TGIF #3

Vier Wochen.

Vier Wochen lebe ich nun schon in Kapstadt. Aus zweierlei Gründen ist das unglaublich.

  1. Es fühlt sich an wie gestern, dass ich Jackies Freundin am Flughafen mit Jackie verwechselt und das Ganze sehr peinlich habe werden lassen, dass ich in den Flieger gestiegen bin und meine erste Nacht in dem knarzenden Bett in unserer Wohnung verbracht habe.
  2. Die Erfahrungen der letzten Wochen sind so zahlreich und vielfältig, dass ganze Jahre damit gefüllt werden könnten und ich habe noch etwas mehr als elf Monate vor mir, um diesen Erfahrungsschatz sogar noch zu erweitern.

Wenn man die letzten vier Wochen aber mal zusammenfassen möchte, dann lässt sich eigentlich nur sagen: „Wow.“
Wow, weil dieses Gefühl von Familie und Gemeinschaft in der Arbeitsstelle eine Sicherheit und einen Zusammenhalt bietet, die man sonst nirgends findet.
Wow, da die Stadt und die Umgebung so überwältigend schön sind, dass ich mir aktuell keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen könnte.
Wow, warum ist Uber noch nicht im deutschen Mainstream angekommen?
Wow, weil der südafrikanische Winter hier in Kapstadt mich doch sehr zum Frieren bringt.
Wow, denn wenn man hier ins Kino geht bekommt man kein gezuckertes Popcorn. Man muss sich selbst verschiedene Pulver (Geschmacksrichtung Salz oder Butter oder eine dritte, die ich vergessen habe) drüberstreuen, um dem Ganzen Geschmack zu verleihen.
„Wow, what?“ War unsere Reaktion, als wir hörten, dass manche Clubs hier nur bis zwei Uhr geöffnet haben, andere maximal bis vier.
Wow, weil das Lächeln eines Kindes, jeden Tag zu einem besseren macht.
Ich könnte noch sehr lange so weiter machen. Aber viel lieber möchte ich von den vergangenen sieben Tagen erzählen, den diese letzte Woche, war, glaube ich, die aufregendste.
Das Wochenende haben wir unter anderem damit verbracht, uns im Aquarium an der Waterfront umzusehen. Neben wunderschönen Lebewesen des Meeres wurde auch viel Wert auf Aufklärung für Nachhaltigkeit und die Verschmutzung der Meere gelegt. Mit interaktiven Spielen konnte man die Folgen seines Lebensstils als Verbraucher kennenlernen, es wurden Möglichkeiten für das Einsparen von Wasser und Plastik vorgestellt und natürlich über das Sterben der Meeresbewohner durch Plastikteile informiert.
Nach dieser sehr einprägsamen Tour durch die Welt unterhalb der Meeresoberfläche, sind wir im Watershed gewesen. In dieser Halle haben kleine Designer, Kunsthandwerker und viele andere kreative Geister ihre eigenen kleinen Stände und Läden und verkaufen selbstgemachte Artikel von Mode über Schmuck und Bilder bis hin zu Skulpturen aus alten Flip Flops und Taschen aus Deckeln von Cola-Dosen. Wären die Preise andere gewesen, hätten wir uns sicherlich ein paar neue Dinge für die Wohnung zugelegt.
Gegessen haben wir später etwas von Steers, einer lokalen Burgerkette, und währenddessen konnten wir uns das kleine Konzert der Medicine Dolls vor dem Victoria Wharf Shopping Centre natürlich nicht entgehen lassen. (Mein Lieblingsstück: Kiss Kiss Kill Me) Auch wenn es den Anschein hatte, dass alle Bandmitglieder entweder high oder betrunken oder beides waren, hat vielleicht gerade das den Spaß ihrer Show ausgemacht.
Am Abend waren wir dann in unserem ersten Kapstädter Club auf der Long Street. Auch wenn die Musik meinen Geschmack (die meiste Zeit) ein wenig verfehlt hat, hatten wir und zwei weitere deutsche Freiwillige aus einer anderen Einsatzstelle einen sehr lustigen Abend, bis wir dann um halb zwei erfahren haben, dass die Party in dreißig Minuten vorbei sei.
Mit besagten Begleitern sind wir dann am Sonntag nach Simon’s Town gefahren, haben die Aussicht über das Meer und die Berge genossen und die warme Sonne. Damit ging ein aufregendes Wochenende entspannt zu Ende.
Die Arbeitswoche war in der ersten Hälfte durch das Sammeln der Background-Informationen der Teilnehmenden des After Care-Programms geprägt. Alle Jugendlichen mussten ein paar Fragen zu ihrer Familie und ihrer Wohnsituation beantworten, bevor wir sie wieder in die Hausaufgabenbetreuung oder das Nachmittagsprogramm entlassen haben.
Am Dienstag nach der Arbeit sind wir mit etwa zwanzig Kolleginnen und Kollegen zum Kino in die Mall gefahren. Gezeigt wurde der Film „Ellen: The Ellen Pakkies Story“. Er basiert auf einer wahren Geschichte und handelt von einer Frau, Ellen Pakkies, die nicht unweit der New World Foundation (NWF) in Lavender Hill ihr kleines Haus hat. Sie ist Mutter und ihr jüngster Sohn, Abie, wird 2007 aufgrund von Aggressionen der Schule verwiesen und gerät in die Drogenszene des Townships, als er erfährt, dass er das Kind eines Vergewaltigers ist und der Mann, der ihn aufgezogen hat, nicht biologisch mit ihm verwandt ist. Er beginnt zu dealen und wird selbst von Crystal Meth, hier „Tik“ genannt, abhängig. Abie verliert die Kontrolle und beginnt, seine Eltern zu bedrohen und zu attackieren. Er klaut die Ersparnisse des Vaters, sowie fast alles, was sich irgendwie verkaufen lässt aus dem Haus seiner Familie. Er schlägt seine Mutter, die hin und her gerissen ist zwischen Angst vor und Sorge um ihn. Schutzzäune, neue Schlösser und andere Maßnahmen bringen nichts. Ellen lässt ihren Jungen von der Polizei einsperren, doch nach wenigen Tagen kommt er wieder raus. Sie macht ihm einen Termin für eine Therapie, doch als er zu spät kommt, wird er abgewiesen. Nichts und niemand schafft es, Abie davon abzuhalten, immer wieder seine Eltern zu terrorisieren, die ihn auch nicht auf die Straße schicken wollen und darum ihm Schuppen hinterm Haus ein kleines Zimmer einrichten. Als er immer aggressiver wird und wortwörtlich mit dem Feuer spielt, beschließt Ellen Pakkies an einem Morgen, ihm das Leben zu nehmen, um sich selbst zu retten und Abie von den Qualen der Abhängigkeit zu erlösen. Im anschließenden Gerichtsverfahren schafft es ihr Anwalt, sie ohne Gefängnisstrafe durchzuboxen und das Scheitern des Systems anzuprangern. Heute lebt Ellen Pakkies noch immer in Lavender Hill. Sie setzt sich in der Community dafür ein, dass sowas nicht wieder passiert und ist mit vielen Menschen der NWF gut befreundet.
Das Extreme an dem Film ist das Wissen, dass diese Geschichte auf der Realität ihres Lebens basiert. Die aufgenommenen Bildern stammen hier aus dem Township, teilweise sogar aus unserer Arbeitsstelle. Dadurch bekommt das Ganze eine Nähe zu unserem neuen Alltag, die schwer in Worte zu fassen ist. Das Schlimmste ist jedoch das Bewusstsein, dass solche Geschichten nicht etwa nur der Vergangenheit angehören, sondern jeden Tag hier so oder so ähnlich vorfallen. Das macht einem nur noch mehr bewusst, welche Verantwortung wir in der NWF tragen, wenn wir uns tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen um Aufklärung bemühen.
 
Dann kam der Donnerstag, der Tag der Junior Clubs. Ab 15 Uhr kamen die Jungen und Mädchen zwischen 9 und 13 Jahren in separaten „Clubs“ zusammen, um, im Fall des Junior Boys Clubs, über self esteem (dt.: Selbstwertgefühl) zu reden, ein Thema, welches die Mädchen in der Woche davor durchgenommen hatten. Nach dem gemeinsamen Essen haben die Jungs mit einem kleinen Clip zum Einstieg, einer anschließen Diskussion und einer Auflistung unserer Stärken und Schwächen gelernt, was es bedeutet, ein gutes oder schlechtes Selbstwertgefühl zu haben und wie Stärken und Schwächen das Ganze beeinflussen, sowie, was man selbst tun kann, um sein Selbstwertgefühl zu steigern. Die sonst eher chaotische Gruppe hat während der gesamten Session aktiv mitgemacht und man konnte spüren dass sie Spaß an der Sache hatten und auch das Thema gut aufgenommen haben. Nach nun drei kompletten Wochen mit den Kids, war das eine sehr schöne und erfüllende Einheit. Für diese inhaltliche Arbeit, die die Teilnehmenden beeinflusst und zum Denken anregt, bin ich hier her gekommen und nach dem Ende dieser Session hatte ich das Gefühl, den ersten Schritt dafür gemacht zu haben. Leider dürfen wir aktuell aufgrund der Vorschriften unserer Einsatzstelle keine Bilder von der Arbeit für andere Dinge als offizielle Bericht nutzen.
Heute geht damit schon die Vierte Woche in Kapstadt zu Ende. Viele werden noch folgen. Die vergangene Zeit hat bereits jetzt nicht mehr auszuradierende Spuren hinterlassen. Ich lerne jeden Tag Neues über die Menschen in der Community von Lavender Hill, bekomme langsam ein kleines Gefühl für ihre Leben und ihren Alltag. Damit einher geht die Vorfreude auf ganz viele neue Erkenntnisse und Perspektiven, auf das Entdecken neuer Seiten an mir selbst und ein weiterentwickelten Selbstbewusstsein.
Das alles und noch viel mehr erfüllt und beschäftigt mich gerade, hier auf der anderen Seite der Welt.

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