TGIF #1

Es ist Freitagabend, 21:26 Uhr. Hinter mir liegt die erste Woche in meiner Einsatzstelle, der New World Foundation in Lavender Hill, Kapstadt, Südafrika. Aber beginnen wir doch lieber am Anfang…
Es ist gar nicht mal solange her, da wusste ich nicht, wie mein Leben nach dem Erhalt meines Abiturzeugnisses aussehen würde. Studium? Ausbildung? FSJ? Work and Travel? FÖJ? Bundesfreiwilligendienst?
Schulabgänger*innen stehen heutzutage gefühlt 184752 Möglichkeiten und Wege zur Verfügung und es wird erwartet, sich zu entscheiden (bestenfalls bevor die Schule dann wirklich zu Ende ist). Ich habe jedoch bald festgestellt, dass mir das zu schnell geht. Ich fühlte mich nicht bereit, Unibewerbungen zu schreiben, Work and Travel war mir zu Mainstream, Ausbildung klang in meinen Ohren zu sehr nach „Ich bin jetzt erwachsen und will schnell Geld verdienen und beende damit auf einen Schlag meine Kindheit.“ Also schielte ich immer mehr auf Freiwilligendienste. Doch auch in dem Feld gibt es eine unendliche Auswahl an möglichen Richtungen. Dann stieß ich auf internationale Freiwilligenprogramme und war begeistert von der Idee, ins Ausland zu gehen UND als Freiwilliger dort tätig zu sein. Leider grenzte auch das die Vielfalt nicht unbedingt ein und ich wurde erschlagen von Informationen und Angeboten und Vorschlägen. Aber schon bald konnte ich meinen Blick fokussieren.
Durch einen Lehrer wurde ich auf meine jetzige Entsendeorganisation, das Zentrum für Mission und Ökumene der Nordkirche, aufmerksam. Ich sammelte Informationen, meldete mich zum Infotag an und fühlte mich… richtig. Die Entscheidung, mich zu bewerben, war einfach. Auf einmal war der Rest an Wegen und Möglichkeiten ausgeblendet, ich wollte nur noch zum ZMÖ und dachte gar nicht daran, mich woanders zu bewerben (bis auf eine etwa zwei Wochen dauernde Phase voller Zweifel und Sorgen à la: „Was, wenn ich nicht angenommen werde?“).
Aber es ging alles gut: Bewerbung abgeschickt, Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten, Gruppenaufgabe mit einer etwas anderen Form einer Weltkarte gemeistert und bald darauf die Zusage bekommen.
Meine Reaktion: Absolute Überraschung, Ungläubigkeit, Aufregung, Adrenalin pur. Bei meinem, nennen wir es mal einen Ausraster, den ich nach dem Lesen der Mail hatte, habe ich mit meiner Decke im Wohnzimmer fast ein oder zwei Dinge zu Bruch gehen lassen und meine kleine Schwester während dem Anfertigen ihrer Hausaufgaben sehr erschreckt (sorry).
Erst danach realisierte ich langsam: Im August 2018 würde auf mich ein Jahr in einem neuen Land auf der anderen Seite der Welt warten, als Freiwilliger in einer mir komplett fremden Gesellschaft, Kultur, Umgebung, mit Menschen, die ein anderes Leben führen als ich es von daheim kenne. Meine Aufregung wuchs.
Im Januar begann dann die Vorbereitung. Auf mehreren Seminaren lernte ich eine meiner Mitfreiwilligen kennen und die anderen jungen Menschen, die sich für die gleiche Organisation entschieden und diese Möglichkeit bekommen haben. Es folgten viele Monate voll mit Vorfreude, spannenden Einheiten, Organisationstress und Vielem mehr.
Und nun sitze ich seit etwas mehr als einer Woche hier in Kapstadt fest und will schon gar nicht mehr zurück. Allmählich kommen meine beiden Mitbewohnerinnen und ich in der neuen Wohnung an. Sie wird immer mehr das Zuhause, das wir uns gewünscht und vorgestellt haben, fast jeden Tag wird gesellig gekocht, und, nach ausgiebigem „Farmshopping“, auch gespielt.
Viel wichtiger in den letzten fünf Tagen war jedoch unsere Zeit in der New World Foundation. Denn die waren sozusagen unsere „orientation days“. Jeden Tag bekamen wir die Möglichkeit, in die zahlreichen Programme und Angebote reinzuschauen. Und wir mussten feststellen: Anders als erwartet, ist die NWF mehr als ein safe space für Kinder und Jugendliche nach der Schule. Es gibt einen Kindergarten, Beratungsangebote für fast alle Bedürfnisse, Computerschulungen, Bewerbungs- und Managementtraining, und so weiter. Ich könnte diese Aufzählung noch lange weiterführen.
Während dieser Orientierungsphase galt es dann noch einiges an Papierkram zu erledigen. Und so gestaltete sich die ganze Woche als eine Flutwelle von Neuem, gemischt mit lästigen Organisationgeschichten. Die Folge: Abends schaute man geschockt auf die Uhr mit einem entsetzen Ausruf wie: „Sh*t, es ist schon halb zehn.“ Und ja, so gut wie jeden Abend lagen wir kurz nach zehn im Bett, ganz einfach, weil wir jedes Mal dezent müde von der NWF nach Hause kamen.
Zusätzlich zum vollen Terminkalender belastet uns aktuell auch noch das Wetter. Wenn ich jetzt sage, wir haben hier jeden Tag nicht mehr als 15°, dann klingt das vielleicht nicht kalt, aber der Wind und die klare Luft, lässt einen mit Pulli, Jacke und Decke frierend in der weder geheizten noch isolierten Wohnung sitzen. Allmählich gewöhnt man sich daran und der Frühling dürfte hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen, denn Frühstück in Winterjacke muss nun echt nicht jeden Tag sein.
But: Thank God, it’s Friday, denn so kann ich morgen und am Sonntag ein paar Stunden länger unter meinen zwei warmen Decken bleiben, bevor wir uns daran machen werden, Kapstadt und Umgebung kennenzulernen. Freuen tue ich mich trotzdem, nicht nur auf das kommende Wochenende, sondern auch und besonders auf die folgenden 12 Monate hier, auf der anderen Seite der Welt.

Kommentare:

Stephan
05.09.2018

Hallo Sohn Wechselt ihr euch beim Schreiben ab? Wann geht es weiter in deinem Blog? Gruß an auch drei.

Jan-Niclas
05.09.2018

Hallo Vater Jeder von uns schreibt seinen eigenen Blog. Freitag kommt der zweite Teil. Grüße zurück :)

Felix
21.02.2019

Hallo Jan-Niclas, ich habe die riesige Ehre dein Nachfolger als Frewilliger in der NWF zu sein. Hättest du vielleicht am Wochenende Zeit zu telefonieren? Ich würde mich sehr über eine Eückmeldung freuen! Mit freundlichen Grüßen Felix ?

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