Weißt Du, wo die Kakteen blühen?

Ganz im Süden, da gibt es einen Ort, der ist schrecklich und wunderschön. Man weiß nicht, ob es ihn wirklich gibt, bis man dort ist, und man verlässt ihn wie mit dem Nachklang eines intensiven Traums. Er existiert auf keiner Karte, abseits von Raum und Zeit, hinter dem Zaun unserer Welt.
Sie nennen ihn Naserian. Eine geläufige und treffende Äquivalente wäre porini, wörtlich im Busch. Sieben Stunden Bus, erst gen Osten und dann landabwärts, zwei Stunden Motorrad ins Buschinnere und nochmal zwei Stunden zu Fuß Richtung tansanischer Grenze – da habe ich ihn gefunden.
Die Kinder rennen hier so schnell, dass der Wind ihre bunten Stofffetzen vom Körper abhebt und ihre staubigen Pobacken im Abendlicht leuchten. Sie spielen mit Mistkäfern, putzen sich mit Zweigen die Zähne und schlafen auf einem Stück Leder unter den Sternen. Ich stolperte in ihr Leben wie in ein Foto, begleitet von meiner zweiten Hälfte Sarah und unserem Freund Edward, der uns über die zwölftägigen Mid-Term-Ferien in seine Heimat bei den Maasai eingeladen hat. Für einen Moment glaubte ich, dies sei die Rückkehr ins Paradies; in ein authentischeres Urbild menschlichen Daseins. Oder dies sei eine Ahnung vom Land, in dem Milch und Honig fließen – nur ohne Honig.
Was ebenfalls nicht floss waren Strom und Wasser, und das sind nur zwei Eckpfeiler aus einem Leben des Verzichts. Es ist beeindruckend, an wie vielen Enden man sparen kann – wenn man muss. Womöglich könnte ich ein ganzes Buch mit den „Life-Hacks“ dieser Menschen füllen, und würde es betiteln „Und wozu kann man das noch gebrauchen?“. Erst jetzt verstehe ich die Bedeutung wahrer Lebens- und Überlebenskunst, und zugleich schnürt sich die Tatsache, dass die Menschen das Leben nicht anders handhaben können, um meine Faszination. Eine bittere Enge legt sich unter die Bewunderung, und es mischt sich eine stichhafte, ja fast ironische Irritation hinzu, als ich mit einem halben Lächeln feststellen muss, dass den Menschen hier weniger fehlt als uns im Globalen Norden.
Ich versuche, nicht so viel und nicht so schnell zu urteilen. Möchte mich auch nicht messen –  ohne Spiegel, ohne Uhr – möchte nur im Wasserfall stehen und das Leben sein lassen, wie es ist, denn das meistern die Locals ja so gut. Doch schon nach zwei Tagen bleibt mir die Akzeptanz als Tränen im Hals stecken. Weil das kleine Mädchen, das meine Hand hält und meine Haare streichelt, mit sechs genitalverstümmelt und mit zehn zwangsverheiratet wurde. Weil ich nicht glauben kann, dass die Welt so sein soll. Obwohl außer Sarah niemand Englisch versteht, fluche ich diesmal auf deutsch, und bin dann erstmal eine ganze Weile still.
Sarah sagt mir, das Leben und Denken der Maasai, die übrigens lutherische Christen sind, sei in einem drastischen Wandel begriffen, und doch hat der zweijährige Sohn unserer Gastgeberin seine drei traditionellen, ringförmigen Brandmale erst letzten Samstag auf beide Wangen und auf die Stirn gebrannt bekommen, wo sie sein Leben lang für den Stolz seiner ethnischen Zugehörigkeit stehen werden. Abends liegen wir nackt im Bett, der Kleine schläft und seine zierliche, zwanzigjährige Mama erzählt uns, dass ihr Vater sie ein Jahr vor Schulabschluss verheiraten ließ und verscheuchte, als sie am Morgen nach der Hochzeitsnacht noch einmal zurück nach Hause lief. Die Familie des Mannes hatte ja schließlich schon bezahlt. Ich frage, wieviel ein Mädchen hier wert ist – ungefähr sechs Kühe.
Trotz all dem geht die Sonne am nächsten Morgen über den Lehmhütten auf und wirft ihren Zauber über die Pflanzen, Tiere und Menschen, die alle Eins zu sein scheinen. Die tiefen Sprünge in dieser so natürlichen Vollkommenheit sind unsichtbar, unaussprechlich, unfühlbar. Während die Männer tagsüber mit den Kühen auf der Weide sind, begleiten Sarah und ich die Frauen und Kinder in ihren alltäglichen Beschäftigungen, erleben so viel Gastfreundschaft wie noch nie zuvor, dürfen selber immer mehr Teil dieser Einheit werden. Und in der leichten, BH-freien Maasaitracht gelingt das auch fast, doch dann tut die Identifikation wieder weh. Denn darin besteht das interkulturelle Spagat – sich in meine Mitmenschen hineinzuversetzen, hineinzuverlaufen und hineinzuverstehen, ohne sich dabei selbst zu verletzen.
Nach Einbruch der Dunkelheit hören wir irgendwann das Knattern der Motorräder und kurz darauf auch die Kühe, da wissen wir, dass die Männer (und die Kühe) wieder da sind. Es geht ans Melken, wobei ich gründlich ausgelacht werde und einen fortlaufenden Kimaasai-Crashkurs durch die Kinder bekomme, von denen Einige kein Suaheli sprechen. Es gibt zwei kleine Solarleuchten, doch das haptische, warm-feuchte Erlebnis habe ich auch im Dunkeln. Gemeinsam benennen wir Körperteile und lachen dann doch wieder so, als sei die Welt in Ordnung.
Sarah bleibt stets bei mir, spendet Sicherheit, Orientierung und Antworten auf meine tausend Fragen und zieht mit mir durch die umliegenden Dörfer, um (vergeblich) nach Klopapier zu suchen. Sie hält mich zurück, wenn ich dabei bin, einen Raum zu betreten, in dem Männer essen, und kann mir beispielsweise auf Englisch erklären, dass mir das Mädchen gerade nicht auf meine Frage antworten kann, weil die Schwiegermutter mit im Raum steht. Ohne Sarah wäre ich… es ist unvorstellbar.
Doch auch meine Bindung zu Voi hat die Zeit bei den Maasai gestärkt. Als wir mit viel zu vielen Abschiedsgeschenken und fünf Hühnern* am zweiten Montag wieder in den Bus stiegen, bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich sauberes Wasser nicht länger missen möchte. Offensichtlich ist es auch erforderlich, um die Bauchschmerzen und die anfangende Dehydrierung abzuschütteln, die seit Beginn der zweiten Woche in meinen Gliedern stecken. Ebenso rosig ist die Aussicht, mir nach zwölf Tagen wieder die Kleidung zu wechseln und die Haare waschen zu können.
Doch ich fühle mich zerrissen. Der Schritt zurück in die Außenwelt ist wie die Annahme einer abgelegten Haut, in die ich nicht mehr hundertprozentig passe. Die Erfahrungen und Begegnungen haben auch auf mir ihre Spuren hinterlassen, und ich möchte ihnen nachspüren. Urteilen kann ich nicht, denn dafür verstehe ich zu wenig von dieser unfassbaren, ambivalenten Welt. Es kommt mir nur ein Wort über die Lippen – das Wort, das bei den Maasai nicht zu wiederhallen aufhört. Ich sage: Ashe. Asante. Danke.
 
*Randbemerkung: Die Maasai mögen weder Hühnerfleisch noch Eier. Letztere werden folglich alle ausgebrütet, weshalb es überhaupt so viele Hühner gibt. „For decoration purposes“, wie Sarah mir erklärt. Oder eben zum Verschenken.
 
 

Kommentare:

Jule
11.11.2018

Wow. So unglaublich geschrieben. Ein toller aber auch ergreifender Beitrag!

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