TGIF #6

Allmählich kehrt Ruhe in mein Leben hier in Kapstadt ein. Woran man das merkt? Die großen Ausflüge und Unternehmungen werden seltener, unser Alltag konzentriert auf lokalere Dinge, für die man keinen großen Aufwand betreiben muss.
Auslöser für dieses „Runterkommen“ und „Niederlassen“ ist vielleicht aber auch einfach die Müdigkeit. Ich spüre wie nach oder auch schon während der Arbeit immer schneller die Kraft für andere Dinge schwindet.
Das liegt unter anderem daran, dass das Schuljahr hier bald vorbei ist und die letzten Klausuren und Arbeiten geschrieben werden. Für unser Programm bedeutet das: Zwei Wochen am Stück jeden Tag die Kinder lesen, lernen und Hausaufgaben machen lassen. Keine Sessions, kein Basteln, kein Spielen. Lernen.
Was sich vermutlich jeder fragt: Wie soll das klappen? Tut es auch nicht wirklich. Vereinzelt wird tatsächlich gut gearbeitet, der Stoff wiederholt oder mit Eifer die Hausaufgaben gemacht. Die andere Hälfte der Kinder möchte aber lieber mit dem Springseil spielen, malen oder den Tischkicker benutzen. Wenn man dann pflichtbewusst versucht, Ruhe in die Gruppe zu bringen, Arbeitshefte und Bücher für jeden verteilen möchte und nebenbei auch noch helfen will, kommt man schnell an die Grenzen seiner Ausdauer und Nerven. Die Ergebnisse dieser Bemühungen werden wir dann in ein paar Wochen sehen, wenn die Zeugnisse ausgeteilt werden.
Weniger belastend für die Nerven, aber genauso anstrengend sind dagegen die Vormittage in der Educare, dem Kindergarten- und Vorschulprogramm der New World Foundation. Es ist einfach herzerwärmend und wunderschön, die Klasse zu betreten und dreißig kleine Köpfe sich nach einem umdrehen zu sehen, bevor das Geschrei, Geschubse und Gedrängel anfängt, weil natürlich jeder als erstes auf den Arm genommen werden will. Ohne mein Zutun haben die Kleinen auch schon meinen neuen Namen in der NWF etabliert: Janni. Eine schöne Erinnerung an die Zeiten in der Schule, denn neu ist dieser Spitzname nicht 😉
Wie schon angedeutet belief sich unsere Freizeit in den letzten Wochen eher auf kleine Erlebnisse in der näheren Umgebung. So waren wir unter anderem bei einem kleinen Basar, auf den uns eine der Lehrerinnen aus der Educare eingeladen hat. Dort wurden, wie auf einem Flohmarkt, alte Klamotten, Haushaltsgegenstände und ganz viel Krimskrams verkauft. Leider haben wir es wieder mal nicht rechtzeitig aus dem Bett geschafft und die meisten schönen Sachen waren bei unserer Ankunft schon weg, aber ein Glas mit echt leckerer Traubenmarmelade konnte ich noch ergattern.
Das wohl „aktivste“ Wochenende in letzter Zeit liegt bereits drei Wochen zurück. Anlass war der Besuch eines ehemaligen Freiwilligen des ZMÖs, welcher uns mit ein paar Freunden aus seiner Zeit hier auf die Long Street eingeladen hat. Ich als Dorfkind bin Club-Hopping und Partymeilen wie die Long Street nicht gewohnt, aber wurde mehr als positiv überrascht. Zwar konnten wir wieder nicht länger als bis vier Uhr morgens bleiben, aber ich hatte unglaublich viel Spaß, obwohl es nach der Arbeit noch echt Überwindung gekostet hat, zu der Einladung zuzusagen und sich fertig zu machen.
Den nächsten Tag ging es für uns zu einem Safe-Space-Treffen. Dieser Safe Space wurde vor einigen Jahren dafür geschaffen, um über den Alltag als queere (= nicht heterosexuelle) Person zu sprechen, über Probleme zu reden und Erfahrungen auszutauschen. Wir fanden uns in einem Kreis aus komplett verschiedenen und vielfältigen Menschen wieder und da dies das erste Treffen als neue Gruppe war, ging es vor allem um das Kennenlernen der anderen Mitglieder und der eigenen Bedürfnisse und Wünsche und Erwartungen an diesen Safe Space. Für mich war es das erste Mal, dass ich in so einem Rahmen über meine Sexualität reden konnte und anderen zuhören durfte und ich freue mich schon auf das zweite Treffen nächste Woche.
Mit dem Näherrücken des Dezembers und der nächsten Schulferien kommt auch etwas anderes auf uns zu: Der erste richtige Urlaub. Gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin Jackie und einigen Freiwilligen aus der Stadt Durban werde ich ab Mitte Dezember bis kurz vor Sylvester einen Roadtrip die Ostküste runter und die Garden Route entlang machen. Zum Glück übernehmen andere die Reservierungen und Buchungen, so kann ich mich auf die Vorfreude konzentrieren. Abgesehen davon, dass das mein erster Roadtrip wird, kann ich es kaum erwarten, mehr von diesem atemberaubenden Land zu sehen. Auch den Weihnachtstagen schaue ich sehnlichst entgegen, denn es werden die ersten abseits von Zuhause sein und aller Wahrscheinlichkeit nach, werde ich sie bei der weltweit besten Sommersonne irgendwo am Strand genießen können.
Ebenfalls langsam in die Planung geht der Besuch meiner Familie. Leider streben wir dafür den Zeitraum rund um den Geburtstag meiner Mutter an, so komme ich wohl doch nicht um ein Geburtstagsgeschenk herum, aber natürlich ist auch da die Freude groß.
Denn in vielen Momenten hätte ich diese Menschen gerne um mich, besonders abends nach der Arbeit, wenn ich erzählen möchte, was so passiert ist, aber da muss ich mich aktuell noch auf WhatsApp beschränken.
Mama, Papa, liebe Schwestern, ich vermisse euch und freue mich riesig darauf euch wiederzusehen, hier,
auf der anderen Seite der Welt.

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