Vulingqondo – Projektvorstellung

Liebe Leser/-innen,
sehr verspätet, aber nun ist er endlich fertig: Mein erster Bericht. Hier schreibe ich von meiner Anreise nach Durban, den Transportmitteln vor Ort und hauptsächlich meiner Einsatzstelle. Ich freue mich, nun endlich meine Erlebnisse teilen zu können und wünsche viel Spaß beim Lesen.
Für mich beginnt die Reise nach Durban an einem stürmischen Tag in Hamburg. Es ist der neunte August. Zwar geht mein Flug erst am Abend des zehnten Augusts, doch am Vortag, als das Zimmer leergeräumt und auch der letzte Rest eingepackt ist, realisiere ich langsam: Morgen geht es los.
Bis zu diesem Tag glaubte ich, ich sei bereits geübt „Wegzufahren“, „Alles Bekannte hinter mir zu lassen“ und „Ein Jahr nicht in Deutschland zu sein“, da ich durch mein Auslandsjahr inArgentinien während der Schulzeit genug Erfahrungen gesammelt habe. Plötzlich wird mir aber bewusst, dass diese zwei Auslandsjahre nicht unterschiedlicher sein können: Ich werde nicht, wie in Argentinien, geregelt zur Schule gehen, sondern arbeiten. Ich werde nicht von derOrganisation „von Haustür zu Haustür getragen“, sondern reise eigenständig. Auch, wenn ich mir keine Gedanken darüber machen muss, nicht empfangen zu werden oder alleine zum ersten Arbeitstag finden zu müssen – dieses Mal bin ich definitiv mehr auf mich alleine gestellt.
Nachdem ich von acht meiner liebsten Menschen zum Flughafen gebracht wurde, geht die Reise so richtig los. Der Flug ist sehr angenehm, weil ich glücklicherweise durch freie Nachbarsitze fast durchschlafen kann. Nach der Landung schlägt mir auf dem Rollfeld dann die 40°C warme Abendluft entgegen, ich bin mit meiner Jeans definitiv falsch für Dubai gekleidet. Zum Glück bleibe ich nur ein paar Stunden, die dadurch verkürzt werden, dass ich meine Mitfreiwilligen Leonie und Nils kennen lerne. Beide wurden über das „Evangelisch
Lutherische Missionswerk“(ELM) entsandt. Mit ihnen werde ich die kommenden zwölf Monate in denselben vier Wänden wohnen und für mich ist schnell klar: Mit den Beiden lässt es sich gut leben, denn sie zeigen bereits bei der Anreise, dass sie nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen sind. Zum Veranschaulichen: Ihr Flug am Vortag ist ausgefallen, da das Unwetter in Hamburg zu stark war. Leonie und Nils sind daraufhin weder nervös noch wütend geworden, sondern haben sich über die gemütlichen Hotels gefreut, in denen sie untergebracht wurden.
von Links: Nils, Leonie, Sandra und ichNach unserer gemeinsamen Landung in Durban wurden wir freundlich von meiner Mentorin und Leiterin der Einsatzstelle, Sandra, sowie dem Pastor einer Gemeinde in der Gegend, in Empfang genommen und zu unserer Wohnung gebracht. Wir waren sehr müde von dem zweiten Flug, aber voller Vorfreude auf das, was uns im kommenden Jahr erwartet. Inzwischen sind wir drei ein super Team geworden und fühlen uns wirklich wohl in unserer Wohnung.
Zu unserem großen Glück ist meine „Vorfreiwillige“ Anni noch für drei Tage bei uns und kann uns wertvolle Tipps mit auf den Weg geben (und hat mir ihren rosa Bademantel vererbt!). Sie hat uns
vor allem geholfen, indem sie uns beigebracht hat, die wichtigsten Wege mit den Taxen zu finden. Gemeint sind Taxibusse, die feste Routen fahren. Vergleichbar mit einem kleinen Linienbus in Deutschland, allerdings ohne Haltestellen. Wenn man weiß wie eine Taxiroute verläuft, kann man sich an den Straßenrand stellen, warten und den Finger heben, um mitzufahren. Beim Aussteigen muss man lediglich einmal laut Bescheid sagen, kurz bevor das Taxi an der gewünschten Stelle ist. Die erste Taxifahrt, die ich alleine gefahren bin (ca 1 Stunde bis zum Kindergarten), war ein pures Abenteuer. Vor allem, weil die Straßen, überall gleich aussehen, hatte ich Panik, mich zu verfahren. Keine Sorge, mir ist nichts passiert. Anni hat gute Arbeit geleistet.
Die Fahrer kennen gefühlt jedes Gebäude auf der Strecke, was alles sehr erleichtert. Sie sind übrigens meiner Meinung nach die multitaskingfähigsten Menschen der Welt. Sie bekommen das Geld (7, in manchen Taxen 8 Rand = ca. 50 ct) nach vorne gegeben, müssen dieses zählen und das Wechselgeld nach hinten reichen. Dabei achten sie auf die Menschen auf der Straße, um einen möglichen Fahrgast nicht zu übersehen und darauf, ob ein Fahrgast aussteigen möchte. Außerdem fahren sie das besagte Taxi und müssen sehr auf den Verkehr achten, da Straßenregeln hier grundsätzlich sehr viel lockerer gesehen werden, als in Deutschland. Unsicher fühlt man sich trotzdem nicht. Wir fahren schließlich täglich mit dem Taxi zur Arbeit und zurück.
Das Transportmittel, mit dem wir uns an Orte bewegen, die nicht auf unseren bekannten Routen liegen, ist Uber. Diese App ist sehr verbreitet in Südafrika, bezahlbar und funktioniert rund um die Uhr.
Mein erster Tag im Projekt ist gleichzeitig der Letzte von Anni. Ich werde hervorragend in die Tagesabläufe und Ordnersysteme eingearbeitet und es gibt ein typisch südafrikanisches Essen zum Abschied für Anni. Es gibt hervorragend gegilltes Hähnchenfleisch, dazu gebackene Süßkartoffeln, Chakalaka und ein Spinatgericht. Sehr besonders und sehr lecker.
Die Vulingqondo-Preschool ist ein Projekt der Refugee and Migrant Ministry (RMM). Sie besteht aus der Managerin und Schulleiterin Sandra, drei Lehrerinnen, zwei Frauen, die für Küche und Sauberkeit zuständig sind, einer Art Hausmeister, der alle möglichen Reparaturen durchführt aber auch für die Sicherheit des Geländes zuständig ist, und einem Freiwilligen aus dem weltwärts-Programm (zur Zeit ich). Die Idee des Vulingqondo-Projekts ist, einen privilegierten Kindergarten für nicht privilegierte Kinder zu erschaffen. Sowohl der Unterricht als auch die gesunde Ernährung sind wichtige Bausteine. Bildung und geregelte Mahlzeiten wären für die Kindergartenkinder keine Selbstverständlichkeit. Das Projekt arbeitet mit einer evangelisch-lutherischen Gemeinde und lebt von Spendengeldern. Das Gelände umfasst eine große Halle, an die die drei Klassenräume angrenzen, den Spielplatz, die Kirche und ein Haus, in dem der Pastor wohnt.

Da hier in Südafrika von „preschool“, „teacher“, „classroom“ und „student“ die Rede ist, werdeich diese Begriffe im Folgenden übernehmen. Auch wenn die Begriffe „Kindergarten“, „Erzieher/-in“, „Spielzimmer“ und „Schüler“ aus unserer Sicht passender wären. Die Vulingqondo-Preschool besteht aus drei Gruppen unterschiedlichen Alters: In der Green Group sind drei- bis vierjährige, in der Orange Group vier- bis fünfjährige und in der Blue Group fünf- bis sechsjährige Schüler. Der Tagesablauf hat für die Kinder eine festgelegte Routine. Zwischen 7:30 Uhr und 8:30 werden sie in unsere Obhut gegeben und spielen zunächst in ihren Klassenräumen. Gegen 8:00Uhr ist „Porridgetime“, sprich ein Frühstück für die Kleinen.Um 9:00 beginnt die eine Stunde „Unterricht“, also Bastelarbeiten, bei denen kleine Figuren, Collagen, Masken und viele andere kleine Dinge entstehen. Die meisten Materialien, die wir zum Basteln benutzen, sind recycelteGreen-Group mit gebastelten Kronen zum Thema Wetter Alltagsgegenstände wie Klopapierrollen, Flaschendeckel, Pappschachteln, Eierkartons und so weiter. Um 10:00 ist „Snacktime“ und jeder Schüler bekommt ein kleines Sandwich mit Erdnussbutter oder Marmelade. Anschließend wird draußen im„Junglegym“ getobt und täglich wechselnd benutzt eine der Klassen die Fahrräder um auf dem Innenhof noch schneller unterwegs sein zu können. Gegen 11:00 ist„Constructiontime“ und es wird gepuzzelt, gestempelt, Lego und Duplo gespielt und mit Bauklötzen gebaut. Dabei entsteht oft ein Kuchen, den man dann probieren muss ☺. Um 12:00 ist Mittagessen. Es gibt einen Wochenplan für die Gerichte und eine Spendengemeinde sorgt dafür, dass das gespendete Essen ausgeglichene Nährwerte hat. Nach dem Essen werden einige Schüler bereits abgeholt. Für alle anderen gibt es eine Mittagspause bis 14:30. Der Kindergarten betreut die Kinder, die nicht früher abgeholt werden können bis 17:00. Das Nachmittagsprogramm ist frei zu gestalten, spielt sich aber, solange es nicht regnet, draußen ab.

Mein Aufgabenfeld ist sehr vielseitig. Neben dem Unterrichten bereite ich viele Bastelarbeiten für die Klassen vor, ersetze fehlendes Personal und kümmere mich um die neuen Anmeldungen. Ich trage die Ausgaben und Einnahmen in Listen ein und halte im Office Ordnung. Zusätzlich bin ich für die etwa einmal im Monat stattfindenden Jumblesales zuständig. Diese kann man sich als Flohmarkt vorstellen, bei dem wir Kleiderspenden sehr günstig verkaufen um eine win – win Situation zu erschaffen. Menschen, die wenig haben, kommen gut an neue Kleidung für sich (viele verkaufen sie auch teurer weiter) und wir können kleine Projekte mit dem Gewinn durchführen. Zum Beispiel werden die gemieteten Taxen für Ausflüge bezahlt oder einzelne Spielzeuge nachgekauft.

Man sieht: Es ist viel zu tun. Ich kann aber sagen, dass ich jeden Tag gerne zur Arbeit gehe. Es ist toll, von strahlenden Kindern begrüßt zu werden, die sich immer freuen, mich zu sehen. Wir können alle unglaublich viel voneinander lernen und ich bin sehr dankbar dafür, diese Erfahrung machen zu dürfen.
In diesen Wochen bereiten wir uns auf das neue Jahr vor. Alle Spielzeuge werden gewaschen, die Anmeldelisten werden aktuallisiert und man merkt bereits in der Stadt, vor allem aber am Strand, dass der Tourismus für die bevorstehenden Sommerferien ansteigt.
Ich gebe mir Mühe, dass ihr diesmal nicht so lange auf den nächsten Eintrag warten müsst und schicke euch ganz liebe Grüße aus Durban.
Euer Justus

Kommentare:

Michael Garvs
29.11.2018

Sehr schön! Wild Horses ... on the run. Schöne Grüße!

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