ziemlich aus der Bahn geworfen. Das ist so schrecklich, ich fühle mich machtlos und weiß, dass ich nicht in der Position bin, das anzusprechen, obwohl ich es gerne würde. 

In der letzten Zeit, wird mir so sehr bewusst, wie Privilegiert ich bin. Gestern haben wir zum Beispiel gewaschen und ich wollte meine Handtücher mit heißem Wasser abkochen und habe dann das restliche, warme Wasser zum Duschen benutzt, Wir duschen hier sonst kalt- was auch voll in Ordnung ist, aber ich habe mich so sehr über diese Minuten Luxus gefreut.  Worauf ich mich auch richtig freue- ist eine Matratze, wir schlafen hier auf einer Art Holzliege und meine Matratze Zuhause ist dagegen so schön weich. Aber auch ein Luxus, den man eigentlich gar nicht braucht.

Auch mein Kaufverhalten ist mir aufgefallen- ich habe hier am ersten tag 7000 Rupis abgehoben- 62 Euro für mich. Ich komme damit zwar gut hin, hab, als ich meinen Sari gekauft habe, auch einen eher teureren genommen. Es waren 800 Rupis- etwa 11 Euro. Das ist super wenig- können sich hier aber die wenigsten einfach so leisten. Ich habe den gekauft, weil ich es schön finde, aus Spaß. Eine richtige Verwendung haben wir bis jetzt noch nicht. Einfach so- ziemlich verwöhnt. 

Mir ist wichtig, dass das nicht so klingt, als hätte man nur im Ausland die Möglichkeit zu lernen, was es bedeutet Privilegien zu haben. Das kann man auch in Deutschland ausprobieren- sich mal zu reduzieren- vielleicht einfach mal 2 Wochen mit mir kalt duschen? Ist übrigens echt gut für die Gesundheit. Sich mit Armut in Deutschland auseinandersetzen, mal mit Leuten abhängen, die nicht den gleichen Bildungssatnd haben, lesen. Es ist einfach so, dass man hier mehr damit konfrontiert wird.  Was ich hier viel mehr lerne, ist besonders, mit dem Gefühl umzugehen, so schnell nichts an Ungerechtigkeiten machen zu können. Das macht mir wirklich zu schaffen. Mir sind heute schon ein Paar Tränchen gekullert- naja meine große Klappe muss sich jetzt einmal zusammenreißen und ich muss mich disziplinieren. 

Insgesamt habe ich hier aber eine tolle Zeit, ich finde auch viel Zeit für mich, zum Lesen zum Beispiel, obwohl wir viel zu tun haben. Vielleicht erzähle ich nächstes Mal, eine meiner witzigen Geschichten- mal schauen, wie ich mich so fühle!

Weiß“ und „Weißsein“ bezeichnen ebenso wie „Schwarzsein“ keine biologische Eigenschaft und keine reelle Hautfarbe, sondern eine politische und soziale Konstruktion. Mit Weißsein ist die dominante und privilegierte Position innerhalb des Machtverhältnisses Rassismus gemeint, die sonst zumeist unausgesprochen und unbenannt bleibt. Weißsein umfasst ein unbewusstes Selbst- und Identitätskonzept, das weiße Menschen in ihrer Selbstsicht und ihrem Verhalten prägt und sie an einen privilegierten Platz in der Gesellschaft verweist, was z.B. den Zugang zu Ressourcen betrifft. Eine kritische Reflexion von Weißseinbesteht in der Umkehrung der Blickrichtung auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und davon profitieren, und etablierte sich in den 1980er Jahren als Paradigmenwechsel in der englischsprachigen Rassismusforschung. Anstoß hierfür waren die politischen Kämpfe und die Kritik von People of Color

Was glaubst du denn?

Hallo da draußen. Über den März hinweg bis Mitte April fand hier im IPC ein besonderes Program statt. Einen Bericht darüber habe ich schon vor einiger Zeit angefangen aber erst jetzt fertig gestellt. Deswegen kommt er jetzt etwas verspätet, aber besser spät als nie:

Die vergangenen Sechs Wochen waren anders, als der Rest des Freiwilligendienstes davor. Ronja und ich haben an einem Theologieseminar teilgenommen, das vom Council for World Mission organisiert und vom India Peace Centre bei uns in Nagpur ausgerichtet wurde. Die letzten sechs Wochen haben mir viel neuen Input beschert, bei mir neue und alte Fragen aufgeworfen, mich aufgerüttelt.

Jeden Morgen ging es für uns um acht Uhr los mit Frühstück in der Gruppe. Diese war eine Mischung aus Theologiestudent*innen aus sieben verschiedenen Ländern (Indien, Süd-Korea, Indonesien, Samoa, Süd Afrika, Sambia, Malawi) und eben Ronja und mir. Anfangs war ich skeptisch: Was soll ich in einem Theologieseminar, zusammen mit Leuten, die das schon mindestens für drei Jahre studiert haben? Mein Wissen beschränkt sich auf Konfirmations- und Religionsunterricht und das, worüber ich mir eben sonst so selbst Gedanken mache. Und natürlich gab es Momente, in denen ich aus Gesprächen ausgestiegen bin, weil man sich in theologische Fachsimpelleien vertiefte. Aber insgesamt haben sich diese sechs Wochen wirklich gelohnt. Das mag unter anderem daran liegen, dass unter dem Thema „Face to Face with the many poor and the many faiths in Asia” nicht nur theologische, sondern auch viele soziale Fragen angerissen wurden.

Mit der Gruppe unterwegs

Seit ich hier in Indien bin, hat sich mein Horizont bezüglich anderer Religionen definitiv schon erweitert. Wenn man in einem Land lebt, das alle Weltreligionen beherbergt und viele Religionen hervorgebracht hat, ist sowas gewissermaßen unvermeidbar. Doch in den letzten Wochen wurden meine Erfahrungen im Alltag mit einigem an tatsächlichem Wissen unterfüttert. In verschiedenen Sessions wurden über mehrere Tage hinweg die grundliegenden Prinzipien von Hinduismus, Islam, Buddhismus und Sikhismus erläutert und besprochen. Die Vorträge wurden dabei immer von eigenen Vertretern der Religionen gehalten, was ich für sehr wichtig halte. Natürlich kann ich jetzt nicht behaupten, dass ich den totalen Durchblick habe. Mein Verständnis ist immer noch sehr oberflächlich. Aber zumindest kann ich nun die drei hinduistischen Hauptgötter Brahma, Vishnu und Shiva auseinanderhalten und ich weiß, was der Unterschied zwischen den Konzepten des hinduistischen Dharma und buddhistischen Dhamma ist.

Was sich bei mir allerdings noch viel mehr eingeprägt hat, als jedes theoretische Wissen über Götter oder Konzepte, ist ein Satz, der in diesen sechs Wochen immer wieder gefallen ist: „We are all human beings first“. Diese Aussage klang für mich anfangs sehr platt und selbstverständlich, aber in dem Zusammenhang, in dem ich sie hörte, gewann sie bei jeder Wiederholung an Bedeutung. Bei all den Gesprächen und Diskussionen über Religionen, Ideologien und Weltanschauungen kommt man sich leicht von Unterschieden überrannt vor. Auch in unserem Alltag fühlen sich diese Unterschiede manchmal unüberwindbar an. Schaltet man die Nachrichten ein, hört man von Menschen, die einander wegen dieser Unterschiede töten. Man hört von Christchurch oder Sri Lanka. Angesichts dessen klingt „We are all human beings first“ fast wie eine Wunschvorstellung. Haben unsere Anschauungen mittlerweile wirklich solch unüberwindbare Mauern zwischen uns errichtet? Das ist eine sehr große Frage, über die sich viel schlaue Menschen den Kopf zerbrechen und vor sich hin philosophieren. Ich habe keineswegs den Anspruch sie hier zu klären, ich möchte an dieser Stelle nur mal meinen eigenen Senf dazu geben.

Im „Klassenraum“ mit einigen der Vortragenden

Was mir neben den Unterschieden auch, oder vielleicht noch viel mehr, aufgefallen ist, sind die Punkte, an denen sich alle von uns besprochenen Religionen einig sind. Keine Religion weißt ihre Angehörigen dazu an, Menschen anderer Ansichten zu Hassen. Jede Religion lässt Interpretationsspielräume und letztendlich ist es die Entscheidung der Gläubigen selbst, wie sie die Schriften und Gebote auslegen. In jeder Religion gibt es Menschen, die versuchen die Vorgaben so auszulegen, dass sie selbst davon profitieren und der Gedanke an das Allgemeinwohl geht dabei verloren. Keine Religion ist immun gegen Extremismus. Aber in jeder Religion sind es die Gläubigen, die dafür verantwortlich sind, was im Namen der Religion passiert. Die Religion ist ein Gerüst welches mit Leben gefüllt gehört. Ambedkar sagte: “Religion is for man, not man for religion.” Dem kann ich mich nach dieser Zeit nur anschließen.

Die oben beschriebenen Ansichten teilte ich größtenteils schon vor diesem sechswöchigen Seminar. Deswegen war ich vielleicht auch schon ein bisschen voreingenommen und meine Schlussfolgerungen sind nicht allzu überraschend. Doch was ich auf jeden Fall mitnehme, ist die Möglichkeit meine gutmenschlichen Vorstellungen mit dem Wissen und der Unterstützung anderer zu untermauern. Ich habe jetzt nicht nur eine Meinung, sondern auch die Werkzeuge, um diese anderen Menschen näher zu bringen. Und ich habe Motivation. Ich habe den Antrieb die Augen nicht zu verschließen, da wo unsere Überzeugungen Mauern bauen, anstatt diese zu überwinden. Ich fühle mich verpflichtet, auch meinen eigenen Mauern im Kopf ausfindig zu machen und einzureißen. Das wird hier durch mein Umfeld katalysiert, aber ich nehme es vor allem auch als Aufgabe zurück in Deutschland wahr. Man darf gespannt sein.

Bis dahin,

Eure Svenja

Der Lotus Tempel in Delhi, ein Gebetshaus der Baha’i

Appreciation

Heute las ich den Blogeintrag von Levke, einer Mitfreiwilligen die für fünf Monate in Indien im Bundesstaat Orissa war. Ich spreche in der Vergangenheit, da ihr Dienst nun vorbei ist und sie wieder im kalten Deutschland ist (mein Beileid an dieser Stelle :D). In ihrem Beitrag sprach Levke von Dankbarkeit, die sie im Rückblick auf ihre Zeit erfüllt. Dieser Hinweis, in Kombination mit unserem Zwischenseminar letzte Woche in Hyderabad, regte mich zum Nachdenken an. Auch dort sprachen wir darüber, wie viel bis jetzt schon passiert ist, was wir erlebt haben und reflektierten die Höhen und Tiefen. Und so möchte ich die Halbzeit meiner elf Monate nutzen, um Danke zu sagen.

Danke Indien!

Danke, dass du mich aufnimmst und alle meine Sinne überflutest.

Danke, dass du mich realisieren lässt, wie klein ich doch mit meinen Problemen bin.

Danke, dass du neue Leute in mein Leben bringst. Seien es diejenigen aus der Gemeinde, dem Chor, dem Fitnessstudio, der Arbeit, den zufälligen Bekanntschaften oder all die Mitfreiwilligen, die ich kennenlerne habe. Sie alle bereichern mein Leben auf ihre Art und Weise.

Danke, dass du mir neue Religionen und Arten des Glaubens zeigst und mich gleichzeitig meinen eigenen Glauben hinterfragen lässt.

Danke, dass du mich mit Gegensätzen konfrontiert, die mir die Augen und das Herz öffnen.

Danke, dass du mir zeigst, dass eine gemeinsame Sprache nur ein Bruchteil der Kommunikation ist.

Danke, dass ich deine faszinierenden Landschaften und Sehenswürdigkeiten erfahren darf.

Danke, dass du mir Gelassenheit schenkst.

Danke, dass du mich herausforderst meine eigene Motivation zum Lernen zu finden, um Land und Leute besser zu verstehen.

Danke, dass dein Chaos mich Vertrauen lehrt. Das Vertrauen, dass es doch irgendwie funktioniert.

Danke, dass ich aber auch Orte finde, um deinen Chaos zu entfliehen.

Danke, dass du mich kreativ werden lässt und Improvisation nun eines meiner Spezialgebiete ist.

Danke, dass du mir Möglichkeiten gibst, mir Ziele zu setzen.

Danke, dass ich mich durch dich besser kennen lerne.

Danke, dass du mir das Lächeln in den verschiedensten Gesichtern mit den verschiedensten Geschichten zeigst.

Danke, dass deine Farben und dein Leben nie ganz von deinem Straßenstaub bedeckt werden.

Danke, dass du unbeschreiblich und unverständlich bist, sondern etwas, das man erlabt haben muss.

Bei all dem warst du, Indien, nicht immer sanft. Oft genug warst du eher wie ein bunter, hupender LKW, der einen überrollt ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Du warst eher das, als ein Lehrer, der dem Schüler alles geduldig beibringt.

Aber genau das macht dich einzigartig. Du bist faszinierend und mir werden Dinge klar, die ich vielleicht sonst vermieden oder aus Bequemlichkeit verpasst hätte. Trotz aller Enttäuschungen, Frustration und dem Kopfschütteln steht am Ende das Lernen, die Gemeinsamkeit und der Blick nach vorn. Du bewegst mich weiter und ich bin gespannt was noch kommt.

Dafür bin ich dankbar.

Deine Svenja

Ein Blick nach oben in Mumbai, im Land der Gegensätze

Was weiter geschah

Das Jahr geht zu Ende und es wird mal wieder Zeit für einen Blogpost meinerseits, denn in den letzten Wochen und Monaten ist wieder einiges geschehen.

Zunächst möchte ich ein bisschen von der Reise erzählen, die Ronja und ich über Diwali unternommen haben. Diwali ist das hinduistische Fest des Lichts und der Rückkehr des Gottes Rama in die Zivilisation nach Jahren im Dschungel-Exil. Das ist zumindest die Geschichte, die ich bei der Frage nach dem Ursprung des Festes als Antwort bekommen habe. Insgesamt gibt es aber noch sehr viel mehr Mythen, die sich um Diwali ranken und zu umfangreich für eine Erklärung hier wären. Was vielleicht wichtig ist: Diwali hat hier eine ähnlich große Bedeutung wie Weihnachten in Deutschland. Es wird viel in Geschenke und Wertgegenstände investiert, Häuser werden mit Lichterketten und kleinen Öllampen, Diyas genannt, geschmückt und es gibt jede Menge Feuerwerk. Wie bereits erwähnt verbrachten Ronja und ich unsere freien Tage mit eine kleinen Reise. Zuerst ging es nach Agra, wo wir nach einer schlaflosen Nacht im Zug (den gnadenlos überbuchten indischen Zügen sei Dank, dass wir zu zweit 14 Stunden in einem 1 Meter breiten Bett verbracht haben) den Taj Mahal im Sonnenaufgang bestaunten. Auch wenn das sicherlich die Hauptattraktion Agras ist, gefielen mir das Itimad-ud-Daula-Mausoleum, das Agra Fort und die Freitagsmoschee, die wir bei einem Spaziergang durch die Altstadt abseits der Touristen-Pfade entdeckten, ebenfalls ausgesprochen gut. Am Abend dieses ereignisreichen Tages ging es dann direkt wieder in den Zug und weiter nach Jaipur, die Pink City. Diese Beschreibung bezieht sich auf die Altstadt Jaipurs, die anlässlich eines Besuches des Prinzen von Wales vor etwa 150 Jahren komplett rosarot angestrichen wurde. Zusammen mit anderen Gästen unserer Hostelunterkunft erkundeten wir in den drei Tagen die zahlreichen Festungen, Paläste, Tempel und zur Abwechslung das Museum in der Albert Hall. Ich bin von Jaipur als Ausflugsziel sehr überzeugt und die Diwali Dekorationen, die in den Abendstunden zum Vorschein kamen, haben dem Charme der Stadt noch ein besonderes Extra hinzu gefügt. Und doch war ich irgendwie auch sehr glücklich, als ich wieder im Zug zurück nach Nagpur saß. Einerseits waren die Tage mit wenig Schlaf und vielen Fußmärschen sehr anstrengend, aber andererseits habe ich Nagpur, ohne die ganzen Menschenmassen und Touristen, auch irgendwie vermisst.

Das Taj Mahal in seiner vollen Größe
Aus jedenm Winkel ziemlich beeindruckend
Das Itimad-ud-Daula-Mausoleum, mein persönlicher Favorit
Da kann man so schön Mittagspause machen
Unterwegs in Agras Hinterhöfen
Und auf seinen Dächern
Ein Hanuman Tempel nahe Jaipur
Blick zum Jantar Mantar in Jaipur
Und die geschäftigen Straßen Jaipurs
Dyias werden zu Diwali in den Straßen verkauft
Der Hawa Mahal bei Nacht
Die Elefanten am Amber Fort, eine fragwürdige Touristenbegeisterung

Zurück in Nagpur ging es weiter mit der Arbeit und dem Alltag. Mittlerweile kann man auch wirklich von einem Alltag sprechen, da ich mich gut in eine Routine eingefunden habe. Auch der Fakt dass wir Fahrräder erworben haben, damit die Stadt erkunden können und ich immer mehr einen Überblick über die verschiedenen Stadtteile bekomme, führt dazu, dass ich mich immer heimischer fühle. Bei der Arbeit im India Peace Centre dominierten vor allem die Vorbereitungsarbeiten für das 30-jährige Jubiläum der NGO. Zu diesem Anlass wurde einerseits ein kleines Büchlein mit Artikeln und Informationen über die Arbeit des IPCs veröffentlicht und andererseits musste die Jubiläumsfeier selber vorbereitet werden. Anfangs war die Idee, auf unserem Campus ein Food Festival zu veranstalten. Als dann aber mehrere angedachte Partner nicht für eine Kooperation zur Verfügung standen, wurde die Idee verworfen. Für mich war das irgendwie eine ziemlich frustrierende Erfahrung. Ich hatte schon im Vorfeld gemeinsam mit Ronja öfter darauf hingewiesen, dass man für die Umsetzung eines solch großen Projektes mehr Planungszeit und Expertise bräuchte, aber unsere Bedenken wurden abgetan. Als sich unsere Befürchtung dann bewahrheitete war das enttäuschend, wir hatten schließlich doch gehofft durch das Event viele neue Menschen auf die Arbeit des IPC aufmerksam zu machen. Nun mussten wir uns also eine neue Idee überlegen. Glücklicherweise bekamen wir tatkräftige Hilfe von einigen Mitgliedern der Core Group. Es wurde ein interreligiöses Gebet mit Vertretern von acht verschiedenen Glaubensgemeinschaften organisiert und im Anschluss gab es Dinner mit mitgebrachtem Essen der Mitglieder. Letztendlich kam also trotz der Höhen und Tiefen in der Planung ein ganz nettes Program zu Stande, dass es den Besuchern auch ermöglichte sich in gelassener Atmosphäre auszutauschen.

Die Vorbereitungen laufen
Die Vertreter der religiösen Gemeinschaften
Das Buffet wartet draußen

Auch hier in Indien kommt jetzt so langsam die Weihnachtszeit näher und in den christlichen Gemeinden wird diese auch begeistert zelebriert. So waren wir schon im Adventsgottesdienst, sind bei mehreren Weihnachtsfeiern eingeladen, werden von Carol-Sängern besucht und waren Teil des großen Weihnachts-Chorkonzertes in der Kirche. Für dieses wurde auch ordentlich geprobt. Genauer gesagt jeden Tag zwei Stunden und das drei Wochen lang. Da kam bei uns schon glatt Weihnachtsstress auf. Aber all das in Kombination mit einigen Weihnachtsliedern von Rolf Zukowski, unseren selbst gebackenen, beziehungsweise gebratenen Keksen (Ohne Ofen muss man eben kreativ werden) und ein Temperaturabfall auf unter 20 Grad lässt bei mir Weihnachtsstimmung aufkommen. Und so sitze ich abends gerne mit Decke und Tee da und bin von mir selber überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich unter solch anderen Bedingungen nach Weihnachten fühlen werde. Aber irgendwie ist es doch so und ich genieße es sehr. Hier noch einige Konzerteindrücke:

Mir hat es wirklich sehr Spaß gemacht

Falls ihr, egal wo auf der Welt, in Weihnachtsstimmung seid und euren Lieben eine Freude machen wollt, aber keine Zeit für Geschenke-Shopping bleibt, schaut mal dort unten vorbei. Da gibt es Online-Geschenke, die meiner Meinung nach ganz schön was her machen.

Bäume zum CO2 Ausgleich

Bäume als Unterstützung von Kleinbauern

Alle möglichen „Geschenke die Gutes tun“

Und noch mehr Ideen

In diesem Sinne wünsche ich euch fröhliche und friedliche Weihnachten, wo auch immer ihr sein mögt.

Eure Svenja

Wochen voller Feierlichkeiten

Hallo zusammen,
nach fast einem Monat Abwesenheit möchte ich mich hier auch mal wieder melden. In den vergangenen Wochen ist viel passiert und wie der Titel dieses Posts schon verrät, hat einiges davon mit dem Thema Feierlichkeiten zu tun.

Pili

Das ganze fing an mit dem Marbat Festival. Dabei handelt es sich um ein Festival, das einzigartig für Nagpur ist. An Marbat wird die Vertreibung allen Übels aus der Stadt gefeiert. Dazu findet im östlichen Teil der Stadt, in Old Nagpur, eine große Prozession mit einer gelben und einer schwarzen Statur statt. Während der Zeit der britischen Besatzung, als das Fest in seiner jetzigen Form an Popularität gewann, symbolisierte die gelbe Figur die britischen Kolonialisten und die schwarze Figur die Marathi, die Einwohner Maharashtras. Es war ein Zeichen des Widerstandes gegen die Besatzer, über die sich lustig gemacht wurde und die mit lauten Sprechchören hinfort gewünscht wurden. Heute werden in den Sprechchören oft auch tagespolitische Missstände, wie Korruption, Terror oder Armut, kritisiert und „ausgetrieben“.
Wir hatten relativ kurzfristig von diesem Festival erfahren und beschlossen nach der Arbeit mit der Auszubildenden in unserem Büro und einem Freund in Richtung der Old Nagpur zu fahren. Leider kamen wir etwas zu spät und der Großteil der Prozession war schon vorüber. Jedoch bekamen wir noch einen „Pili“, die gelbe Figur, zu sehen und erhielten einen Vorgeschmack davon, wie man in Indien Feste feiert: Prozessionen in den Straßen, dekorierte Figuren, viel Tanz und Musik.
Einen Saree anzuziehen ist eine Kunst

Ein Fest in sehr viel größerem Ausmaß fand dann etwas später, von Mitte bis Ende September, statt. Ich nenne hier einen Zeitraum, da das GaneshFestival von dem ich spreche insgesamt 10 bis 12 Tage dauert. Wie der Name schon sagt, wird es zu Ehren des hinduistischen Gottes Ganesha gefeiert. Dieser Gott mit dem Elefantenkopf, den einige von euch vielleicht auch schon mal gesehen haben, gehört hier in Maharashtra zu den wichtigsten Gottheiten, weswegen das Ganesh Festival auch groß gefeiert wird. In jedem hinduistischen Haushalt, sowie auf vielen öffentlichen Plätzen oder vor Tempeln werden Statuen von Ganesha auf Altaren aufgestellt und geschmückt. Diese Statuen werden auch als Ganpati bezeichnet und meist aus Lehm oder Ton hergestellt. Jeden Morgen und Abend wird von den Gläubigen dann die Ehrung des Ganpati, Puja genannt, durchgeführt. Während der Puja werden Gebete und Mantren gesprochen, Süßigkeiten und Speisen dargebracht, Öllampen angezündet und Wünsche ausgesprochen. Das ganze wird mit Glockenrasseln begleitet und oft von der ganzen Familie gemeinsam durchgeführt. Ronja und ich hatten das Glück zu Ganesh Chaturthi, dem ersten Tag der Feierlichkeiten, bei einer Bekannten eingeladen worden zu sein. Das gab uns nicht nur unseren ersten Anlass einen Saree zu tragen, sondern auch die Möglichkeit eine solche Zeremonie mitzuerleben und erklärt zubekommen.
Aber wenn man es dann erstmal geschafft hat…

Außerdem durften wir einige Speisen probieren, die ausschließlich zum Ganesh Festival zubereitet werden. Dazu gehört vor allem Modak:  kastaniengroße Kugeln mit marzipanartiger Konsistenz nur sehr, sehr viel süßer. Sie gelten als Ganeshas liebste Süßigkeit und sind damit ganz hoch im Kurs. In den Tagen nach Ganesh Chaturthi sahen wir in den Straßen immer wieder kleinere Umzüge, bei denen die Statuen begleitet von Musik, Tanz und Trommeln auf Pick-ups umher gefahren wurden. Das Festival endete dann nach eineinhalb Wochen mit dem Ganesh Visarjan, dem letzten Tag der Feierlichkeiten. An diesem Tag werden die Ganpatis traditionell in Prozessionen aus den Häusern und von den Plätzen zu nahegelegenen Gewässern getragen und dort versenkt. Eigentlich sollen sich die Figuren aus Lehm und Ton dann auflösen, aber da in den vergangenen Jahren immer mehr künstliche Farben und Kleber zu Herstellung verwendet werden, ist dies immer schwieriger. Das Ganesh Festival hat ruft somit zunehmend Umweltschützer und Aktivisten auf den Plan, die die Verschmutzung der Gewässer verhindern wollen. In Nagpur wurden beispielsweise am Futala Lake mehrere Schwimmbecken zur umweltfreundlichen Beendigung des Festivals aufgestellt. Jedoch wurden diese nur von wenigen berücksichtigt und so waren die Seen und Flüsse Nagpurs an den nachfolgenden Tagen gefüllt von Farben und Müll. Anfangs war ich sehr verständnislos angesichts dieser mir ignorant scheinenden Verhaltensweise, doch dann überlegt man mal wie viel Deko und Geschenkpapier in Deutschland jedes Jahr zu Weihnachten gekauft, nur einmal benutzt und dann weggeschmissen wird. Der Vergleich passt vielleicht nicht hundertprozentig, lässt mich aber feststellen, dass ich immer auch erst einmal auf mein eigenes Verhalten schauen sollte, bevor ich andere kritisiere.
Bei unserer Bekannten

In unserem Viertel

 
In der Mall

Der größte Ganpati der Stadt und die dazugehörige Schlange

 
Während das Ganesh Festival noch im Gange war, standen zudem die Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Tag des Friedens am 21. September an. Diese bestanden hier im India Peace Centre aus einer Fahrrad-Rally, der Ausstellung der Bilder von unserem „Arts for Peace“-Projekt und einem abschließenden Vortrag mit der Preisverleihung. Insgesamt waren diese Tage für Ronja und mich ziemlich stressig. Es mussten Zertifikate für fast 300 Teilnehmer ausgefüllt, Banner bedruckt, Getränke und Snacks organisiert und alle Bilder in unserem Innenhof aufgehängt werden. Erschwerend kam hinzu, dass die Wettervorhersage nicht so sonnig aussah und wir nicht wussten, wie sicher die Bilder draußen vor Regen geschützt sind. Somit änderte sich unser „Schlachtplan“ für die Vorbereitungen gefühlt alle fünf Minuten. Alles in allem habe ich dabei sicherlich dazu gelernt was es heißt Ruhe zu bewahren. Aber es hat sich gelohnt. Alles hat letztendlich gut geklappt und ich bin sehr zufrieden mit unserem ersten Projekt. Ein paar Eindrücke dazu sehr ihr hier:
Fahrrad Rally

Zwischenstopp bei der Gandhi Statue

Die Ausstellung

Beim Bilder Aufhängen

Die Abschlussveranstaltung

In den vergangenen Wochen war es auch das erste Mal Zeit hier Geburtstag zu feiern und zwar einerseits von einer Mitbewohnerin in unserem Hostel und auch von Ronja. Was hier zum Einläuten des neuen Lebensjahres ganz wichtig ist, ist ein Geburtstagskuchen. Ich hätte ja gerne selber einen gebacken, aber ohne Zugang zu irgendeinem Ofen stellt sich das als schwierig heraus. Glücklicherweise kann man hier sehr schön dekorierte und auch echt ziemlich leckere Kuchen fast überall zu kleinen Preisen kaufen. Und so habe ich es tatsächlich geschaffte eine kleine Überraschung für Ronja zu organisieren. Mit dem „Geburtstagsritual“ wurden wir schon vorher bei der Feier unserer Hostelmitbewohnerin vertraut gemacht: Das Geburtstagskind darf den Kuchen anschneiden und dann die Person die ihr am nächsten steht mit dem ersten Stück füttern. Danach geht es dann andersrum. Anfangs war es etwas merkwürdig sich gegenseitig ganze Kuchenstücke in den Mund zu schieben, aber mit der Zeit ist es echt witzig.
Natürlich haben wir in den letzten Wochen nicht nur gefeiert, sondern uns auch weiter unserer Arbeit im IPC gewidmet, die Stadt erkundet, Freundschaften geschlossen und erste Brocken Hindi angewendet. Doch das würde den Rahmen dieses Blogeintrags jetzt sprengen und dazu gibt es dann im nächsten Post wieder ein bisschen mehr.
Bis dahin sende ich liebe Grüße in den Rest der Welt und phir milenge
Eure Svenja

What does Peace mean to you?

Hallöchen zusammen,
Meinen heutigen Blogpost möchte ich nutzen, um euch das erste Projekt, das Ronja und ich im India Peace Centre betreuen, etwas näher vorzustellen.
Seit etwa zwei Wochen sind wir den Großteil unserer Arbeitszeit damit beschäftigt, einen Malwettbewerb für die Schüler_innen der lokalen High Schools und Colleges in Nagpur zu organisieren. Der Wettbewerb steht unter dem Thema „Arts for Peace“ und ist anlässlich des internationalen Tag des Friedens am 21. September angedacht. Die Teilnehmer_innen sind dazu aufgefordert ein Bild zu malen, welches ihre Auffassung von Frieden wiederspiegelt. Die Bilder werden dann in einer Ausstellung im IPC gezeigt und die besten Exemplare mit Preisen ausgezeichnet.
Für Ronja und mich bestand die Organisation bis jetzt vor allem daraus, das Infomaterial für das Projekt zusammen zu stellen, die Schulen im Umkreis zu kontaktieren, Vorbereitungstermine wahrzunehmen und schließlich die Schulen zu besuchen, um die Malaktionen durchzuführen. Die Projektplanung war meiner Ansicht nach bis jetzt ein sehr guter Einstieg in die Arbeit des IPC und ich konnte mich der ein oder anderen kleinen Herausforderungen stellen. Dazu gehörten beispielsweise das anrufen in einem fremden indischen Schulbüro, mit der Aussicht darauf, dass man auf Hindi begrüßt wird. Genauso wie das erste Treffen mit einer Schulleiterin, bei dem man sich nicht sicher ist, ob es sich nun gehört ihr die Hand zu reichen, oder die Erfahrungen mit der „Indian stretchable time“, bei der es auch mal ganz normal ist pünktlich bei einem Termin zu erscheinen, nur um dann zu erfahren, dass die Person mit der man den Termin eine halbe Stunde vorher telefonisch vereinbart hat nun leider nicht mehr da ist und man doch bitte kurz auf die Vertretung warten solle. Diese erschien ca. 40 Minuten später.
Zum „Arts for Peace“-Projekt gehörten für mich auch schon einige persönliche Lernerfahrungen. So zum Beispiel, dass hier von allen durchgeführten Programmen immer viele Fotos gemacht werden (Diesem Umstand sind auch die Bilder in diesem Post zu verdanken). An die offiziellen Fotos schließt sich dann oft noch ein Foto mit dem zuständigen Lehrer an und dann gibt es auch ab und zu mal die Schüler, die doch gerne noch ein Foto machen würden. Anfangs habe ich dort immer brav bereit gestanden, auch wenn ich mir komisch vorkam mit einer Truppe Teenies, die mir völlig fremd waren, Selfies zu machen. Doch mittlerweile habe ich ein stückweit versucht mir selber klar zu machen, dass es in solchen Situationen auch okay ist „nein“ zu sagen. Es ist eine Gradwanderung, da hinter solchen Bildern natürlich keinerlei schlechte Absichten stecken und man Enttäuschung hervor ruft. Auf der anderen Seite denke ich aber auch, dass ich in diesem Falle das Recht habe meinem Unbehagen Ausdruck zu geben. Dieses entsteht noch zusätzlich daraus, dass ich mich durch diese „Fotokultur“ teilweise wie ein Anschauungsobjekt oder sogar ein „Star“ fühle. Das ist eine Position, die mir aber auf Grund der geschichtlichen und gesellschaftlichen Hintergründe hier zufällt. Über diese Privilegien aber auch Pflichten, die man als Besucher und „Weißer“ (Definition) mit sich trägt, haben wir auf unserem Vorbereitungsseminar viel gesprochen. Darüber bin ich sehr dankbar, ohne die Denkanstöße aus dem Seminar würde ich diesen Situationen unbeholfener gegenüber stehen. Die Gedanken an Privilegien und ähnliche Themen begleiten mich in den letzten Tagen immer wieder. Momentan eher noch als viele Fragen und Unsicherheiten in meinem Kopf. Ich werde sie sicherlich in einem separaten Blogpost nochmal aufgreifen, aber dazu muss ich selber erst mal zu mehr Klarheit kommen.
Ein weiteres Wirrwarr im Kopf entsteht bei mir gerade auch durch das Thema für unseren Malwettbewerb: Draw what Peace means to you!
Was bedeutet Frieden für mich? Würde ich, so wie viele Schüler_innen, eine Friedenstaube, das Peace-Zeichen, eine Weltkugel oder Menschen die sich bei den Händen halten zeichnen?  Ich denke die letzteren beiden treffen es vielleicht schon ein bisschen. Beim Thema Frieden ist Teamwork gefragt und gleichzeitig ist ein großer Bestandteil erst einmal selber Frieden zu empfinden. Viele Leute haben sich darüber schon den Kopf zerbrochen und versucht zu definieren, was Frieden ist. Für mich bietet dieses Jahr dir große Chance, mich auf diesem Themengebiet zu belesen und weiter zu bilden. Eine Aufgabe, die ich mir selber gerne stelle. Und vielleicht weiß ich ja am Ende des Jahres ein bisschen besser, was auf meinem Friedensbild zu sehen wäre.
Bis dahin hoffe ich ihr hattet trotz meiner kleinen philosophischen Ergüsse Spaß beim lesen und wisst nun etwas mehr über meine Arbeit im IPC.
Viele Grüße gehen raus in die Welt und lasst mich doch mal wissen:
What does Peace mean to you?

Vom Ankommen in einer indischen "Kleinstadt"

Es ist geschafft; wir sind heile, gesund und munter in Nagpur angekommen!
Das habe ich selber zwar nie bezweifelt, aber es jetzt allen anderen mitteilen zu können ist trotzdem eine schöne Sache.
Am Donnerstagmorgen kamen meine Mitfreiwillige Ronja und ich nach einem aufregungsfreien Reisetag in Nagpur an und dort wurden wir auch direkt in unser neues Leben katapultiert. Beim Verlassen des Flugzeuges begrüßte uns eine Wand schwüler Luft und die Stufen der Flugzeugtreppe hinab aufs Rollfeld waren klitschnass und glitschig. Es regnete wie aus Kübeln. Doch vom Rollfeld ging es rasch in die gut klimatisierte Empfangshalle des Flughafens, wo wir auch zeitnah erst unsere Koffer und dann unseren indischen Mentor Kasta antrafen. Er verfrachtete uns mitsamt unseres Gepäcks in sein Auto und es ging hinein in den Stadtverkehr von Nagpur.
Nagpur hat ca. 2,5 mio. Einwohner, ein Universität, mehrere Colleges und einen Flughafen und dennoch wird es von den Bewohnern ganz ernsthaft als Kleinstadt bezeichnet. Auch wenn ich erst einige Tage hier bin, glaube ich schon ein bisschen zu verstehen, warum das der Fall ist: Die Straßen sind zwar immer gut gefüllt, es wird gehupt, überholt und querbeet gefahren, aber dennoch hat man nicht das Gefühl es sei überlaufen, so wie man es aus manchen Reiseführerfotos kennt. Auch die Menschen hier scheinen sich untereinander gut zu kenne. Besonders in den Gemeinschaften, die sich durch Kirche oder Job ergeben. Zudem ist die Stadt sehr grün. Und ja, das alles zusammen ist zwar ganz anders als jede deutsche Kleinstadt, aber gibt mir dennoch das Gefühl, nicht in einer riesen City verloren zu sein.
In den fünf Tagen, die Ronja und ich hier bis jetzt verbracht haben, erhielten wir bereits einen guten Vorgeschmack dazu was es heißt, in Indien zu leben (Achtung, es folgt die Erfüllung vieler indischer Klischees!). Es gibt Kühe auf den Straßen, scharfes Essen, schwüles Wetter, ein paar Stromausfälle und niemanden um uns herum, der auch blonde Haare hat. Das alles hätte mich eigentlich nicht überraschen sollen, da ich vorher oft genug davon gehört habe, aber es dann überall um mich herum zu erleben ist doch noch mal etwas ganz anderes.
Ein paar überwältigende Tage des Ankommens liegen hinter mir, aber sie sind auch von viel Freude geprägt. Freude darüber, welche netten und unsagbar warmherzigen Menschen ich bereits kennenlernen durfte. Über viele von ihnen werdet ihr an späterer Stelle vielleicht noch mehr erfahren. Doch jetzt sei schon mal gesagt, dass wir uns hier auf jeden Fall nicht darum sorgen müssen mit Leuten über interessante Themen ins Gespräch zu kommen.
Bis dahin sende ich Grüße zurück nach Deutschland und in jeden anderen Winkel der Welt und melde mich bald wieder.
Eure Svenja