Wieder ich, wieder hier. Eine Reise zurück

Liebe Blogleserinnen und Blogleser, 

Nach dem neuen Blog gestern kommt heute noch ein weiterer, der sich um das Thema “Rückkehr” dreht. In meinem Fall und im Fall der anderen Freiwilligen eine sehr abrupte und unfreiwillige Rückkehr. Ich möchte halbwegs chronologisch vorgehen und über die letzten Wochen hinweg einmal beschreiben, was dieser Begriff eigentlich im Detail für mich bedeutet hat und jetzt bedeutet. 

Bis Mitte März, als Corona richtig anfing abzudrehen, hätte ich niemals gedacht, dass mein Freiwilligendienst plötzlich enden könnte. Ja klar, irgendwie hätte ja irgendwas sein können, dass ich in Deutschland gesundheitlich behandelt werden muss oder dass jemand aus der Familie stirbt und ich zur Beerdigung gehen würde, aber so wirklich hab ich mit sowas natürlich nicht gerechnet. Wenn ich in der Zeit an den Begriff Rückkehr gedacht habe, so hab ich mich im Juli am Flughafen gesehen, nach Wochen, in denen ich mich von jedem und allem verabschieden konnte. Ich wäre mit William noch viel gereist, hätte noch viel mehr Arabisch gelernt und ich hätte sogar schon Pläne gehabt, im September einen der Welpen von unserer Hündin nach Deutschland zu holen. Mein Studienplatz wäre im Prinzip sicher und im Idealfall hätte ich schon ein WG oder Wohnheim-Zimmer. Rückkehr war kein Trauriger Begriff, sondern eher ein leicht Melancholischer. Und ein Ferner, denn bis Juli ist ja noch echt viel Zeit. Außerdem wäre es eine Rückkehr in eine Gewissheit, denn aus dem Ausland heraus hätte ich die Zeit bis Dezember eigentlich schon voll durchgeplant. Ich hätte einen Plan, den ich selber ganz frei gewählt hätte. 

Dann kam eine Mail, als William und ich gerade bei den Hunden waren und da (wie jeden Tag) unsere Zeit vertrödelten. “Beendigung Freiwilligendienst” stand im Titel. Und so veränderte sich für mich fast alles, unter anderem der Begriff “Rückkehr”. Es klingt komisch, aber von einem Moment auf den anderen wurde aus dem melancholischen Begriff ein Bedrohlicher. Eine Tatsache, die alles was ich mir aufgebaut und was ich erreicht hatte, qualvoll ersticken würde. “Ich kann jetzt gar nicht nach Hause, das geht doch gar nicht”, war meine erste Reaktion. Es war als würde mein Leben hier jetzt enden und als würde ich in eine alte Form zurück gepresst. Und gleichzeitig bekam ich Angst bei dem Gedanken an ein halbes Jahr herumsitzen und warten. Ohne Freunde in meiner Nähe und ohne irgendeine Planbarkeit. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich Pläne und Struktur liebe und dass jetzt ein Virus meine Pläne zerstören würde, das hat mich echt wild gemacht.  

Gleichzeitig habe ich etwas erlebt, was wahrscheinlich den meisten im Jahrgang auch so ging, und zwar Schuldgefühle, weil ich mich nicht auf Deutschland gefreut habe. Eigentlich hätte ich mich doch total freuen sollen, wieder (im deutschen) zuhause zu sein und meine Familie wieder um mich zu haben. Um es aber ganz ehrlich zu sagen, ich hatte echt überhaupt keine Lust, wieder diesen Schritt zurück zu machen. Diesen Schritt zurück nach Deutschland. Denn so fühlte und fühlt es sich auch an. Wäre ich direkt nach dem Auslandsjahr zur Uni gegangen, hätte ich das Gefühl, weiterzugehen, aufzubrechen zu etwas Neuem, die “Reise” wäre weitergegangen. Und jetzt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich nicht das Gefühl, dass es voran geht. Aber sowas kann sich unglaublich schnell ändern, sei es auch nur durch eine einzige Mail.  

Jetzt kann ich auf all das zurückblicken und deshalb hat sich meine Auffassung von “Rückkehr” wieder verändert. Einige Facetten sind hinzugekommen und andere Dinge haben sich nicht bewahrheitet. Eins nach dem anderen: 

Eine Liste von Dingen, die hier selbstverständlich sind, die mir aber vor Ägypten nie aufgefallen sind: Wie sauber alles ist, wie unglaublich leise die meisten Autos sind (es gibt auch leise Autos in Ägypten, keine Frage, aber man kann sich im Kairoer Straßenlärm bestimmt nicht im Auto atmen hören. In den Autos in Anafora muss man sich ungelogen anschreien), wie schön es eigentlich ist, auf einem Sofa zu sitzen, wie luxuriös ein Badezimmer sein kann und vor allem, wie viele Dinge man eigentlich so im Haus besitzt. Ich selber bin bestimmt kein Minimalist, geschweige denn Marie Kondo, aber ich habe mich echt erschrocken, als ich das erste Mal wieder unser Haus betreten habe und die schiere Anzahl an Gegenständen wahrgenommen habe. Ich will hier aber nicht verallgemeinern und sagen, dass ein minimalistischer Lebensstil typisch ägyptisch wäre, denn das ist er bei weitem nicht, aber er ist typisch für Anafora. So kommt mir ein Haus hier in Deutschland eher so vor als wäre es ein dekoratives Lager für allerhand Besitztümer. Auf der anderen Seite muss ich aber hinzufügen, dass ich davon natürlich sehr profitiere. Es ist praktisch, dass ich unglaublich viel Stauraum für Materielles habe (und es ist toll dass ich mit 18 Jahren so viel Materielles besitze). Trotzdem ist diese Form des Wohnens nicht die einzige Option, die es gibt.  

Aber zurück zum Begriff “Rückkehr”: Ich hatte mir schon lange gedacht, dass es bestimmt schwer wird, zu erklären, was ich in Ägypten alles erlebt habe, weil ja sonst keiner dabei war, abgesehen von William. Es war mir aber nicht klar wie schwer ist es. Besonders weil ich natürlich großräumige Verallgemeinerungen so gut es geht vermeiden will, weil das meistens sehr einseitig, schlichtweg falsch oder rassistisch endet. Wenn ich es dann aber komplexer halten will, wird es schwer, weil ja auch ich nicht die “ganze Wahrheit” kenne. Auch mir ist die ganze Komplexität und zum Teil Widersprüchlichkeit der ägyptischen Gesellschaft nicht bewusst. Ich kann nur von meiner koptischen Blase berichten, die ich in einem begrenzten Zeitraum erlebt habe. Und das alles ist dann eingefärbt von der Perspektive eines wohlhabenden, gebildeten, männlichen, weißen Deutschen, der im Ausland für einen Ostasiaten gehalten wird. Man sieht: Es ist echt schwer. Dazu kommt, dass mich selber immer noch Dinge verwirren, die ich erlebt habe. Mal sehen, wann ich mir überhaupt selber meine Freiwilligendienst erklärt habe.  

Auf der anderen Seite habe ich aber nicht nur verwirrende Fragen mitgebracht, sondern auch Haltungen, die für mich so klar sind, wie noch nie. Dazu gehört mein Schock, wie in Deutschland mit den Themen Armut und Entwicklungspolitik gearbeitet wird. Denn, so kommt es mir persönlich vor, diese beiden Punkte sind nie echte Themen, sondern manchmal, wenn es sonst nichts Spannendes in den Nachrichten zu sagen gibt, lasche Referenzwerte, um dem Gutbürger vorm Abendbrot einmal zu zeigen, dass es uns Deutschen echt gut geht. “Oha, das in Afrika mit der Armut und so, das ist echt schlimm, ja. Schon irgendwie Sünde”. Aber egal, wie viele Kinder in griechischen Flüchtlingslagern in HD-Auflösung über den Fernseher ziehen, ein voller Kühlschrank in der Küche tröstet drüber hinweg. Spätestens wenn die Glotze aus ist, sind “Afrika” und “Entwicklungsländer” nur formbare Beispiele in Diskussionen, immer so, wie es gerade passt.   

Und dann kommen Berichte, wie schlimm es in der dritten Welt mit Corona wird. Dann sieht man engagierte Frauen und Männer im Slum, wie sie den Menschen beibringen, wie man richtig Hände wäscht. Außerdem sollen die Leute Social distancing betreiben, was natürlich einer Familie super leichtfällt, die jede Nacht in einem einzigen Raum verbringen muss, der gleichzeitig die Küche ist. Dass Corona dort nur eine unter unzähligen Krankheiten und Sorgen ist, die diese Menschen betreffen, wird beflissentlich verschwiegen. Begriffe, wie AIDS, Drogenkonsum ab Kindesalter, Ebola, Gelbfieber, Tuberkulose oder Cholera, zu denen Corona nur eine Ergänzung auf der Liste ist, finden keinen Anklang. Denn Corona betrifft auch uns im Westen, deswegen wird berichtet. Hätten wir die anderen genannten Punkte auch in einem bedeutenden Maße in Deutschland, so sähen die Berichte ganz bestimmt anders aus.  Zusammengefasst ist mir einfach klar geworden, wie gut der Westen darin ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen und dabei den Rest der Welt zu ignorieren.  

Aber, und das ist mir wichtig zu sagen, ich selber habe keinen einzigen Tag meines Lebens in einem Slum verbracht, geschweige denn mich mit Menschen aus diesen Verhältnissen unterhalten. Deswegen sehe ich mich nicht als Sprachrohr der Armut und möchte mich jetzt auch nicht als ein solches darstellen! Ich will nur die Bereitschaft vermitteln, diesen Sprachrohen, von denen es viele gibt, Aufmerksamkeit zu schenken. Ich möchte diese Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken. Vielmehr will ich, dass ihr, liebe Blogleserinnen und Blogleser, nicht nur meinen Geschichten zuhört, sondern den Geschichten der Menschen, die wirklich eine Botschaft haben. 

So, jetzt bin ich doch vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen, aber ich hoffe, dass dies eine gelungene Zusammenfassung der letzten Wochen ist. Rückkehr ist eben ein sehr vielseitiger Begriff und meint für jeden und jede etwas anderes. Außerdem ist Rückkehr ein Prozess, der mich noch lange begleiten wird. Ich bin gespannt auf die nächste Zeit und wie sich jetzt alles entwickeln wird.  

Salam und stay safe!  

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