TGIF #5

(Ja, ich weiß, Freitag ist vorbei, aber die folgenden Zeilen erklären vielleicht, warum ich gestern nach der Arbeit fast sofort ins Bett gefallen bin.)
In drei Tagen geht unser zweiter Monat hier in Kapstadt zu Ende. Wenn man überlegt, dass ich vor drei Monaten weder gepackt, noch mich verabschiedet, geschweige denn alle Sachen beisammen hatte und mein Leben aus Netflix, essen und schlafen bestand, dann klingt das wie ein anderes Leben. Nach vielen Jahren, in denen sich über den Zeitraum von zwei Monaten nie viel verändert hat, ist die Müdigkeit, die mich nun immer begleitet, gut zu verstehen. Wir haben unsere Heimat verlassen, sind in eine Dreier-WG auf einem anderen Kontinent gezogen und begannen unser Abenteuer.
Mit keinen Worten könnte man die bisher vergangene Zeit angemessen beschreiben. Die neuen Menschen in meinem Leben, die zahlreichen Erfahrungen und Geschichten, das Gesehene und Erlebte, es ist in meinem Kopf noch nicht angekommen, dass das alles echt war und ist.
Was aber auch gerade die letzten zwei Wochen gezeigt haben, ist, wie anstrengend und auspowernd diese Reise ist.
Denn hier waren Schulferien. Und nein, das Problem war nicht, dass die Kinder plötzlich den ganzen Tag da waren. Das Problem war, dass sie sechs Tage lang nicht da waren. Da wir beschlossen hatten, kein Holiday-Programm anzubieten, ging es für mich an den Vormittagen in die Educare, die wohl am ehesten mit einem Kindergarten und der Vorschule zu vergleichen ist. Mit gut zwanzig Kindern stand nun jeden Morgen drei Stunden am Stück spielen, toben und das Ertragen des pausenlosen Geschreis an. Wäre nicht jedes einzelne Kind so voller Liebe und Freude mir, „dem Neuen“, gegenüber, wäre ich in diesen Tagen wohl kläglich untergegangen. Zum Glück konnte ich mich aber nach jeder der vielen Verschnaufpausen aufraffen und weiter so tun, als würde ich den Kuchen aus Bausteinen und den Kaffee aus den leeren Bechern genießen. Sobald es dann zwölf wurde und die Kinder alle auf ihren Matratzen lagen und langsam einschliefen, setzte ein unmittelbares Gefühl der Zufriedenheit ein. Der Frieden und die Ruhe, die diese winzigen, liebenswürdigen Powermaschinen ausstrahlten, hat mich überzeugt, auch weiterhin morgens runter zu den Kleinen zu gehen. Auch wenn ich jedes Mal zur Mittagspause gefühlt leblos in meinem Stuhl hing und schlicht und ergreifend nicht mehr konnte.
Eine unserer Hauptaufgaben für diese schulfreie Woche war das Erstellen des „Monthly Reports“ (monatlicher Bericht) über die Aftercare. Der Begriff kann irreführend sein, denn diese Berichte werden tatsächlich nur alle zwei Monate angefertigt und in einem großen Meeting mit allen Programmen der New World Foundation (NWF) vorgestellt. Ich spreche hier von einem länger als drei Stunden dauernden Zusammentreffen mit einem Haufen von im Kern gleichen Präsentationen. Thema dieses Staff-Meetings war das Feedback unserer „participants“ (Teilnehmenden) und gegebenenfalls der Eltern oder Vormünder. Jeder stellte kurz vor, was die Befragten zu den wichtigsten Fragen geantwortet oder angekreuzt haben. Normalerweise geht es in den Monthly Reports hauptsächlich um das Zeigen der Aktionen aus den letzten zwei Monaten und die Pläne für die kommende Zeit. Die Anzahl der Programme und der Fokus auf das Feedback haben das leider dieses Mal nicht zugelassen.
Am Dienstag der zweiten Woche ging dann auch das übliche Aftercare-Programm wieder los. Mit anderen Worten: Ein Haufen überdrehter Kinder und Jugendlicher stürmt in der Halle auf und ab, ist aufgeregt uns wieder zu sehen und hört gleichzeitig noch weniger als zuvor auf irgendetwas, das wir ihnen sagen. Es war trotzdem schön, wieder die vertrauten Gesichter zu sehen, die Namensliste abzuhaken und jeden zu begrüßen.
Eine neue Herausforderung in dieser Woche war erstmalig der Umgang mit direkter Kritik aus dem Kreis der Kinder. Von einer Person erhielt ich einen kurzen Brief, in der mir insgesamt Unhöflichkeit und unangemessener Umgang vorgeworfen wurde. Im ersten Moment trifft einen so etwas hart. Zu hören, dass das Verhalten so aufgefasst wird, ist erschreckend, wenn man sicher war, alles richtig zu machen.
Wichtig für das Verständnis dieser Situation ist das Wissen, dass manche der Kinder aufgrund instabiler Verhältnisse daheim, fehlender Elternteile oder Vätern in Gangs anders agieren als gewohnt. Sie können aggressiver sein, respektloser, teilweise gewalttätig. Wenn man diesem Verhalten dann mit klaren, lauten Worten und Anweisungen begegnet oder mit kleinen Drohungen wie dem Ausschluss von bestimmten Sessions oder kein Erhalt von Obst für den Heimweg, dann steht man schnell als der Böse dar, der kein nettes Wort zu verlieren hat, immer nur schreit und in deren Augen sich schlecht und falsch verhält.
Ein Gespräch mit der Leiterin der Programme hat mir in dieser Situation geholfen, diese Zusammenhänge zu verstehen und solche Aussagen nicht zu persönlich zu nehmen. Ich weiß jetzt besser, wie ich mit den entsprechenden Kindern umgehen muss, darf und soll und in den nächsten Wochen wird sich diese Spannung dann hoffentlich legen, denn der Böse, dem man nicht vertrauen kann, möchte ich für keines der Kinder sein.
 
Diese letzten 14 Tage bestanden aber natürlich nicht nur aus neuen Herausforderungen in der Arbeitsstelle.
Am letzten Samstag im September waren wir von einem Arbeitskollegen eingeladen worden, ihm und seiner Familie bei einer Art Fest zu helfen. Wir sollten ein Piñata bauen und spenden, dieses DIY-Projekt misslang kläglich und leider haben wir dann auch noch „vergessen“ zumindest die Süßigkeiten auszuteilen.
Aus den erwarteten zwei bis drei Stunden wurde dann ein ganzer Tag in einer großen Schulaula, gefeiert wurden die Senior*innen der umliegenden Communities. Wir bereiten Essen vor, dekorierten Tische, spielten Kellner*innen, tanzten mit den Gästen, hörten und sahen lokale Künstler*innen und hatten insgesamt eine einzigartige Erfahrung.
Die älteste Generation wird in der hiesigen Kultur sehr gepriesen, respektiert und wert geschätzt. Dazu diente diese Veranstaltung, bei der man sehr schön beobachten konnte, wie viel Leben in so manchem älteren Körper noch steckt. Überwältigend waren die Mengen an Lebensmitteln und Naschkram, die jeder am Ende als Geschenk mit nach Hause nehmen durfte. Für uns zeigte dieser Tag mal wieder eindrücklich, wie wichtig hier die Community ist, das Helfen und Unterstützen untereinander und… das Essen. Es schmeckte aber auch alles so unbeschreiblich gut!
Nachdem wir uns dann am nächsten Tag endlich aus dem Bett gerollt haben (so eine Senior*innen-Party ist anstrengender und aufregender als es klingen mag) ging es für uns zum Newlands Forest. Ich persönlich war noch nie wirklich wandern, darum war die Vorfreude und die positive Anspannung groß. Mit einigen Freunden ging es stetig den Berg hinauf, durch den Wald, der uns vor der inzwischen sehr starken Sonne schützte, mit einem Ausblick über die Stadt, die umliegenden Gebirgszüge und den Ozean. Selten findet man beides, Meer und Berge nebeneinander, aber hier in Kapstadt ist es ein atemberaubend schöner Standard, den ich nie wieder missen möchte.
Den Donnerstag haben wir für einen schnellen Ausflug in die Kapstädter Kunstszene genutzt. Jeden ersten Donnerstag im Monat sind viele Galerien und Ausstellungen kostenfrei geöffnet und so sind wir in die Stadt gefahren, haben uns diverse Werke angesehen und sind schließlich zu einem Retro Pop-Up gefahren. Was genau dort los war verstehe ich immer noch nicht. Es gab Gemälde, Vintage-Klamotten, Sonnenbrillen, Tattoos und Musik. Das Ganze eskalierte rasch zu einer wilden Party, die um neun dann zur offiziellen Afterparty-Stätte weiterzog, unser Zeichen für die Heimfahrt.
Das erste Oktoberwochenende brachte ein neues Gefühl von Zuhause in unser Heim. In Deutschlang gehörten Pflanzen im Haus für mich schon immer dazu. Ich kann mich an keine Zeit ohne Gewächs in meinem Zimmer erinnern und als ich im Gartencenter endlich die gesuchte Grünlilie gefunden habe, war das wie das Wiedersehen mit einem alten Freund. Jetzt steht ebendiese auf meinem Nachttisch und begrüßt mich jeden Morgen. Das mag für viele unverständlich klingen, aber diese kleine Veränderung tat sehr gut und in ein paar Wochen, werde ich die ersten Ableger groß ziehen können.
Am Samstag stand dann der erste große Ausflug an. Unser Weg führte uns zwei Stunden Richtung Osten nach Hermanus. Wer nach „whale watching cape town“ sucht, wird mit Sicherheit auf diesen schönen kleinen Ort mit dieser beeindruckenden Küstenlandschaft verwiesen. Man hätte sich dort selbstverständlich auch teure Bootstouren kaufen können, aber wir waren zufrieden mit einem Spaziergang über die Felsen und Wiesen. Leider konnten wir nicht mehr als ein paar Walrücken und einzelne Flossenspitzen sehen, aber das reichte, um diesen Tag einmalig zu machen. Dazu kamen eine süße Robbe und zutrauliche Klippschiefer, die die Schönheit der südafrikanischen Natur verdeutlichten. Abgesehen davon genügte schon das nahezu perfekte Wetter, um für gute Stimmung zu sorgen.
Für Bilder von all diesen Freizeitaktivitäten kann ich auf meinen Instagram-Account verweisen.
 
Nun sind die ersten zwei Monate fast rum. Zehn weitere kommen noch. Ich freue mich auf meine geplanten Sessions über Träume und Zukunft mit den Jungs in den Boys Clubs, darauf, bald die Facebook-Seite der NWF zu übernehmen, vielleicht mal an der Website rumzubasteln, wenn das Management einverstanden ist, den Tafelberg zu bezwingen, mich im District Six Museum und in Kirstenbosch umzusehen, mehr Zeit mit den Kleinen aus der Educare zu verbringen und diesen Strom von Neuem und Aufregendem nicht abreißen zu lassen. Denn es gibt zu viel, das ich noch nicht gesehen, gehört, gespürt habe, so vieles wartet noch darauf erlebt zu werden,
hier, auf der anderen Seite der Welt.

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